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Nach zahlreichen Stationen in der österreichischen Baustoffindustrie ergänzt Johann Marchner seit Mai 2019 das Wienerberger Führungsteam – zuerst als Geschäftsführer Vertrieb und seit März 2020 als Geschäftsführer von Wienerberger Österreich.

Johann Marchner im Interview: „In Summe besser werden“

25.06.2020

Mit Johann Marchner hat ­Wienerberger Österreich einen echten Allrounder an die Spitze geholt. Nach 25 Jahren in der Baustoffindustrie kennt der gebürtige Bayer die heimische Baulandschaft wie seine Westentasche. Wie Tonbaustoffe künftig noch besser werden sollen, welche Rolle ­Digitalisierung spielt und was die Kunden dabei erwartet, erzählt er im Interview. 

Anfang März starteten Sie als neuer Geschäftsführer von Wienerberger Österreich – zwei ­Wochen später kam Corona. Ein Start, den man sich nicht unbedingt wünscht, oder?
Johann Marchner:
Nein, weiß Gott nicht. Zumal die Covid-19-Krise auch nachhaltige Auswirkungen haben wird. Als ich 1996 nach Tirol kam, war ich zwei Jahre in der Zementindustrie tätig. Schon ­damals galt die Regel: „Eine gute Wintersaison im Tourismus bedeutet ein hohes Bauvolumen im Frühjahr.“ Die Bau­branche ist nach wie vor direkt abhängig von der Investitionsfreudigkeit anderer Branchen – das wird noch eine Herausforderung. 

Abseits von Corona zur klassischen Einstandsfrage: Was sind Ihre vorrangigsten Ziele in Ihrer neuen Position?
Da ich mittlerweile schon seit gut einem Jahr bei Wienerberger Österreich bin – anfangs als Geschäftsführer Vertrieb – konnte ich das Unternehmen bereits in allen Facetten kennenlernen und tief in die Materie eintauchen. Ein Thema, das von Beginn an auf meiner Agenda stand, ist die neue Vertriebsstruktur, die wir mittlerweile auch umsetzen konnten. Es gibt wieder eine klare Trennung der Bereiche Dach und Wand. Im Dachbereich haben wir nun auch mit Michael Harry einen neuen Vertriebsleiter an Bord. Generell ist das Thema Organisationsentwicklung die Kernaufgabe bei Wienerberger und auch eines meiner Steckenpferde. Wenn wir über Unternehmenskultur reden, sind es die Menschen, die die diese Kultur ausmachen und prägen. Das bedeutet, die richtigen Mitarbeiter im Haus zu haben und deren laufende Entwicklung, und damit auch die Organisation weiterzuentwickeln.

Ende 2018 wurde die Zusammenführung der Wienerberger Ziegelindustrie GmbH und der Tondach Gleinstätten AG abgeschlossen. Daraus entstand die Wienerberger Österreich GmbH. Konnte die Zusammenführung inzwischen auch praktisch abgeschlossen werden? Sind die beiden Unternehmen und die Mitarbeiter geeint?
Es ist viel gelungen – auch aufgrund der neuen Aufgabenstellungen. Wir haben uns in vielen Bereichen neu aufgestellt. Wir haben heute einen guten Mix aus erfahrenen Mitarbeitern und vielen neuen Mitarbeitern, die wir auch für die neuen Themen brauchen – wie das Thema Digitalisierung. Es ist eine Wertschätzung für alle Standorte da, unabhängig mit welcher Historie. Die Botschaft ist simpel – wir alle sind Wienerberger, und so möchte ich es auch bei den Mitarbeitern verstanden wissen, wir rudern alle in einem Boot. Es ist meine Aufgabe mit den Kollegen in der Geschäftsleitung, dieses Schiff in die richtige Richtung zu bringen. Es sollen alle das Gefühl haben, dass sie willkommen sind, einen Beitrag leisten können, und dass dieser Beitrag auch gewollt und gewünscht ist. Es sind spannende Themen, die Realität sind und die vor uns liegen.

Apropos spannende Themen: Wienerberger hat im vergangenen Jahr in die Entwicklung digitaler Produkte investiert und die Produktfinder-App gelauncht. Wie werden diese Services bisher angenommen?
Gut, aber – so ehrlich muss man sein – es ist ein Prozess. Der Vertrieb muss den Kunden zum Teil an die Hand nehmen und an die neuen Tools ­heranführen. Das heißt, die App vorstellen, gemeinsam mit dem Kunden installieren und den Nutzen vermitteln. Der persönliche Kontakt wird immer noch geschätzt. Das haben wir gerade jetzt in der Corona-Krise gehört, es wünschen sich viele, dass man wieder persönlich kommt.

An welchen weiteren digitalen Tools wird derzeit gearbeitet?
Ganz aktuell haben wir ein neues ­Online-Bestell-Tool für den Wandziegel gelauncht. Ab sofort können unsere Ziegel orts- und zeitunabhängig am Smartphone, Tablet oder PC bestellt werden. Die Produktauswahl ist dank Bild und hinterlegter technischer Daten einfacher, und die Ladekapazitäten können über eine Paletten- bzw. Gewichts­simulation optimiert werden. Die Bestellungen werden gespeichert – das heißt, bei auftretenden Fragen gibt es eine genaue ­Dokumentation, und man erspart sich bei einer weiteren Bestellung die neuerliche Eingabe. 

Die Bestell-App gibt es bisher nur für den Wandziegel. Ist geplant, diese auf das Dach-Sortiment auszuweiten?
Wir prüfen gerade, ob wir die Applikation auch für den Dachbereich einführen werden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir auch dort Mehrwert für unsere Kunden generieren können. ­Generell beschäftigen wir uns gerade damit, den gesamten Prozess „end-to-end“ zu digitalisieren – angefangen bei der Ansprache des Endkunden bis hin zu einer digitalen Produktionsplanung. Hier arbeiten wir daran, den Prozess Stück für Stück zu komplettieren. Vieles ist schon passiert – zum Beispiel der „digital stockyard“, ein Pilotprojekt in Gleinstätten, das wir auch auf andere Standorte ausweiten wollen. Auch die Digitalisierung der Supply-Chain steht im Fokus. Die Prozesse müssen einfacher, schneller und transparenter werden. Das oberste Gebot dabei ist, einen echten Mehrwert für unsere Kunden zu generieren. 

Wie weit ist Wienerberger in der End-to-end-­Digitalisierung?
Ich würde sagen, wir liegen noch bei unter 50 Prozent. Allerdings sind wir sehr weit in der Vision, wo wir hinwollen. Nun geht es darum, die Bausteine zu verschränken. Das Scale-up wird dann sehr schnell gehen. Eine Herausforderung ist dabei jedoch unsere breitgefächerte Klientel. Es gibt viele Industrien, in denen die Supply-Chain schon seit Jahren voll digitalisiert ist – da kann sich der Bau noch etwas abschauen. Allerdings: Fast jedes Haus ist ein Einzelstück. Und da beginnt unser Grundproblem – es gibt nichts von der Stange. 

Ein weiteres Kernthema von Wienerberger ist die Nachhaltigkeit. Tonbaustoffe – ob an Dach oder Wand – haben zurecht ein durchwegs positives Image was Natürlichkeit und Nachhaltigkeit angeht. Was tut Wienerberger, um seine Produkte möglichst klimaneutral zu produzieren und das Image des Baustoffs in die Öffentlichkeit zu tragen?
Richtig eingesetzt haben alle Werkstoffe ihre Berechtigung. Das Credo ist eine gute Symbiose der Werkstoffe, um Attraktives zu schaffen – in der Gesamtbilanz nehmen wir uns alle nichts. Das bedeutet auch, dass wir uns dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet sehen müssen, um besser zu werden. Und zwar nicht „besser als ...“, sondern in Summe besser. Wir haben alle unseren Footprint, wir brauchen Energie. Wienerberger Österreich produziert heute nur mit Strom aus regenerativen Energiequellen. Wir müssen aber alle weiter daran arbeiten, unsere Fußabdrücke zu verkleinern – im Interesse von uns allen. Wienerberger arbeitet gerade an konkreten Projekten, wo wir uns diesem Thema in einem nächsten Schritt stellen. Denn physikalisch ist es so, dass Ton als jahrtausendealter, reiner Naturwerkstoff seine Kenngrößen hat. Wenn wir Ton brennen, haben wir Möglichkeiten in diesem Prozess Emissionen zu reduzieren, aber wir haben auch im Naturstoff CO2, das wir durch die keramische Bindung freisetzen. Wir arbeiten also konkret an beiden Themen: Wie können wir den Fußabdruck in der Fertigung reduzieren. Und was können wir tun, um das Material ökologisch zu verbessern ohne dessen positive Eigenschaften zu ändern. Denn gerade in Sachen Nachhaltigkeit und Raumklima kann der Baustoff Ziegel eindeutig punkten. In einer Initiative aller heimischen Ziegelhersteller wurde gerade erst die Broschüre „Mit Ziegeln das Klima schützen“ herausgegeben, die sich an Politik, Presse und Interessenverbände richtet. Für Endkunden hat der Fachverband der Stein- und keramischen Industrie mit der „Initiative Ziegel“ im März eine Kampagne gestartet: „Natürlich Ziegel“. In dieser digitalen Kampagne werden auf diversen Online- und Social-Kanälen die Vorteile von Ziegeln kommuniziert. Mehr dazu findet man unter www.natuerlich-ziegel.at.

Der Designdachziegel „Tondach V11“, der im Herbst 2019 vorgestellt wurde, hat inzwischen zahlreiche Preise eingeheimst. Wie entwickelt sich der Verkauf, und wie sehen die weiteren Pläne zum „V11“ aus?
In Österreich läuft der Verkauf gut und entspricht den Erwartungen. Uns war immer klar, das Produkt wird nachhaltig Erfolg haben. Das war auch der Anspruch – das Dach ist neben der Fassade die Visitenkarte des Gebäudes. Mit dem V11 haben wir wieder eine andere Sicht auf das Steildach gegeben – modern und stylisch. Wir müssen es schaffen, wieder mehr Bewusstsein für das Steildach zu schaffen, dazu ist der V11 eine gute Möglichkeit. Und wir müssen auch den Architekten stärker einladen, wieder in Steildach zu denken. Mein Anspruch ist, dass wir mehr über das Thema Ästhetik punkten. Es gibt auch schon Anfragen aus den umliegenden Märkten für den V11, wir werden im nächsten Jahr den internationalen Verkauf starten.

Was ist Ihre Prognose für den heimischen Dachmarkt in Zeiten von Corona?
Wenn es sich weiter so entwickelt, wir die Delle relativ klein ausfallen. Ich persönlich glaube, die Gretchenfrage wird sein, wie die Stimmung im Land ist. Österreich ist gut gewachsen, wir sind ein Zuzugsland, das bedeutet, dass wir Wohnraum brauchen. Österreich wird weiterhin attraktiv bleiben, um hier zu leben und zu arbeiten. Deswegen mache ich mir um den Baumarkt nicht die größten Sorgen. Aber: Die Frage wird sein, ob der, der jetzt geplant hatte, zu kaufen, zu bauen, das auch tut. Das wird die nächsten Monate abzuwarten sein. Möglicherweise geht es 2020/2021 ein bisschen nach unten, bis sich die Stimmungslage wieder normalisiert. Aber das wird sie, davon bin ich überzeugt.

Sie haben Anfang Mai öffentlich die Sorge geäußert, dass coronabedingt eingeschränkte Bauverhandlungen verzögerte Baugenehmigungsverfahren nach sich ziehen. Hat sich die Lage aus Ihrer Sicht inzwischen entspannt?
Es hat sich wieder etwas getan, aber es verzögern sich schon zahlreiche Bauverfahren. Und drei bis vier Wochen Verzögerung in einem guten Monat bedeutet zehn Prozent weniger Umsatz. Es ist Unsicherheit da, insbesondere für das zweite Halbjahr. Eine wichtige Frage wird auch sein, wie weit die Urlaubszeit genutzt wird, um verlorene Wochen wieder aufzuholen. Viele Österreicher werden ja heuer im Sommer zuhause bleiben. Und es könnte der Wirtschaft natürlich helfen, wenn wir diese Ressourcen im Markt lassen. 

Interview: Sonja Messner, Birgit Tegtbauer

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