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Himmelsschraube

20.09.2013

Auf dem Pyramidenkogel oberhalb des Wörthersees steht seit kurzem der höchste überwiegend aus Holz konstruierte und öffentlich zugängliche Aussichtsturm der Welt.

Technikzylinder und Antennenspitze eingerechnet, ragt der neue Aussichtsturm 100 Meter hoch in den Himmel. Vom ellipsenförmigen Grundriss ausgehend, bilden zehn jeweils um 22,5 Grad versetzte Ebenen eine Schraubenform bis zur höchsten Besucheretage in knapp 71 Meter Höhe. Gebildet wird die Turmhülle von 16 Brettschichtholzstützen aus Lärche, die sich korbartig um das Treppenhaus mit integrierter Gebäuderutsche – die längste Europas – und den zentralen Lift schließen. Zehn aus geschweißten Stahlkästen gebildete Ellipsen im Abstand von 6,40 Metern und 80 Diagonalstreben aus Rundrohren steifen die ungewöhnliche Konstruktion aus. Für den Betrachter wirkt sie mit ihrer elegant geschwungenen Taillierung schlank und leicht – verbaut wurden indes 600 Kubikmeter Holz sowie 300 Tonnen Stahl.

 

Toleranz: Null

Schon die Vorarbeiten waren enorm aufwändig: Der Turm wurde unter anderem maßstabsgetreu im Windkanal getestet, um die Träger statisch und wirtschaftlich optimal bemessen zu können. Auch ein geotechnisches Gutachten wurde eingeholt. Dann konnte begonnen werden. Nach der Fertigstellung des 800-Tonnen-Betonfundaments, durch acht Stahlanker 20 Meter tief im Fels gegründet, konnte die Arge Rubner-Zeman den Turmbau im Februar schließlich aufnehmen. Trotz Eises, Windes und Schnees kamen die Monteure der Arge Rubner-Zeman zügig voran – und alles passte perfekt. Bei den bis zu neun Tonnen schweren Brettschichtholzträgern mit Längen bis zu 27 Meter und bei einer Gesamthöhe der zweimal gestoßenen Stützen von 74 Meter ist dies eine logistische und bauliche Höchstleistung.

 

Konstruktiver Holzschutz bei der Knotenausbildung

Die 48 melaminverleimten Einzelelemente (27 bzw. 13,5 Meter) wurden im Hinblick auf die Robustheit, Langlebigkeit und Einheitlichkeit bei der Ausführung des Tragwerks in konstanter Dimension (144 x 32 Zentimeter) und je nach statischen Erfordernissen in den Festigkeits-klassen Gl28c, Gl28h und Gl32h ausgeführt. Eine stabverleimte Decklamelle verhindert Wassereintritt in die Blockfugen. So kann das unbehandelte Lärchenholz, im alpinen Raum am Fuß des Glockners sehr langsam gewachsen, der oberflächlichen Bewitterung über Jahrzehnte problemlos standhalten. Für die Tragwerksplanung war der konstruktive Holzschutz schon im Entwurf zentrales Thema: So entstehen zum Beispiel durch die schlangenförmige Anordnung der Stützen in vertikalen Ebenen sehr steile bis senkrechte Flächen, die dem Wasser keine dauerhaften Angriffspunkte bieten. Auch musste für die Fachwerksknoten – die Verbindung von Träger und Stahl – eine besondere konstruktive Lösung für den Holzschutz entwickelt werden. Darüber hinaus wurden dabei eine dauerhaft sichere Krafteinleitung ins Holz, einfache Montage und Wartung sowie Wirtschaftlichkeit berücksichtigt.

Zum Einsatz kamen schließlich H-förmige Stahlprofile und Bolzen mit Innengewinde, die von Rubner Holzbau Ober-Grafendorf in der Vorfertigung präzis eingefügt und mit Epoxidharz eingeklebt wurden. Diese innovative Verbindungstechnik mit gleichzeitiger Versiegelung verhindert den Wassereintritt in die Knoten und schützt das Holz. Der Anschluss der Ringelemente und Diagonalstreben erfolgte zudem auf Abstand, sodass Feuchtigkeit automatisch von der Konstruktion abgeführt wird.

 

Attraktionen „Skybox" und Rutsche

Konzipiert ist der Turm für eine Nutzungsdauer von mindestens 40 Jahren. Das Basisgebäude mit Foyer, Ticketschalter, Shop und Restaurant wurde aus Gründen des Brandschutzes in massiver Bauweise ausgeführt. Vom Atrium aus gelangen Besucher – ausgelegt ist der Turm für 500 zur gleichen Zeit – über die 440 Stufen der Panoramatreppe oder den gläsernen Lift durch den Turm zu einer der drei Aussichtsplattformen. In diesen wurden 100 Kubikmeter Brettsperrholz aus Fichte verbaut. In der neunten und zehnten Etage schimmert die „Skybox", ein witterungsgeschützter Raum mit Glasfassade, der für besondere Anlässe gemietet werden kann. Der Einstieg in die mit Bullaugen ausgestattete Röhre der Rutsche liegt auf 52 Meter: Von hier geht es über eine Länge von 120 Meter in einer Spirale mit bis zu über 20 km/h abwärts zum Fuß des einzigartigen Aussichtsturms.

Autor/in:
Redaktion Dach Wand
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