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„Kundenähe und Regionalität im Vordergrund“

15.05.2018

Bei Wienerberger tut sich was. Zwei Ziegelwerke wurden geschlossen, ein traditionelles österreichisches Werk gekauft, die letzten Anteile von Tondach wurden übernommen, das Management hat sich neu ausgerichtet. Wir hatten viele Fragen an den neuen Geschäftsführer Mike Bucher, denen er sich bereitwillig stellt.  

„Mehrgeschoßig mit Ziegel zu bauen funktioniert – es gibt genug Gebäude, die sich mit Ziegel realisieren lassen.“ Mike Bucher, Geschäftsführer der Wienerberger Ziegel­industrie

Nur wenige Wochen nach Ihrem Einstieg als Geschäftsführer bei der Wienerberger Ziegelindustrie erfolgte die Schließung der beiden Werke in Fürstenfeld und Rotenturm. Das ist wahrscheinlich nichts, was man sich als eine der ersten Maßnahmen wünscht?
Mike Bucher: Sicher nicht. Die Schließungen waren auch nicht mein erster Beschluss, aber die Auswirkungen liegen natürlich schon in meiner Verantwortung. Zum Hintergrund: Die beiden Werke sind bereits auf Sparflamme gelaufen. Die Produkte waren für den österreichischen Markt nicht mehr up to date was die Baukultur und die Nachfrage betrifft. Dazu kam, dass der Rohstoff an einem Standort langsam zur Neige geht. Die Belegschaft von 22 Mitarbeitern wurde in der Vergangenheit bereits aufgesplittet und hat beide Werke betreut. Die gute Nachricht ist, dass knapp die Hälfte der Mitarbeiter mittlerweile in anderen Werken untergekommen ist. 

Laut Konjunkturerhebung des Fachverbands Steine-Keramik musste die Ziegelindustrie 2017 ein Minus von 1,21 Prozent einstecken, während fast alle anderen Branchen zulegen konnten. Woran liegt es, dass die Ziegelhersteller nicht von der boomenden Konjunktur profitieren? Spiegelt das auch das Wienerberger-Ergebnis wider?
Wir haben zwei unterschiedliche Konjunkturen – das eine ist der Bereich Wand, der sieht positiv aus. Er läuft in dem Konjunkturmotor mit, in dem sich die anderen Baustoffe auch bewegen. Der Bereich Dach sieht leider anders aus. Der gesamte Steildach-Markt war im letzten Jahr um fünf Prozent rückläufig. Als Marktführer können wir uns diesem Negativ-Trend leider nicht ganz entziehen. Das Problem wird uns vermutlich auch dieses Jahr noch beschäftigen. Die Frage ist, ob die Talsohle schon erreicht ist. Das Flachdach ist stark, und die Kapazität der Handwerker wird nicht größer. Wo soll das Wachstum herkommen?

Ziegel an der Wand und am Dach sind nach wie vor sehr stark im Ein- und Zweifamilienhausbau. Derzeit wächst aber vor allem der mehrgeschoßige Wohnbau. Wie wollen Sie sich hier stärker positionieren, und wie kommen Sie an Projekte?
Das ist ein Bereich, den wir intensiv angehen werden. Auch aus dem Grund, dass für den Bereich Einfamilienhaus die Prognosen noch ein bis zwei Jahre optimistisch sind, die Urbanisierung ist und bleibt aber ein Riesenthema. Mehrgeschoßig mit Ziegel zu bauen funktioniert – es gibt genug Gebäude, die sich mit Ziegel realisieren lassen. Um das zu adressieren, muss man rechtzeitig aufklären und am Objekt sein. Dafür haben wir jetzt ganz neu eine eigene Mannschaft, bestehend aus sieben Personen, die sich österreichweit in den Bereichen Dach und Wand um Architekten, ausschreibende Stellen, Bauträger usw. kümmert. Und wir haben ja nicht nur Mauern und Dächer, sondern auch Fassade – darüber wurde in den letzten Jahren relativ wenig gesprochen. Mit vorgehängten hinterlüfteten Fassaden gibt es schöne Möglichkeiten, zum Beispiel mit ,Argeton‘. Auch dieses Thema wollen wir mithilfe dieser neuen Truppe wieder stärker vorantreiben. Wir können wirklich mit anderen Materialien mithalten. 

Wienerberger Vorstandsvorsitzender Heimo Scheuch sagte kürzlich, Wienerberger möchte in den nächsten Jahren zum Vorreiter für innovative, energieeffiziente und nachhaltige Baustoffe und Komplettlösungen werden. Wie sehen die nächsten Schritte aus, und was erwartet die Kunden? 
Punkto Energieeffizienz und Nachhaltigkeit sind wir mit unseren Produkten schon sehr weit. Auch wenn wir daran sicher weiterarbeiten müssen. Die Ideen gehen klar in die Richtung, alles was wir machen, effizient und nachhaltig zu machen. Wir wollen uns weiterentwickeln. Was beim Lebensmittel das Thema Bio, ist beim Bauen sicher das Thema Raumklima. Natürlich gibt es genügend Baustellen, die über das Budget getrieben sind, aber im Einfamilienhaus wird verstärkt besonderer Wert darauf gelegt. Und im Bereich Komplettlösung ist klar: Wir haben Mauer, Fassade und Dach. Wir sind der einzige Anbieter, der die komplette Hülle bieten kann. Hier möchten wir auch verstärkt Synergieeffekte heben. Das neue Objekt-Team ist ein erster Synergieeffekt. 

Als Zukunftsthemen sieht Wienerberger laut der jüngsten Pressemeldung auch die Vernetzung aller Partner – von Privatkunden über Professionisten bis hin zu Planern und Architekten. Wie soll das in der Praxis aussehen?
Alles muss sich vernetzten – das zieht sich von BIM über Smart Building über die digitale Lieferkette. Bei Building Information Modeling hinken wir in Österreich hinterher. In England werden öffentliche Ausschreibungen nur noch mittels BIM verplant. In Deutschland wird von 2020 gesprochen. Diese Welle wird auch nach Österreich überschwappen, und ich denke, dass wird eher schneller als langsamer gehen. Am meisten lässt sich am Bau vermutlich sparen, wenn man vernünftig plant. Die Prognosen sprechen von 15 Prozent, die sich da holen lassen. Indem man nicht mehr Ziegel für Ziegel plant, sondern über die Wand nachdenkt und alles mitei­nander vernetzt. Die Industrie hat meines Erachtens in den Werken ihre Hausaufgaben ziemlich gut gemacht, dort wurde die letzten 20 Jahre viel investiert. Die Prozesse wurden optimiert – das Thema Industrie 4.0 ist bei vielen schon durch. Aber vom Ladehof bis zum fertigen Produkt, da bauen wir immer noch wie vor hunderten von Jahren. Der Bestellvorgang von der Planung bis zur Lieferung ließe sich deutlich automatisieren. Wir wollen Tools zur Verfügung stellen, um das zu ermöglichen.

Wird es auch einen Online-Shop im herkömmlichen Sinn geben?
Den wird es wahrscheinlich auch brauchen – das prüfen wir gerade. Wir testen derzeit in Ungarn. Was aber nicht heißen soll, dass man den Händler eliminiert. Der Kunde könnte ja auf einer Wienerberger-Seite online bestellen und den Händler seiner Wahl angeben. 

Anfang 2017 wurden die Geschäftsbereiche im Wand- und Dachziegelbereich von Wienerberger und Tondach zusammengeführt. Welches Resümee lässt sich nach über einem Jahr des Zusammenschlusses ziehen? 
Unser großes Ziel ist, dass es nicht nur nebenei­nander funktioniert, sondern dass man gemeinsam die Synergien hebt. So weit sind wir noch nicht. Rechtlich gibt es ab 1. 1. 2019 nur noch eine Gesellschaft, die Wienerberger Ziegelindustrie – Tondach wird inte­griert. Der Auftritt nach außen geht aber mit einer Markenpolitik einher. Im Bereich Dach gibt es die starke Marke Tondach, die wir auch weiterhin in Österreich stärken. Auch die Produktionsstandorte werden bestehen bleiben. Auf der anderen Seite gibt es Porotherm für die Wand. Und Brenner als eigenständige Zweitmarke, die wir weiterführen werden. Gleichzeitig werden drei Marken auslaufen – die Salzburger Ziegelwerke, Austrotherm und Porotop. Die wird es ab 2019 nicht mehr geben. Die Produkte teilweise schon. Es gibt eine ganz klare Fokussierung auf Tondach und Porotherm und die Zweitmarke Brenner. Wir wollen diese drei Marken positionieren und auch mit den Werten, von denen wir gerade gesprochen haben – Transparenz, Nachhaltigkeit und Digitalisierung –, aufladen und diese Marken kundennäher machen. Und wir wollen noch stärker herausstreichen, dass wir ein lokales Unternehmen mit regionalen Produkten sind.

In unserem Interview vor einem Jahr nannte Vertriebs-Geschäftsführer Franz ­Kolnerberger als wichtiges Ziel den Ausbau der B2B-Aktivitäten, darunter etwa regionale Kompetenzzentren. Hat sich durch die Änderungen in der Grundstruktur die Zusammenarbeit mit den einzelnen Partnern verändert? 
Wir wollen, wie schon angesprochen, die lokale Verankerung leben. Die haben wir einerseits über unsere Werkstandorte, die in ganz Österreich verteilt sind. Andererseits zum Beispiel über die neue Akademie, die wir kürzlich gestartet haben und die es an drei Standorten gibt. Das Abholen unserer Kunden soll lokal stattfinden. Es gibt weiterhin die Vertriebsgebiete West, Ost und Süd, und in den jeweiligen Regionen gibt es einen Bereich Dach und einen Bereich Wand, die wir auch künftig nicht in einen Topf werfen wollen. 32 Außendienstmitarbeiter, inklusive der sieben neuen Objekt-Berater, sind in ganz Österreich unterwegs und für unsere Kunden da. 

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