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Ein Büro wie ein Klettergerüst

12.02.2015

Im burgenländischen Steinberg-Dörfl errichtete das Wiener Architekturbüro heri&salli mit „Office Off“ ein mehrfach ausgezeichnetes Bürogebäude ganz in Holzbauweise. Die Hülle aus vorgefertigten Holzbauscheiben wird getragen von einem außenliegenden Konstruktionsraster, der dem gefalteten und geknickten Kubus strukturell wie auch optisch Stabilität verleiht. 

Mitte November wurde der diesjährige Bauherrenpreis verliehen. Gesucht wurden „ausgeführte Bauten, die in architektonischer Gestalt und innovatorischem Charakter vorbildlich sind und darüber hinaus einen positiven Beitrag zur Verbesserung unseres Lebensumfeldes leisten. Exzeptionelle Lösungen, die in intensiver Kooperation von BauherrInnen und ArchitektInnen realisiert wurden“, heißt es im Ausschreibungstext. „Office Off“, das neue Bürogebäude des Fassadenspezialisten FOB - face of buildings, ist nicht nur einer der Preisträger, sondern erfüllt darüber hinaus nach Ansicht der Jury auch in nahezu idealtypischer Weise die Anforderungen des Auslobers, der Zentralvereinigung der Architektinnen und Architekten Österreichs. In einem gemeinsamen Gestaltungs- und Planungsprozess hat sich der Bauherr mit dem Wiener Architektenteams Heribert Wolfmayr und Josef Saller (heri&salli) in architektonisches Neuland vorgewagt. Stahl, Aluminium und Glas sind die Materialien, die FOB in der Regel verarbeitet, beim eigenen Bürogebäude aber setzte das aufstrebende, junge Unternehmen auf den Baustoff Holz.

Architektur verpflichtet 

Das burgenländische Unternehmen FOB ist auf die Detailprojektierung von Fassaden aus Stahl und Glas spezialisiert. Gegründet wurde es von Johannes Stimakovits im Jahr 2000 mit einer Handvoll Mitarbeitern. Heute besteht die Belegschaft aus einem 20-köpfigen Team und ist nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa und darüber hinaus tätig. Die vergleichsweise rasche Expansion des Unternehmens machte einen Umzug aus den beengten Büroräumlichkeiten in Oberpullendorf erforderlich. „Da wir selbst im direkten Umfeld von Architektur tätig sind, war es uns natürlich ein Anliegen, unsere Erfahrungen und Kompetenzen einfließen zu lassen bzw. uns dementsprechend wiederfinden zu können. Dies war in der Zusammenarbeit mit den Architekten in besonderer Weise realisierbar. Der eminent praktische, ganzheitliche Ansatz, welcher sich zu unserem Gebäude entwickelt hat, hat für uns einen ganz besonderer Stellenwert“, so Stimakovits anlässlich der Verleihung des Bauherrenpreises.   

Hölzerner Konstruktionsraster 

Die tragende Konstruktion des futuristisch anmutenden Baukörpers basiert auf einem außenliegenden Holzraster aus Balken und Stützen mit einem Achsmaß von fünf mal fünf Metern. Diesem Raster ist ein scheibenartiger Kern eingeschrieben, der die klimatische Hülle bildet. Die Scheiben dieser Hülle sind als stabile Flächenelemente vorgefertigt und an den Eckpunkten miteinander verbunden. Der strengen Rasterung folgend durchdringen einzelne Kuben die Gebäudehülle und stützen sich auf das Außenskelett aus Stützen und Balken.    
Die Kombination von vorgefertigten Einzelteilen und dreidimensionaler Montageplanung ermöglichte die Errichtung des Rohbaus in nur wenigen Tagen. „Vorgefertigt wurden die innerhalb des Rasters liegenden Wandelemente von fünf Mann innerhalb von vier Wochen im Dezember 2012. Im darauffolgenden Februar haben wir mit fünf Mann und innerhalb von neun Tagen den gesamten Holzbau errichtet“, erklärt Roland Graf vom ausführenden Holzbauunternehmen Oswald GmbH. Die größte Wandfläche, die im Werk vorgefertigt wurde, hatte eine Dimension von 17 Metern Länge und fünf Metern Breite. Sowohl für das tragende Außenskelett als auch für die Wandbauteile kam ausschließlich Fichtenholz zum Einsatz. Eine Schindeldeckung aus Lärchenholz bildet die witterungsfeste Hülle für den geknickten und gefalteten Baukörper, die durchdringenden Kuben werden mit einem Kunststoffanstrich versehen. Selbst der Aufzugsschacht in diesem Gebäude wurde aus Massivholzplatten gefertigt. „Erstmals befindet sich hiermit der Aufzugsschacht brandschutztechnisch Norm-gerecht in einem Holzkern“, erkläutern die Architekten.  

Wohlfühlfaktor groß geschrieben 

Im Inneren sind die Holzoberflächen durchwegs sichtbar belassen. Wände, Decken, Treppeneinbauten zeigen ihren hölzernen Charakter und sorgen für eine warme (Wohn)Atmosphäre,  trotz relativ nüchterner Büroraummöblierung. Trennwände aus Glas und großzügig verglaste, durchgehend raumhohe Fassadeneinschnitte bringen viel Licht ins Gebäudeinnere und erlauben von jedem Standort bzw. jedem Arbeitsplatz aus immer den Blick ins Umland. Dabei werden mit den Tür- und Fensteröffnungen auch gleich ein paar Technologien des Hausherren präsentiert, wie außenliegende Sonnenschutzlösungen oder verschiebbare Dreifachverglasungen.  
Ein hoher Wohlfühlfaktor im Gebäude war eines der vorrangige Anliegen des Bauherren. Und dafür hat er sich gemeinsam mit den Architekten auch einiges einfallen lassen. Von der Raumorganisation her ist das neue FOB-Gebäude ein klassisches Bürogebäude: Um einen zentralen Kern herum  - in dem sich die Sanitärzellen samt aller notwendigen Versorgungsschächte untergebracht sind - wird der Baukörper erschlossen. Im Erdgeschoß befindet sich das Foyer mit Empfang, einem Besprechungsraum und einem angeschlossenem Aufenthaltsbereich. An diesen angeschlossen ist eine Terrasse im Außenbereich. In den oberen Geschoßen befinden sich die Büroräume. Soweit nicht weiter ungewöhnlich. Zusätzlich befinden sich in dem dreigeschoßigen Baukörper aber auch Schlaf- kojen mit angegliederten Nassräumen, damit man hier im Bedarfsfall auch überachten kann. Da Gebäude ist teilweise unterkellert – hier finden der Serverraum und Archivräume. 
Die Heiz- und Technikräume wurden ausgelagert, ebenso wie ein Fitnessraum für die Mitarbeiter. Dieser grenzt direkt an den Außenpool an. Bauherr und Architekt haben das Notwendige mit dem Angenehmen verbunden, denn von feuerpolizeilicher Seite war ein Löschteich für das Gebäude gefordert – und so wurde dieser in Doppelfunktion gleich als Swimmingpool ausgebildet. „Auch wenn es sich bei dem Gebäude aus vordergründig funktionaler Hinsicht um ein Bürogebäude handelt, so tritt der Begriff und Akt des Arbeitens sei Anbeginn der Entwicklung bis zur Vollendung immer wieder in den Hintergrund. Integrieret Besprechungs- und Treffpunktzonen, angeschlossene Wohnungs- und Ruhebereiche, Fitnessräume, Pool und Aufenthaltsbereiche im Freien versuchen die Aufgabe „Arbeiten“ in ein größtmögliches „Lebensumfeld“ einzubetten“, heißt es vonseiten der Architekten.

Energetisch überzeugend

Dem innovativen Arbeitsplatzkonzept steht auch das bauliche und energetische Konzept nicht nach. Das gesamte Gebäude wird im Winter über eine Fußbodenheizung erwärmt. Die Energieversorgung dafür übernimmt eine Stückholzanlage, eingekauft wird bei den Bauern aus der Nachbarschaft. Das gesamte Gebäude hat einen Heizwärmebedarf von 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Der bauphysikalisch errechnete Holzbedarf lag bei 40 bis 45 Kubikmetern pro Heizperiode. Der tatsächliche Bedarf lag nach der ersten Heizperiode bei lediglich 14 Kubikmetern. 
Über Dreiviertel der Dachfläche werden von einer Photovoltaikanlage bedeckt, die den erzeugten Strom direkt ins Gebäude einspeist. Die Schichtstärke der außenliegenden Holzwandelemente beträgt beachtliche 52 Zentimeter, wodurch diese eine hochwirksame Klimahülle bilden, die es in Kombination mit der Photovoltaikanlage ermöglicht das Gebäude weitgehend energieunabhängig zu betreiben. Für eine angenehm temperierte Arbeitsatmosphäre auch in den Sommermonaten sorgt eine Nachtkühlung. Mittel BUS-System werden die Schiebefenster in den Nachtstunden entsprechend der Außentemperatur automatisch geöffnet und geschlossen.  
Der Löschteich/Pool wird über die Abwärme aus dem Serverraum temperiert bzw. umgekehrt wird der Serverraum vom Löschteichwasser gekühlt. Und als ökologische Alternative zum privaten Auto stehen für die Mitarbeiter aus der Umgebung E-Bikes zur Verfügung. Ebenso werden die Firmenautos bei Neuanschaffung durch Elektro-Autos ersetzt. 
In Zukunft soll auf dem 5.000 Quadratmeter großen Betriebsgelände nicht nur ein eigener Gemüsegarten entstehen, auch die Haltung von Tieren (Esel, Schafe, Hühner, etc.) ist bereits angedacht. Die Bewirtschaftung soll nach Absprache von den eigenen Mitarbeitern bewerkstelligt werden, die dann natürlich auch Zugriff auf die Erträge haben werden.  


Bautafel

Objekt: Office Off, 7453 Steinberg-Dörfl 
Bauherr: FOB – face of buildings, www.fob-ps.at
Architektur:  heri&salli, www.heriundsalli.com
Holzbau: Holzbau Oswald GmbH 
Baumeister: Pfnier & Co GmbH 
Schindeldeckung: Schindel Power Team 
Bauphysik: Dr. Pfeiler GmbH 
Schwarzdecker: Ing. Norbert Seifner GmbH 
Spengler: Spenglerei + Glaserei Moser GmbH 
Bauzeit: Herbst 2012 bis Sommer 2013

Autor/in:
Tom Cervinka
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