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Georg Pehn ist Geschäftsführer des Dachfensterherstellers Roto in Österreich.

Interview zum Dachfenstermarkt: „Kleinarbeiten“ sind wieder im Kommen

01.10.2020

Der Dachfenstermarkt leidet nicht sehr unter der Corona-Pandemie. Vor allem der Verkauf von Sonnenschutz hat heuer alle Rekorde gebrochen. Georg Pehn, Geschäftsführer von Roto in Österreich, erzählt im Interview, was die Gründe dafür sind, und warum zahlreiche Dachhandwerker den Fenstereinbau wieder für sich entdecken. 

Wie geht es dem Dachfenstermarkt in Zeiten der Corona-Pandemie?

Georg Pehn: Noch zu Beginn dieses Jahres sprachen Viele von einem sehr wahrscheinlichen Rekordjahr, obwohl hin und wieder schon mal ein Auge auf die Anfang 2020 ausbrechende Pandemie in China geworfen wurde. Schnell wurden dann auch in Österreich neue Realitäten geschaffen. Für Vertriebsorganisationen bestand die Herausforderung den Innendienst rasch auf Homeoffice umzustellen – was uns sehr gut gelungen ist. Durch einen sehr guten Digitalisierungsgrad mussten wir bei Roto Österreich den Schalter sozusagen nur auf „Homeoffice“ umlegen, und alle Arbeiten konnten ungehindert weiter verrichtet werden. An eine normale Außendienst- und Kundendienst-Arbeit war aber natürlich nicht mehr zu denken. Interessanterweise sind die Umsätze aber nicht oder nur wenig spürbar zurückgegangen. Ich führe das auf frei werdende Kapazitäten bei Handwerkern und Facharbeitern zurück, welche sich nun wieder um „Kleinarbeiten“ wie den Dachfenstertausch oder -sanierung kümmern können.

Wie teilt sich derzeit das Geschäft in Großobjekte und Einfamilienhäuser auf?

Der Bereich mit großen Dachfenstervolumen – der sogenannte Objektbereich mit 50, 100 oder sogar 500 Stück in einem Bauvorhaben – ist naturgemäß ein Bereich, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber die Butter am Brot ist noch immer der tägliche Auftragseingang mit Kleinaufträgen bis zehn Dachfenster. Wenn dieser Motor läuft, ist das für mich ein sehr guter Indikator für den Gesamtmarkt, an dem Objekte nur rund ein Viertel des Gesamtabsatzes ausmachen.

Haben die coronabedingten Verzögerungen bei Baufreigaben im Frühling nach wie vor Auswirkungen und sind weitere zu befürchten?

Eindeutig waren im Objektbereich starke Verzögerungen von bis zu drei Monaten im Baufortschritt messbar. Nicht, weil etwa am Bau nicht gearbeitet werden konnte – der tatsächliche Lockdown bestand ja letztlich nur rund zwei bis drei Wochen – sondern weil Bauvorhaben auch auf die ein oder andere Behördenfreigabe warten mussten. Derzeit wird der „Freigabestau“ oft nur mit einem Drittel der Behördenmannschaft abgearbeitet. Fehlende Kleinigkeiten wie z. B. die Freigabe eines kleinen Änderungsnachtrages verhindern einen raschen Baubeginn oder Baufortschritt. Zukünftig könnte diese Situation je nach regionaler Lage weiterbestehen oder sich mit Beginn der Grippewelle wieder verschlechtern.

Der Fachkräftemangel in den verarbeitenden Betrieben war in den letzten Jahren auch ein großes Thema in Bezug auf Dachfenstereinbauten und Sanierungen. Zahlreiche – vor allem kleinere Projekte – wurden zugunsten größerer Projekte nicht angenommen oder mit langen Wartezeiten hinten angereiht. Hat sich hier etwas verändert?

Im Jahr 2019 hörte man erstmals von Objekten, die nicht zur Ausführung kamen, weil die Preise zu hoch waren. Angebot regelt eben auch Nachfrage. Der 2019 oft zitierte Fachkräftemangel hat aus meiner Sicht mit der Corona-Krise etwas abgenommen – zumindest sagen viele Klein- und Mittelbetriebe, vorerst „klein“ bleiben zu wollen und erst einmal abwarten zu wollen, wie sich die Dinge, vor allem in 2021, entwickeln, bevor Sie weitere Expansionspläne schmieden. Dass sich Verarbeiter nun auch gerne wieder um den einen oder anderen Dachfenstertausch kümmern und durchaus faire Preise machen, freut mich natürlich.

Ist die Investitionsbereitschaft durch die verstärkte Wertschätzung des eigenen Wohnbereichs nach dem Shutdown gestiegen?

Wenn Anfangs der Krise seitens Endkunden wegen extremer Unsicherheit gebremste Investitionsfreudigkeit zu spüren war, so ist diese nun dem Motto „My Home ist my Castle“ gewichen. Der Begriff des „Neo-Biedermeier“ passt ganz gut – der Wunsch nach Privatsphäre und der Wunsch, die eigenen vier Wände in Ordnung zu halten, stehen nun im Vordergrund – Dachgeschoss inklusive.

Der Zubehörhandel am Dachfenstersektor boomt. Was sind die Gründe dafür und was wird besonders nachgefragt?

Hier sind wir selbst noch in der Analyse. Wir verzeichnen einen absoluten Rekord an außenliegendem Hitzeschutz in Form von Rollläden oder Markisen. Die Sonneneinstrahlung ist mit 900 bis 1.000 W/m² konstant hoch geblieben. Auch die Erderwärmung ist natürlich messbar, aber im Dachgeschoss sicherlich nicht allzu stark verändert spürbar. Förderungen für Beschattung gibt es zwar, aber diese werden aber nur sehr selten in Anspruch genommen. Fakt ist, dass es ohne Hitzeschutz einfach nicht geht. Leider werden Rollläden oder Markisen oft „nur“ nachgerüstet, da die Gesamtkosten der Investition gering gehalten werden – oder gering gehalten werden müssen. Sind nach einigen Monaten die ersten Eigentümer oder Mieter eingezogen, sind schnell die letzten Zweifel aus dem Weg geräumt „ein Hitzeschutz muss her“.

Dauerbrenner Smart Home: Wie weit ist die Dachfensterindustrie hier? Wie gefragt sind entsprechende Produkte?

Roto verfolgt schon seit jeher eine offene Lösung für alle Bussyteme, ohne dass zusätzliche Schnittstellen nötig wären. Fenster oder Hitzeschutz lassen sich als Aktoren durch einen potentialfreien Kontakt aus der Hausautomatisation anspeisen. Können Kunden das Licht per Handy, Alexa oder Siri einschalten, können sie somit auch das Dachfenster ansteuern. Die einzige Herausforderung liegt in der Schnittstellenabgrenzung: Wo hört Dachfenster auf und wo fängt Hausautomatisierung an? Wenn Sie Alexa befehlen „Licht an“ und es bleibt dunkel, ist in 99 Prozent der Fälle nicht die Glühbirne kaputt. Verzeihen Sie mir den Sarkasmus. 

Interview: Birgit Tegtbauer

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