Direkt zum Inhalt
Das Bild zeigt die fehlerhaft verlegte Dampfbremse.

„Der Dachdecker ist schuld!“

11.07.2017

Dieses Mal darf ich die gewohnte Umgebung des Flachdachs und der Bauwerksabdichtung verlassen und mich auf das steile Dach, besser gesagt, unter dieses begeben – mit einem 
besonderen Fall.

Schimmelbildung an  der Holzoberfläche im Dachbodenraum.

Die Sache begann mit einem Hilferuf eines Kollegen und kurz darauf auch mit dem Hilferuf des Objekteigentümers. Die beiden Anrufe lagen maximal zehn Minuten auseinander. Der Kollege hat meine Telefonnummer in der Standesvertretung erfragt, der Kunde hat diese von seinem Rechtsvertreter bekommen. Mein Motto: Zuerst die Kollegen, noch dazu wo dieser ohnedies der Erste war, und Doppelvertretungen gibt es nicht. Relativ schnell kam es zu einem Termin beim Objekt und damit zur Befundaufnahme. Bei meinem Eintreffen stellte ich fest, die Wohnsiedlung, neu erbaut und vor kurzem bezogen, besteht aus Doppelhäusern. Ein Haus war vom anderen durch eine über das Dach geführte Brandmauer getrennt. Teilweise waren die Dachflächen mit einem Dachausstieg in Kaminnähe versehen, teilweise gab es diesen Dachausstieg nicht. Die Deckung aus Tondach-Verschiebeziegeln schwarz engobiert schien mir ordentlich verarbeitet zu sein. 

Der Kollege drückt mir den Brief eines Rechtsanwalts in die Hand, dieser behauptet darin, zusammengefasst, die Dacheindeckung und Konstruktion sei untauglich und entspreche nicht den dafür anzuwendenden Regelwerken. Meine erste Vermutung: na ja, die Windlastnorm nicht befolgt und zu wenig befestigt. Mir wird erklärt, dass diese Befestigung sicherlich richtig gemacht sei und die fehlenden Lüftersteine sowie das nicht verlegte Firstlüfterband nicht bestellt worden seien, und diesbezüglich der Auftraggeber, ein Bauträger, gewarnt worden sei. 

Die Behauptungen des Kollegen ließen sich nachprüfen und stellten sich als richtig heraus. Also blieb die Frage an den Rechtsvertreter: Welchen Mangel hat der Dachdecker zu vertreten? Nachkontrolliert wurden von mir der Lüftungsquerschnitt, die Sturmbefestigung, die Lattenteilung und die winkelrechte Ausführung. Bis auf das nicht Bestellte und daher nicht Bewarnte war alles in Ordnung. Adressat für die Mängelrüge wäre daher der Bauträger gewesen. Dieser war auch aufgefordert worden, seinen Mangel zu beheben, allerdings war die Aufforderung meiner Meinung nach etwas unklar abgefasst. Beruhigend auf die Hauseigentümer einwirkend, bekamen wir die Erlaubnis, die Wohnung zu betreten, um über diese in den Dachraum zu gelangen. Da hat es mir tatsächlich und im wahrsten Sinne des Wortes die Luft genommen, ich habe nach einigen Aufnahmen rasch den Dachraum verlassen und dem Eigentümer bzw. dessen Rechtsanwalt gesagt, ein Spezialist für die Schimmelsanierung müsse schnellstens konsultiert werden und die Konstruktion müsse auch geändert werden. Der Dachbodenraum ist als kalter, durchlüfteter Dachraum geplant. Ausgeführt wurde ein geschlossener Raum.

Sie, liebe Fachleser, fragen sich, wie das geht? Ganz einfach: Der Fassadenbauer hat die WDVS-Dämmung bis auf die Schalung des Dachvorsprungs dicht angearbeitet. Dadurch gab es keine Zuluft in den Dachbodenraum, die im Firstbereich ausgelassenen Bretter für die Abluft waren funktionslos. Es gab also ein mehr oder weniger funktionierendes Kaltdach, aber keine Zuluft für den Dachbodenraum. Natürlich wurde von mir die Holzfeuchte gemessen und die Dampfbremse kontrolliert. Die Holzfeuchte war circa acht Monate nach dem Bezug bei circa 28 Volumsprozent, also für Holz nass. Die Feuchte dürfte maximal 16 Volumsprozent betragen, wenn Schimmelbildung vermieden werden soll, und natürlich muss die Zu- und Abluft funktionieren. Ein kleines Schmankerl für die Qualität der Bauausführung war die Dampfbremse, die irgendwie lose an den Mauerbänken herumhing, und der Umstand, dass die Mauerbänke nicht mit Wärmedämmung eingepackt waren, aber auf der Decke aufliegen. 

Die Präsentation eines in der ÖNorm B 4119 beispielhaft dargestellten Traufendetails hat den Bauträger dazu veranlasst festzustellen, dass Normen nur eine Empfehlung wären und eben in diesem Fall eine andere Detailausführung gewählt worden ist. Meine Nachfrage im Zuge der Befundaufnahme beim anwesenden Rechtsvertreter hat ergeben, dass dieser meinte, der Dachdecker habe die Konstruktion, auf der er seine Dacheindeckung errichtet, zu prüfen und etwaige Abweichungen wie zu nasses Holz oder die fehlende Zu- und Abluft durch das Verfassen eines Warn- und Hinweisschreibens gemäß ÖNorm B 2110 bzw. B 2219 dem Auftraggeber mitzuteilen, damit dieser Abhilfe schaffen kann. 

Noch vor Ort ist es mir gelungen, durch die Präsentation der entsprechenden Normen und den Bezug zum Bauablauf nachzuweisen, dass der Dachdecker die Fehlleistung des Fassadenbauers gar nicht bewarnen konnte, dafür auch nicht zuständig war, da er nicht mehr auf der Baustelle tätig war und seine Leistungen abgeschlossen und auch abgerechnet waren. 

Bei der Zimmererleistung galt natürlich, die Werkvertragsnorm, in der eindeutig festgelegt ist, dass der oberste Bauteil mit einfachen Mitteln zu prüfen ist, also die Lattung, die Konterlattenhöhe und die Winkel am Ortgang.

Es war zwar mühsam, aber in einer Sitzung war die Mängelrüge, ich meine leichtfertig verfasst, vom Tisch, und der Kollege konnte aufatmen und berechtigterweise dem Bauträger vor allen Anwesenden mitteilen, dass er nunmehr rasch die Rechnung zu zahlen habe, das im Werkvertrag vereinbarte Zahlungsziel sei schon lange überschritten und die Mängelrüge habe sich als schikanöse Behauptung erwiesen. 

Autor/in:
Gerhard Freisinger
Werbung

Weiterführende Themen

Das Fazit aus diesem Fall: Verwendet bitte um die ­Gullys herum eine Körnung 70 bis 100 Millimeter im Durchmesser von einem Meter. So kann in Folge kein Kleinstkorn in die Leitung gelangen.
Dach
25.05.2017

So mancher Bauwerksabdichter meinte in diesem strengen Winter, er weiß es besser und errichtete ein qualitativ hochstehendes Flachdach bei Temperaturen, die nicht nur gemäß ÖNorm B 3691 der ...

Einige erfolgreiche österreichische Projekte der letzten IFD Awards.
Aktuelles
22.05.2017

Die Internationale Föderation des Dachdeckerhandwerks IFD vergibt auch in diesem Jahr wieder die Preise der IFD – die IFD Awards 2017. Wir haben alle Informationen für die Teilnahme.

Die TU bestätigt Vorteile von Steildachkonstruktionen. Diese decken sich häufig mit den Anforderungen heimischer Bauherren und Sanierer an ihr Dach überm Kopf. Laut Repräsentativumfrage von meinungsraum.at bevorzugen weit mehr als zwei Drittel der Wohnraumnutzer ein Steildach.
Steildach
03.09.2015

Steildächer punkten mit geringen Wartungskosten und schonen die Umwelt. Das ist nicht nur das Ergebnis einer aktuellen TU-Studie. Zahlreiche steile Referenzobjekte, in diesem Fall mit Prefa- ...

Flachdach & Abdichtung
21.01.2015

Wenn der Planer eine bestimmte Art der Ausführung einer Handwerksleistung und Objektsform plant und meint, sein Auftraggeber, der Bauherr, weiß ohnedies, was er bekommt, der Planer aber keine ...

Steildach
27.08.2014

Hintergründe zur Popularität von geneigten Dächern.

Werbung