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Fachleute gefragt

28.08.2014

Das erforderliche Know-how über die zahlreichen Leistungen an der Gebäudehülle ist sehr umfangreich und – wie Schadensberichte zeigen – fehleranfällig. Besonders die Schnittstellen zwischen den beteiligten Gewerken gelten als Schwachpunkte. Eine neue modulare Ausbildung setzt hier an.

Bauwerke müssen als Ganzes und in ihren Teilen für ihren Verwendungszweck tauglich sein, wobei insbesondere der Gesundheit und der Sicherheit der während des gesamten Lebenszyklus der Bauwerke involvierten Personen Rechnung zu tragen ist. Bauwerke müssen diese Grundanforderungen an Bauwerke bei normaler Instandhaltung über einen wirtschaftlich angemessenen Zeitraum erfüllen“, lautet ein Zitat aus dem Amtsblatt der Europäischen Union, einer Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. März 2011.

Alleskönner Gebäudehülle

Das Aufgabengebiet der Gebäudehülle ist dabei vielfältig. Grundsätzlich stellt die Gebäudehülle die Abgrenzung des Gebäudeinneren vom freien Außenraum dar. Damit sind ihre wesentlichen Aufgaben bereits vorgegeben – primär der Schutz vor exogenen Kräften. Diese erfordern im Wesentlichen Maßnahmen gegen Feuchtigkeit und gegen Niederschlagswasser sowie Wasser aus dem Baugrund, sommerliche und winterliche Schutzmaßnahmen gegen die Außenlufttemperatur, aber auch gegen anstehendes Erdreich. Weiters sind Schallschutz und Brandschutz zu beachten, aber auch die Windsogstabilität, Erdbebensicherheit sowie letztendlich die objektspezifisch abhängige Nutzung durch den Menschen.

„Die Gebäudehülle hat einen sehr hohen Stellenwert hinsichtlich Witterungsschutz und, damit wir alle aber nicht im Bunker leben müssen, auch einen sehr hohen ästhetischen Anspruch“, weiß Wolfgang Hubner, allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Flachdachbau- und Bauwerksabdichtungen im Hoch- und Tiefbau inklusive den Anschlussgewerken.

Hubner erklärt: „Diese technisch interdisziplinär notwendig zu beachtenden Forderungen an die Gebäudehülle erlangen eine zusätzliche Hürde, nämlich die wirtschaftliche Komponente.“ Die Schnittstellenthematik ist meist nicht nur eine technische Lösungsfrage, sondern vielfach auch von der Projektorganisation des Bauherrn und vom Vergabewesen abhängig. Beispielsweise ist bei der Einzelvergabe der Gewerke die Koordination der Schnittstellen anders zu betreuen als bei pauschalen Generalunternehmervergaben. 

Schnittstellen sind Schwachstellen

Technisch gesehen muss man laut Hubner mit der Umsetzung der Problemlösung in den Schnittstellen bei zwei Themenkreisen ansetzen: Schadensfälle in der Problemzone der An- und Abschlüsse der einzelnen Gewerke als Folge von mangelnder Kommunikation zwischen den Planern untereinander und von Fehlern in der Ausführung. Neben statischen Schäden an Bauwerken ist Feuchtigkeit die Nummer eins im Schadens- und Folgeschadensbild. „Vielfach ist die Ursache, dass Anschlussstellen zwischen dem Zimmermann, dem Dachdecker, der Haustechnik (z. B. Lüftungsrohre, Elektroinstallation), dem Fassadenbau etc. nicht schlüssig gelöst wurden – und oft auch eine kompetente Bauüberwachung fehlt.

Auch der Einbau von Fenstern und Fensterbänken hat zahlreiche Berührungspunkte der Gewerke, z. B. Fassadenbau, Baumeister, Bauspengler, Bauschlosser und – je nach Anforderung – auch noch das Beschattungsunternehmen. 
„Im erdberührten Baukörper liegen die Schnittstellenprobleme oftmals bei Rohrdurchführungen, Lichtschachtmontagen, Regensinkkästen neben den Kellerwänden, Drainagen, die ins Leere führen“, weiß der Sachverständige. Sanierungsmaßnahmen, speziell bei allen „eingegrabenen“ oder bereits ver- oder überbauten Bauteilen, sind kostspielig oder im Extremfall gar nicht mehr möglich.

Wolfgang Hubner: „Die in Österreich verfassten oder aber auch europaweit erhobenen Bauschadensberichte zeigen eindeutig, dass die Schnittstellen zwischen den einzelnen Gewerken die Schwachstellen am Bauwerk sind. An sich eine logische Schlussfolgerung, die eigentlich gar keiner besonderen wissenschaftlichen Erhebung bedarf. Viel wichtiger ist es in Zukunft, nicht nur aufzuzeigen, was alles nicht funktioniert, sondern Lösungen zur Schnittstellenproblematik zu erarbeiten.“ 

Spezialisten für die gesamte Hülle

Das Wissensspektrum über die unzähligen Leistungen an der Gebäudehülle ist derart umfangreich, dass eine einzelne Person kaum alle Einzelgewerke nach dem Stand der Technik beherrschen kann. Das ist im Grunde auch nicht notwendig, aber da die häufigsten Fehlerquellen in den Übergängen zwischen den einzelnen Gewerken liegen, ist oft „Allroundwissen“ gefordert. 

Die neue Ausbildung zur/zum „Zertifizierten Sonderfachfrau/-mann für die Gebäudehülle“ setzt genau hier an und legt den Schwerpunkt auf die Vermittlung von Grundkenntnissen aller beteiligten Gewerke. 16 Teilnehmer des ersten Lehrgangs haben die mehrwöchige Ausbildung an der TU Wien im aktuellen Frühjahr positiv abgeschlossen. Im Herbst startet die nächste Modulreihe.


Modulreihe mit Zertifikat – Gebäudehülle: Grundlagen und Praxis

Modulreihe der TU Wien, Fakultät für Bauingenieurwesen in Kooperation mit dem ifb – Institut für Flachdachbau und Bauwerksabdichtung

Zielgruppe: Meister mit langjähriger Praxis in leitender Funktion, Bautechniker/-innen mit HTL-Abschluss, TU-/FH-Absolventen/-innen

Nächster Durchgang: ab 23. 10. 2014 bis März 2015

Inhalt:
Die Modulreihe besteht aus mehreren Modulen, die auch einzeln gebucht werden ­können. Im Sinne des Ziels der Modulreihe wird die gesamte Reihe empfohlen.
Modul 1: Grundlagen, Entwicklung eines Baukonzepts aus bauphysikalischer Sicht
Modul 2: Erdberührte Bauteile
Modul 3: Fassade und Fenster
Modul 4: Hinterlüftete Fassade
Modul 5: Dach – Flachdächer, Steil- und Blechdächer
Modul 6: Baumanagement
praktische Übung
Ein besonderer Schwerpunkt der Modulreihe liegt in der ausführungsnahen, gewerkübergreifenden Betrachtung der Gebäudehülle und dem Erkennen von Schnittstellen zwischen den einzelnen Gewerken. Die Vermittlung der Inhalte erfolgt durch technisch-fachliche Ausführungen und praktische Übungen sowie Exkursionen.

Nähere Informationen: www.bif.bauwesen.tuwien.ac.at

Autor/in:
Redaktion Dach Wand
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