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Gekommen, um zu bleiben

26.06.2015

Mitarbeiter bleiben dann lange im Unternehmen, wenn sie respektvoll behandelt werden. Ein solcher Umgang ist – ebenso wie die Ausbildung Jugendlicher – ein zentraler Wert der unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung.

„Ein Chef muss halten, was er verspricht. Sonst nimmt ihn die Belegschaft nicht ernst“, Richard Gaisbauer, Berater und Trainer.
„Stimmt der Umgangston, bleiben die Mitarbeiter einem Unternehmen lange treu“, Gernot Schneebauer, Berater und Trainer

Gekommen, um zu bleiben“ heißt ein Hit der deutschen Band Wir sind Helden. Der Titel spiegelt auch den Wunsch vieler Mitarbeiter wider, wenn es um die Beständigkeit am Arbeitsplatz geht. Vor allem bei älteren Semestern ist ein sicherer Arbeitsplatz ein wichtiger Faktor. Aber auch die Jungen bleiben einem Betrieb treu und leisten vollen Einsatz, wenn das Angebot stimmt. Und damit ist nicht in erster Linie das Gehalt gemeint.

Bei wem die Guten bleiben
Die Mitarbeiter sind zentral für den Erfolg eines Unternehmens mitverantwortlich. Das ist mittlerweile den meisten Unternehmern klar geworden. Aber wie findet man diese in Zeiten des so oft zitierten Facharbeitermangels? Und wenn man sie gefunden hat, wie hält man sie – motiviert und loyal – im Betrieb? „Indem ein Unternehmen den Mitarbeiter wie einen wertvollen Kunden wahrnimmt“, antwortet Berater, Trainer und Coach Richard Gaisbauer, der sich auf Führungskräftetrainings für KMUs spezialisiert hat. Gernot Schneebauer – ebenfalls Berater und Trainer sowie Geschäftsführer des Lehrlingscollegs Heartbeat – ergänzt: „Betriebe, die ihre Mitarbeiter als selbstständige Menschen behandeln, die Ziele und geplante Änderungen intern kommunizieren, die Möglichkeiten zur Mitgestaltung bieten und in Aus- und Weiterbildung investieren – sie bekommen und halten die besten Leute.“

Der Wert von Image und Marke
Gute Mitarbeiter liegen nicht so auf der Straße herum. Im „Kampf“ um die Besten spielt das Image eines Unternehmens eine immer wichtigere Rolle. Und das gilt gleichermaßen für Groß und Klein. Entscheidend in Sachen gute Nachrede ist dabei, dass das nach außen Transportierte auch innen gelebt wird. „Wer sich nicht aktiv um seinen guten Ruf kümmert, bekommt an Personal das, was übrig bleibt“, warnt Coach Gaisbauer und führt weiter aus: „Auch kleinere Unternehmen müssen sich heute gekonnt in Szene setzen, um Aufmerksamkeit zu erlangen.“ Möglichkeiten dazu sind Vorträge in Schulen, Schnuppertage, Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken und in Printmedien z. B. über gelungene Projekte und – vor allem im regionalen Kontext – Mundpropaganda.

Was die Mitarbeiter wollen
Haben sich Arbeitgeber und Mitarbeiter dann gefunden, geht es um das Erfüllen der gegenseitigen Erwartungen. Das Resümee einer Mitarbeiterbefragung, an der Richard Gaisbauer für das Netzwerk Metall mitwirkte – und deren Ergebnisse durchaus auf andere Gewerke umzulegen sind –, war folgendes: Mitarbeiter legen grundsätzlich Wert auf interessante Aufgabenstellungen, Mitgestaltungsmöglichkeiten sowie ein gutes Arbeitsklima. „Ebenso wichtig ist ein umsetzungsstarker Chef, der das hält, was er verspricht. Sonst nimmt ihn die Belegschaft nicht ernst“, ergänzt Gaisbauer.

Selbstbewusste Lehrlinge
Ein eigenes Kapitel sind die Lehrlinge, die oft als „schwieriger als früher“ bezeichnet werden. Dabei sind sie einfach nur anders: Die heutige Generation von Jugendlichen ist selbstbewusster und macht Dinge nicht mehr nur, „weil das schon immer so gemacht wurde“. Sie will verstehen und den Sinn ihrer Arbeit erkennen.
Gleichzeitig ist sie flexibler im Hinblick auf Veränderung, hat eine schnellere Auffassungsgabe in Bezug auf neue Technologien, einen weiteren Denkhorizont und eine grundlegende Feinfühligkeit für Gerechtigkeit und Soziales. „Speziell die Lehrlinge wünschen sich im Unternehmen gelebte Werte wie Respekt, Toleranz, Geduld, Gleichbehandlung und einen höflichen Umgangston. Und dass ihnen etwas zugetraut wird“, bestätigt Gernot Schneebauer. Das zeigen die Ergebnisse der Befragungen, die er seit sechs Jahren unter Lehrlingen verschiedener Branchen (bisher ca. 1.500) durchführt. Stimme der Umgangston nicht, so sei das für viele ein Grund, das Handtuch zu werfen. Ein Wunsch aller Mitarbeiter ist auch, dass ihre Chefs und Ausbildner menschliche Vorbilder sind. Auch hier hat sich einiges geändert: Respektiert wird eine Person heute nicht mehr über ihre Position in der Hierarchie, sondern ob ihrer menschlichen Qualitäten.
Der logische Umkehrschluss: Stimmen Ton und Kultur, bleiben Mitarbeiter einem Unternehmen lange erhalten und sind auch bereit, sich voll und ganz einzusetzen. KMUs haben in dieser Hinsicht einen klaren Vorteil gegenüber großen Konzernen. Durch ihre familiären Strukturen wird der Einzelne persönlicher wahrgenommen und kann seine Ideen oft besser verwirklichen. Ein weiterer Vorteil: Wenn der Chef will, können Veränderungen sehr schnell durchgeführt werden.

Geld ist nicht alles
Aber macht wirklich allein der Ton die Musik? Ist nicht doch die Bezahlung der zentral wichtige Faktor in Sachen Mitarbeiterzufriedenheit? „Nein“, sagen die Experten. Sowohl in den Befragungen, die Richard Gaisbauer im Netzwerk Metall begleitet hat, als auch in Gernot Schneebauers Lehrlingserhebungen rangiert das Geld als Zufriedenheitsgarant auf den Plätzen vier bis fünf. Die bereits angesprochenen menschlichen Faktoren sowie ein sicherer Arbeitsplatz – vor allem bei den älteren Mitarbeitern – seien noch wichtiger als die Bezahlung. Und werde über das Geld gejammert, stimme es meistens in anderen Bereichen auch nicht.

Was die Unternehmer wollen
Eine Frage drängt sich nach all der Konzentration auf die Mitarbeiter schon auf: Was erwarten sich eigentlich die Unternehmer von ihren Leuten? Und muss sich ein Chef aus Angst vor Arbeitskräftemangel alles gefallen lassen? „Natürlich nicht“, lautet die Antwort. Was ein Arbeitgeber seinen Leuten bietet, darf er sich auch im Gegenzug erwarten. „Ich erlebe Unternehmer in meinen Coachings meist dann ungehalten, wenn das Geben und Nehmen gestört ist“, berichtet Richard Gaisbauer. Hier helfe nur, Unstimmigkeiten anzusprechen, sobald sie bemerkt werden. Das so beliebte Auf-die-lange-Bank-schieben könne besonders bei persönlichen Konflikten fatale Folgen haben und sowohl das interne Klima als auch das Außen-Image nachhaltig stören.

Ausbildung ist Chance und ­Verantwortung
Für den vielzitierten Nachwuchsmangel in Handwerk und Gewerbe gibt es mehrere Gründe wie die demografische Entwicklung, die Konkurrenz durch schulische Ausbildungsstätten und das schlechte Image der Lehre und handwerklicher Berufe. Die Lösung für Unternehmer heißt: Handwerk erhalten, sich um den eigenen Ruf kümmern und selbst ausbilden.


Umfrage: kurz und Bündig

Wie binden Sie mitarbeiter?
Der kluge Umgang mit Mitarbeitern und Investitionen in Aus- und Weiterbildung sind die ­zentrale Säulen der gesellschaftlichen Verantwortung, die Unternehmer tragen. Wir haben drei Unternehmer aus der Dachbranche gefragt, wie sie Mitarbeiter binden – und um kurze Antworten gebeten.

Alexander Eppler, Spenglermeister, Landesinnungsmeister Wien, Organisator des Wiener Lehrlings-Castings

Was macht für Sie als Unternehmer/Experte einen guten Mitarbeiter aus?
Selbstständiges Arbeiten, die Firma als „eigene Firma“ betrachten und entsprechend (verantwortlich) handeln.

Warum sollte jemand bei Ihnen im Unternehmen anfangen? Wir bieten abwechslungsreiche Arbeit in einem familiär geführten Betrieb.

Was machen Sie konkret in Ihrem Unternehmen in Sachen „Mitarbeiterpflege“? Wir arbeiten nach dem Prinzip der „Gegenseitigkeit“, das heißt Freiheiten in der Abwicklung der Baustellen und laufende Mitarbeiterschulung.

Stichwort Facharbeitermangel: Sind Sie/Ihr Unternehmen stark davon betroffen – und wie ­lösen Sie das Problem für sich?
Nein. Ich bilde Lehrlinge aus.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Ausbildung von Lehrlingen? Bleiben die von Ihnen Ausgebildeten im Allgemeinen auch im Betrieb?
Die Erfahrungen sind unterschiedlich, positiv und negativ. Im Betrieb bleiben viele, aber nicht alle.

Ing. Hans-Peter Hess, Spenglermeister, Landesinnungsmeister NÖ, ­Geschäftsführer der Ing. Hess Lüftungstechnik

Was macht für Sie als Unternehmer/Experte einen guten Mitarbeiter aus?
Ein guter ­Mitarbeiter identifiziert sich mit der Firma, ist zuverlässig und flexibel.

Warum sollte jemand bei Ihnen im Unternehmen anfangen?
Wir bieten einen sicheren ­Arbeitsplatz, Ehrlichkeit und Transparenz und Zusammengehörigkeit.

Was machen Sie konkret in Ihrem Unternehmen in Sachen „Mitarbeiterpflege“?
Einmal im Monat gibt es eine Besprechung im gemütlichen Rahmen, einmal jährlich ein Motivations­seminar, einen Firmenausflug und für jedes Problem ein offenes Ohr. Stichwort Facharbeitermangel: Sind Sie/Ihr Unternehmen stark davon betroffen – und wie ­lösen Sie das Problem für sich? Jein. In den letzten Jahren haben wir tolle Lehrlinge bekommen, daraus entwickeln sich die Facharbeiter der Zukunft.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Ausbildung von Lehrlingen? Bleiben die von Ihnen Ausgebildeten im Allgemeinen auch im Betrieb?
Siehe Antwort zuvor!

Mag. Dr. Georg Spitzer, Spenglermeister, Geschäftsführer der Spitzer GmbH, Stmk.

Was macht für Sie als Unternehmer einen guten Mitarbeiter aus?
Loyalität, selbstständiges Denken, Freude an der Arbeit, eine ausgewogene Persönlichkeit.

Warum sollte jemand bei Ihnen im Unternehmen anfangen?
Er/sie hat Entwicklungsmöglichkeiten, den außergewöhnlichen Ruf des Unternehmens und ein geordnetes Umfeld.

Was machen Sie konkret in Ihrem Unternehmen in Sachen „Mitarbeiterpflege“?
Wertschätzender Umgang, Personalentwicklungsprogramm mit externen Trainern, Yogaeinheit in der Mittagspause, regelmäßiges „Zusammenkommen“.

Stichwort Facharbeitermangel: Sind Sie/Ihr Unternehmen stark davon betroffen – und wie ­lösen Sie das Problem für sich?
Ja, wir sind betroffen. Die Qualität und die Einstellung der ­Mitarbeiter auf der Baustelle bedürfen immer größerer Bemühungen. Für das Recruiting ­besuchen wir sehr intensiv die Schulen unseres Einzugsgebiets und veranstalten auch Lehrlingsinfotage, zu denen wir Schulen zu uns einladen.

Bilden Sie Lehrlinge aus? Wenn ja – welche Erfahrungen haben Sie damit? Bleiben die von ­Ihnen Ausgebildeten im Allgemeinen auch im Betrieb?
Ja, wir bilden Lehrlinge aus und intensivieren dabei unsere Bemühungen noch. Natürlich bleiben bei weitem nicht alle Ausgebildeten länger im Betrieb.

 

Autor/in:
Gudrun Haigermoser
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