Direkt zum Inhalt
Das Feedback unserer Kunden zeigt, wie sehr Regionalität und Kundennähe geschätzt werden.« Franz Kolnerberger

Gebäudehülle aus einer Hand

09.05.2017

Mit dem Zusammenschluss der Wienerberger Ziegelindustrie GmbH mit der Tondach Gleinstätten AG ergeben sich neue Perspektiven für die Baustoffbranche. Ein Gespräch mit den Geschäftsführern Franz Kolnerberger und Christian Weinhapl über neue Projekte, Chancen und Herausforderungen. 

Wir nützen auch stark die Ideen der Mitarbeiter – sowohl landes-­aber auch europaweit. Die Realität zeigt, dass gute Ideen nicht immer zentral vorgegeben werden, sondern von den Mitarbeitern aus den Standorten kommen.« Christian Weinhapl

Mit Anfang des Jahres wurden die Geschäftsbereiche im Wand- und Dachziegelbereich von Wienerberger und Tondach zusammengeführt – welche Hintergründe haben zur Neuorganisation geführt?   
Franz Kolnerberger: Wienerberger ist seit 25 Jahren an der Tondach Gleinstätten AG beteiligt – im Laufe der Jahre kam es zur Ausweitung der Anteile bis zur Zwei-­Prozent-­Marke in 2015. Durch den logischen Schritt der Zusammenführung der Geschäftsbereiche ist es uns nun möglich, uns am Markt als kompetenter Baustoffpartner für die gesamte Gebäudehülle zu positionieren. 

Inwiefern ändern sich die Zuständigkeiten durch die neue Doppelspitze? 
Kolnerberger: Für den Kunden wird sich nichts ändern: Ansprechpartner für Baumeister, Dach­decker, Architekten und Co. bleiben gleich. Allerdings werden wir uns regional stärker aufstellen. Wir haben in Zukunft drei Regionen in Österreich: Region West, Region Ost und Süd – mit dem bewährten Vertriebsleiterteam. Damit können wir eine noch intensivere Betreuung und Kundennähe gewährleisten.  

Christian Weinhapl: Wir teilen uns somit die Agenden der Geschäftsführung auf: Mit Jänner hat Franz Kolnerberger den Bereich Vertrieb, Marketing und Produktmanagement übernommen. Ich bin für die Bereiche Produktion, Finanzen und Verwaltung zuständig. Konkret geht es dabei um die Betreuung von mittlerweile sieben Hintermauerziegel-­Produktionsstandorten. Zusätzlich betreiben wir ein Vormauerziegelwerk im Burgenland und drei Produktionslinien für den Dachbereich. Diese regionale Aufstellung ist ganz klar eine unserer Stärken, denn nicht zuletzt aufgrund der Transportkostenintensität ist der Ziegel ein sehr regionales Produkt. Neben den Produktionsstandorten steht uns auch ein Logistikzentrum in Zirl mit neuem Dachziegellager zur Verfügung. Damit bedienen wir den gesamten Tiroler und Vorarlberger Markt. Auch in unserem westlichsten Produktionsstandort in Uttendorf wurde ein Dachziegellager eingerichtet, und im Dachbereich haben wir sowieso in Breitenschützing und Leobersdorf ein Auslieferungslager. Hier zeigt sich wieder der Vorteil der Regionalität: Just-­in-­Time-­Lieferungen sind gerade im Baubereich sehr wichtig – wir sind hier sehr nahe am Kunden. 

Kolnerberger: Das Feedback unserer Kunden zeigt, wie sehr Regionalität und Kundennähe geschätzt werden. Darüber hinaus schaffen wir durch unsere Produktions-­ und Auslieferungsstandorte auch mehr Wertschöpfung im eigenen Land.  

Ergeben sich durch diesen Zusammenschluss auch neue Perspektiven in den Bereichen Forschung und Entwicklung? 
 Kolnerberger: Ja, absolut: Tondach profitiert von den nationalen und internationalen Forschungs-­ und Entwicklungsaktivitäten von Wienerberger und umgekehrt. Wir haben beispielsweise ein großes Labor im Dachbereich in Belgien, und gleichzeitig haben wir in Österreich eine zentrale Entwicklung für Tondach für die gesamte Unternehmensgruppe. Das Gleiche gilt für den Wandbereich – wir tauschen uns intensiv mit den Landesgesellschaften der Wienerberger im Bereich Mauerziegel aus. Das bringt viele Vorteile: Innovationen, die bereits in anderen Ländern eingeführt sind, sind in weiterer Folge auch für den österreichischen Markt leichter umsetzbar. Die gesamte Wienerberger-­Gruppe bringt pro Jahr ca. 200 neue Produkte auf den Markt – die Implementierung in einzelnen Märkten gelingt durch die Konzerneinbettung deutlich effizienter. Der regionale Anspruch ist uns dabei ganz wichtig: Was braucht der Kunde hier und jetzt, was können wir da aus unserem Portfolio anbieten, und was muss man anpassen oder weiterentwickeln?

Weinhapl: Ein gutes Beispiel ist unser Mineralwolle-verfüllter Ziegel „Porotherm W.i“: Das Produkt wurde in einzelnen Märkten getestet, und in einem weiteren Schritt wurden über zwei Millionen Euro in eine Verfüllanlage in Österreich investiert. Damit sind wir der erste Anbieter für Mineralwolle-­verfüllten Ziegel.

Kolnerberger: Auch im Dachbereich gibt es einige Produkte, die zeigen, wie gut die Zusammenarbeit im Bereich F&E funktioniert: Unsere neue ­Deckenrandschale, die heuer eingeführt wird, ist ein Produkt, das in Deutschland erfolgreich implementiert und nun auch reif für den österreichischen Markt ist. Auch beim Sicherungssystem „Sturmfix“ und der Unterspannbahn „FOL“ im Dachziegel-­Bereich profitieren wir von der Vorleistung in anderen Ländern. Diese Innovationsführerschaft – ohne das Rad ständig neu erfinden zu müssen – schafft Wienerberger in 32 Ländern.

Weinhapl: Wir nützen auch stark die Ideen der Mitarbeiter – sowohl landes-­ aber auch europaweit. Die Realität zeigt, dass gute Ideen nicht immer zen­tral vorgegeben werden, sondern von den Mitarbeitern aus den Standorten kommen.

Wird sich bei den Produktionsstandorten etwas ändern?
Weinhapl: Glücklicherweise konnten wir in den letzten zwei Jahren ein deutliches Marktwachstum verbuchen, und die Werke laufen auf Hochtouren. Bis auf Instandhaltungsarbeiten oder neue Investitionen wird es keine Stillstände in den Produktionsstandorten geben. Auch am Personalbestand wird nicht gerüttelt, derzeit beschäftigen wir durch die Zusammenführung 450 Mitarbeiter. Fest steht: Der Ziegelbereich steht auf Expansion. Dabei ist uns voll und ganz klar: Wir bewegen uns in einem heiß umkämpften Markt. Und unsere Mitbewerber sind wertvolle Gegner.

Themen wie Urbanisierung, Digitalisierung und Nachverdichtung zählen zu wesentlichen Einflussfaktoren für die Branche – inwieweit beschäftigt sich Wienerberger damit?
Weinhapl: Je nach bauphysikalischen und statischen Herausforderungen muss man genau ermitteln, was machbar ist. Es gibt keine spezielle Produktpalette für die Nachverdichtung, es gibt aber verschiedene Systeme, die wir in diesem Bereich anbieten. Im Bereich der Aufstockung für den Dachbereich müssen viele Dinge neu gestaltet werden, da gibt es sicher viel Potenzial. Hier haben wir unter anderem mit unserem Dachziegel in Vintage-­Holzoptik erstklassige Produkte im Portfolio.

Kolnerberger: Urbanisierung ist ein zentrales Thema, mit dem wir uns intensiv beschäftigen: Hier haben wir aktuell ein breites Sortiment an Mineralwolle-­verfüllten Objektziegeln auf den Markt gebracht, um auch im mehrgeschoßigen Objektbau eine leistbare, nachhaltige und wärmedämmende Lösung aus Ziegel anzubieten. Auch der Bereich „Digitalisierung“ ist in vielen Bereichen wesentlich: vom Marketing über Beratung, Warenwirtschaft oder der Entwicklung von Apps für die Anwender auf der Baustelle, um noch mehr Servicefunktionen für die gesamte Wertschöpfungskette bieten zu können.

Weinhapl: Auch Building Information Modeling ist ein Thema, mit dem wir uns intensiv beschäftigen. Hier steckt noch viel in den Kinderschuhen. Als Konzern arbeiten wir an einer flächendeckenden und effizienten Lösung. 

Welche Projekte befinden sich aktuell in Umsetzung?
Kolnerberger: Unser derzeit wichtigstes Projekt ist ein Investment von zwei Millionen Euro in eine neue Schleifanlage im Werk Uttendorf – damit schaffen wir eine noch schnellere Verarbeitung. Darüber hinaus planen wir, in weitere Schleifanlagen zu investieren und die Werke entsprechend nachzurüsten. Und 2018/2019 müssen wir aufgrund der hohen Nachfrage über eine neue Verfüllanlage nachdenken.

Weinhapl: Im Objektbereich kommt heuer ein interessantes Projekt auf uns zu: Für die Belvedere-­Apartments liefern wir zwölf Kilometer unserer keramischen Fassadenelemente „Argeton“ und dürfen damit einen Großteil der Fassade mitgestalten. Und neben der Seestadt Aspern, die sicherlich eines der spektakulärsten Ziegel-­Projekte Europas ist, kommen viele kleinere Projekte dazu, die architektonisch besonders spannend sind.

Kolnerberger: Ein wichtiges Ziel ist auch, unsere B2B-­Aktivitäten weiter auszubauen. Zur Verstärkung der Service-­ und Kundennähe werden wir regionale Kompetenzzentren aufbauen, um unsere Partner und Kunden noch besser betreuen zu können.

Werbung

Weiterführende Themen

Dr. Michael Utvary, Managing Director BMI Austria.
Markt & Menschen
08.03.2018

Im April 2017 fand das offizielle Closing des Kaufs der Braas Monier Building Group durch das amerikanische Privatunternehmen Standard Industries statt. Durch diesen Schritt wurden Bramac ...

Die Funktionsperiode des Wienerberger Vorstands wurde verlängert. Rechts im Bild Vorstandsvorsitzender Heimo Scheuch, links Finanzvorstand Willy Van Riet.
Aktuelles
19.01.2018

Der Wienerberger Aufsichtsrat verlängert die Funktionsperiode des Vorstandsvorsitzenden Heimo Scheuch um fünf Jahre bis April 2023 und die des Finanzvorstandes Willy Van Riet um vier Jahre bis ...

Viele alte Holz-Dachfenster kommen in die Jahre und werden hochwertig  saniert.« Georg Pehn
Markt & Menschen
26.12.2017

Was tut sich am heimischen Dachfenstermarkt? Was fordern die Konsumenten? Was wünscht der Verarbeiter? Welche Bedeutung hat Smart Home? Georg Pehn, Geschäftsführer von Roto Österreich, gibt Ein- ...

Service
10.10.2017

Wo sind heikle Unternehmensdaten am besten aufgehoben? Was kann Branchensoftware und wo unterstützt sie am effektivsten? Welche Apps machen für Handwerksbetriebe Sinn? Softwareexperte Alfred ...

Service
22.08.2017

Wo sind heikle Unternehmensdaten am besten aufgehoben? Was kann Branchensoftware und wo unterstützt sie am effektivsten? Welche Apps machen für Handwerksbetriebe Sinn? Softwareexper te Alfred ...

Werbung