Direkt zum Inhalt
Das neue Sportzentrum ­Gymnase Omnisport ZAC du Bon Lait als Ort der Begegnung zeigt sich als kompaktes Volumen, das ­Außen- und Innenraum geschickt miteinander verbindet.

Monolith in Holz für neues Stadtquartier

06.02.2018

Das multifunktionale Sportzentrum im Lyoner Quartier Bon Lait ist ein starkes Manifest für den Holzbau in der Stadt. Der Entwurf für das Gebäude ging im Jahr 2013 aus einem Wettbewerb hervor, den das Wiener Architekturbüro Dietrich Untertrifaller mit den in Lyon ansässigen Tekhnê Architekten gewonnen hat.

Die französische Stadt Lyon hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Aus der einstigen Industriehochburg ist eine moderne City geworden, die vor allem durch die Ansiedelung zukunftsträchtiger Technologie-Branchen zu neuem Glanz gefunden hat. Damit einher ging ein verstärktes Engagement der Stadtplanung. Diese hat sich verschiedener urbaner Problemzonen angenommen und im Zuge dessen auch Industrie­areale zu Wohnquartieren umgewandelt. Für die städtische Infrastruktur erhielten sie Einkaufszentren und Kinderhorte oder – wie im neuen ZAC-Stadtentwicklungsquartier Bon Lait im Lyoner Stadtviertel Gerland – das multifunktionale Sportzentrum am Place du Traité de Rome. Im orthogonalen Straßennetz nahm der Bauplatz prominent eine Eckparzelle ein. Das formal zurückhaltende, 11,10 Meter hohe Gebäude mit einer Breite von etwa 37,50 Meter und einer Länge von rund 53,60 Meter ist überwiegend als Holzbau konzipiert. In Stahlbeton ausgeführte Teilbereiche des Gebäudes dienen der Aussteifung, haben aber auch Brandschutzfunktion. Für die Gebäudehülle nutzten die Architekten mit Stroh gefüllte Kastenelemente. Als Fassadenbekleidung kamen vorvergraute Lärchenholz-Lamellen zum Einsatz.

Das Raumprogramm umfasst eine Dreifachsporthalle für diverse Ballsporten, eine Trainingshalle für Dojo-Kampfsport, Tanz und Gymnastik, einen Versammlungsraum sowie Umkleide-, Sanitär-, Adminis­trations- und Technikräume. Insgesamt öffnet sich das Sportzentrum durch die großzügige Loggia zum Platz und durch ein geschoßhohes Fensterband zur Allee an der Längsseite hin. Es passt sich mit seinem klaren Äußeren in die dichte Bebauung der Umgebung ein.

Unkompliziertes Haupttragwerk mit versetzten Sheds

Der Eindruck einer auf den ersten Blick einfachen Kiste setzt sich im Inneren keineswegs fort. Die Architekten haben den Kubus in drei horizontale Bereiche aufgeteilt, die mit den ideellen Bezügen korrespondieren: die Dreifachsporthalle auf Ebene der Fußgänger, bei der die „Stadt-Loggia„ und das Fensterband entlang der westlichen Längsseite eine einladende Geste setzen, das kompakte Obergeschoß sowie das Dach, das mit seinen Sheds auf die städtische Skyline sowie die industrielle Geschichte des Standorts verweist.

Die einzelnen Zonen des Sportzentrums unterscheiden sich in der Ausbildung des Tragwerks. Dabei kann die 45 Meter lange und 24 Meter breite Dreifachsporthalle als Kern betrachtet werden, neben und hinter der die übrigen Räume angeordnet sind. 

Ihr Haupttragwerk aus Brettschicht-(BS-)Holz-Bindern, die auf BS-Holz-Stützen ruhen, nimmt fast die gesamte Gebäudehöhe ein. Die Halle wird L-förmig von ein- und zweigeschoßigen Gebäudeteilen aus Stahlbeton eingefasst. Zu ihnen zählt das „Rückgrat“ auf einer Längsseite des Gebäudes. Es umfasst alles im Erdgeschoß (EG), was außerhalb der Sporthalle liegt samt Decke über EG und dem im vorderen Bereich platzierten Erschließungsturm mit Treppenhaus und Aufzug ins erste Obergeschoß. Dazu zählt außerdem ein zweigeschoßiger Riegel über die Breite der Sporthalle auf der rückwärtigen Schmalseite des Gebäudes. Im Inneren der Dreifachsporthalle besticht das Dachtragwerk mit den schachbrettartig angeordneten Sheds, die – nach Norden ausgerichtet – das eindringende Tageslicht gleichmäßig im Raum verteilen. 

Einbauten aus Brettsperrholz bilden ­trichterförmige Sheds

Mit einem Konstruktionsraster von vier Meter in Längsrichtung und 3,75 Meter in Querrichtung ergab sich eine Einteilung der Dachfläche über der Sporthalle in ebenso große Felder. Um hier für die schachbrettartige Anordnung der Sheds ein brauchbares Raster zu erhalten, teilten die Planer diesen Dachbereich in drei gleiche Längsstreifen auf und fassten damit je zwei Feldbreiten zusammen, sodass sich drei Felder von acht Meter Breite und 3,75 Meter Tiefe ergaben. Diese konnten nun versetzt mit Sheds gefüllt werden.

Für die Konstruktion der Sheds wählte man 8,5 Zentimeter dickes Brettsperrholz (BSP). Dabei bilden drei trapezförmig zugeschnittene Platten – zwei kurze und eine lange – eine an der Basis knapp acht Meter lange bzw. 3,65 Meter breite U-Klammer mit geneigten Flächen. Diese wurden jeweils zwischen die Satteldachbinder eingefügt, wobei die Platten über die Binder hinausragen. Die etwa 62 Grad geneigten Schmalseiten des Einbaus sind an den unterkantenbündigen Pfetten zwischen den Bindern angeschlossen, die 45 Grad geneigte Rückwand dagegen wurde über eine Traverse (b/h = 14 cm x 32 cm) hochgehängt, die ihrerseits an die oberkantenbündigen Pfetten (in den Drittelspunkten zwischen den Bindern) anschließt. Zusammen mit der Binderfläche entsteht auf diese Weise eine trichterförmige Konstruktion. Zur Vervollständigung der Form erhielten die Satteldachbinder eine 20 cm breite, in der Höhe variable Aufdoppelung aus BS-Holz (GL24h). Den Randabschluss bilden vier BS-Holz-Querschnitte (b/h = 2 x 14 cm x 24 cm, 14 cm x 24,5 cm, 14 cm x 36 cm, GL24h). Als Rahmen ausgebildet, stabilisieren sie die Plattenränder des Sheds und halten sie zusammen.

Aussteifungskonzept umfasst mehrere Ebenen

Die Aussteifung der Dachkonstruktion erfolgt über Auskreuzungen aller shedfreien Dachfelder in der Ebene der Binderoberkanten. Die dazu verwendeten BS-Holz-Streben mit Querschnitten von 20 cm x 20 cm (GL24h) bzw. 20 cm x 40 cm in besonders hoch beanspruchten Feldern schließen über V-förmige Blechfahnen an den Bindern an. Unterkantenbündig erhalten diese Felder eine Art Gitterrost aus Quer- und Längsstreben zur Aufhängung der profilierten Holzdeckenpaneele. Sie bieten eine ästhetische Untersicht und sorgen für eine gute Raumakustik.

Zur Gesamtaussteifung des Sportzentrums tragen zum einen die in Stahlbeton ausgeführten Gebäudeteile bei – insbesondere das sogenannte „Rückgrat“ an der Längsseite des Gebäudes –, an die sich der Holzbau anlehnt. Andererseits übernehmen mehrere Wandfelder in der Ostfassade im Bereich der Dojo-Halle bzw. der Büros eine aussteifende Funktion.

Durch die Steifigkeit der Gesamtkonstruktion des Dachtragwerks aus Bindern, Pfetten, Streben, selbsttragenden Sheds, Auskreuzungen und Deckenscheiben konnten die Horizontallasten über den Stahlbetonschacht des Erschließungskerns und die Geschoßdecke über dem EG in die Fundamente eingeleitet werden. Über ein 3D-Computerprogramm haben die Planer schließlich noch die Erdbebensicherheit der Holz-Beton-Mischkonstruktion analysiert und berechnet.

Gebäudehülle aus Hohlkästen mit ­Stroh-ballendämmung

Für die Außenwände des Sportzentrums, die bis zu elf Meter hoch sind, war eine entsprechende Wanddicke nötig – sowohl um den erforderlichen Wärmeschutz und damit die energetischen Vorgaben für das Gebäude zu erreichen als auch um die Windlasten aufnehmen zu können. Hierfür fanden die Architekten eine besondere Lösung: 40 Zentimeter tiefe Hohlkästen, gefüllt mit Stroh. Für diese Elementdicke eigneten sich Strohballen ideal – zum einen wegen ihrer Bindegröße von 36 Zentimeter, die die Kästen optimal ausfüllen, zum anderen als Wärmedämmung selbst. Die Hohlkästen fachen das Haupttragwerk aus.

Französischer Holzbaupreis für ­zukunftsweisende Architektur

Mit dem neuen Sportzentrum im Lyoner Wohnquartier Bon Lait haben die Architekten außen wie innen ein ebenso schlichtes wie formschönes Gebäude geschaffen. Dabei ist es den Planern gelungen, für die Sporthalle ein raffiniert anmutendes Dachtagwerk zu gestalten, das auf einem einfachen Tragsystem aus BS-Holz beruht, in Kombination mit abstrahierten Shed-Einbauten. Es verleiht dem Gebäude eine hohe Aufenthaltsqualität und einen hohen Wiedererkennungswert.

Das beurteilte auch die Jury des Französischen Holzbaupreises „Prix National de la Construction Bois 2017“ so, der am 13. September in Bordeaux zum sechsten Mal verliehen wurde: Aus mehr als 600 eingereichten Projekten wurde das Sportzentrum Gymnase Omnisport ZAC du Bon Lait in Lyon in der Kategorie Sport und Kultur zum Sieger gekürt.

Werbung

Weiterführende Themen

Aktuelles
28.07.2015

Vom 6. bis 9. Oktober findet erstmals die „Holzbau Messe+Kongress“  in Salzburg statt. Die Fachmesse konzentriert sich inhaltlich auf die Bedürfnisse der gewerblichen Holzbaubetriebe im ...

Holz
12.02.2015

Im burgenländischen Steinberg-Dörfl errichtete das Wiener Architekturbüro heri&salli mit „Office Off“ ein mehrfach ausgezeichnetes Bürogebäude ganz in Holzbauweise. Die Hülle aus ...

Holz
16.10.2014

Die zwei Brettschichtholzkuppeln, die das Unternehmen Rubner Holzbau derzeit für die Kohlelager des Kraftwerks „Federico II“ des größten italienischen Stromversorgers Enel in Brindisi, Italien, ...

Messen & Termine
25.08.2014

Zum zweiten Mal findet parallel zur Internationalen Holzmesse Klagenfurt vom 4. bis 7. September die „Holz & Bau“, die neue Fachmesse für den Holzbau, statt. Auf rund 10.000 Quadratmetern wird ...

Holz
05.02.2014

Robotergesteuerte Fertigungsprozesse im Holzbau? Eine traditionell „handwerkliche“ Branche ist im Hightechbereich angekommen.
 

Werbung