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Das Flachdach eines Industriegebäudes und das Flachdach eines Wohnhauses – worin liegen die baulichen Unterschiede?

Neue Lösungsansätze am Flachdach, Teil 1

12.06.2018

Wie würden wir Flachdächer planen, ausführen und nutzen, wenn es keine Normen gäbe? In unserer neuen Artikelserie setzt sich Wolfgang Hubner abseits von im Alltag regierenden Normen, technischen Richtlinien, Verordnungen und Vorschriften mit dem Thema Flachdach auseinander.

Wir neigen, insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten, dazu, vereinheitlichte bautechnische Regeln aufzustellen, die im Idealfall für sämtliche Projekte Gültigkeit haben sollten. Besonders am Flachdach gilt es jedoch zu unterscheiden, wo sich das Objekt befindet und welchen endogenen und exogenen Einflüssen es ausgesetzt wird. 

Es ist also von wesentlicher Bedeutung, ob das Flachdach im burgenländischen Seewinkel errichtet wird, wo das Klima in Bezug auf Intensität der Sonneneinstrahlung, Regentage und Windeinwirkungen gänzlich anders gelagert ist, als wenn ein Flachdach in einer Tiroler Tallage auf 1.000 Meter Seehöhe errichtet wird, wo die Sonne nur einige Tage im Jahr auf die Flachdachfläche scheint. 

Norm als Mindestanforderung

Im Allgemeinen gehen technische Normen vom Regelfall aus, wo der Standort eine sekundäre Bedeutung hat, wenngleich es natürlich Hinweise in den Normen gibt, dass der Planer und/oder Ausführende sich mit der örtlichen Exposition des Objekts vertraut machen muss. Trotzdem ist es gängige Praxis in der Normenanwendung, dass man sich an deren Inhalt orientiert, mit dem Wissen, dass es sich nur um Mindestanforderungen handelt. Das bedeutet, dass die Anforderungen in den ÖNormen, da diese eben nur Mindestanforderungen darstellen, im positiven Kontext überschritten werden dürfen, sollen oder sogar müssen. Und bei so manchen Detaillösungen wären Ausführungsvarianten möglich, die zwar nicht der Norm entsprechen, aber ein vergleichbares Schutzziel bieten.

Eine nicht unerhebliche Menge an Bauschäden entsteht an den Gewerkeschnittstellen und Gewerke­übergängen, wo Handwerker häufig gefordert sind, Details zu lösen, die nicht in Normen abgebildet sind. Das ist auch verständlich, denn Normen würden dann Buchdicke erreichen und dadurch noch weniger gelesen und akzeptiert werden. 

Gehemmte Lösungs­kreativität 

Natürlich hat alles aber wieder zwei Betrachtungsweisen. Eine detailliert beschriebene Norm verhilft zu klaren Leistungsbeschreibungen, fast mit dem Charakter einer Einbauanleitung, sie führt aber in weiterer Folge häufig dazu, dass wir Leistungen, die nicht in der Norm beschrieben sind, a priori schon als weniger sicher ansehen. Leistungsregulationen bis in den kleinsten Bereich führen auch dazu, dass die Lösungskreativität abnimmt. Das Gegenstück, also die Beschreibung der Eigenschaften des fertigen Bauteils, wo die einzelnen Leistungsschritte nur rudimentär angeführt sind, erfordern hohe Lösungskompetenz von Planer und Handwerker.

Aus heutiger Sicht müsste dem Endziel und Funktionszweck eines Flachdaches wesentlich mehr Bedeutung beigemessen werden, auch wenn die Wege dorthin in allen Einzelleistungen nicht explizit in den Normen abgebildet sind. Es wäre durchaus sinnvoll, dass Ausführungen zugelassen sind, wo zu erwarten ist, dass ein Maximum an Schutzziel erreicht wird. 

Vier Grundregeln

Bei aller Komplexität des heutigen Bauens sind im technischen Sinn vier Grundregeln im Planungs- und Ausführungsprozess zu beachten:
1. Entwässerung 
2. Untergrund
3. Dachschichtenaufbau
4. Hochzüge, An-, Abschlüsse und Einbauteile
Der Sphäre des Objekteigentümers wären die Nutzung sowie Wartung und Instandhaltung (Monitoring) unterzuordnen.

Präventivmaßnahmen in der Planung

Vor dem ersten Schritt im Planungskonzept eines Flachdaches steht der Dialog über die Sensibilität und Nutzung des Objekts. Es liegt auf der Hand, dass eine rechteckförmige Flachdachfläche einer Lagerhalle, in der beispielsweise Autoreifen gelagert werden, einer anderen Schadensfolgeklasse entspricht als etwa ein Flachdach auf einem Wohn-, Büro- oder Geschäftshaus, das schon aufgrund der Grundrissplanung ganz andere Formen, verschiedenartige An-, Abschlüsse und Einbauteile aufweist. 

Grob zusammengefasst wird es also einen Unterschied zwischen Flachdächern auf Lagerhallen und denen auf z. B. Spitälern geben. Aber wo sollte sich der Unterschied manifestieren? In der Wasserdichtheit der Dachabdichtung? – wohl kaum. In der Applikation von zweitklassigen Baumaterialien? – sollte auch auszuschließen sein. Geringerer Anzahl an Niederschlagswasser-Entwässerungseinheiten? – auch abzulehnen. An Hochzügen oder An-, Abschlüssen sparen? – wird auch nicht möglich sein, denn „ein bisschen wasserdicht oder hinterlaufsicher“ gibt es nicht. 

Worin liegen nun die Unterscheidungsmerkmale? In der Schadensfolge! Das bedeutet, dass bei einem Wassereintritt in den Dachschichtenaufbau und/oder in den Gebäudeinnenraum konstruktive Maßnahmen zu setzen sind, damit dieses eindringende Niederschlagswasser umgehend detektiert und lokalisiert werden kann, um den Folgeschaden so gering wie möglich zu halten. Das erfordert, bereits in der Planung von Flachdächern Präventivmaßnahmen vorzusehen. 

Ob nun die vielfach diskutierte Langlebigkeit von Flachdächern auch mit der vereinfachten Einteilung in Flachdächer auf Lagerhallen, Bürogebäuden oder Krankenhäusern zu tun hat, kann nur bedingt in Betracht gezogen werden. Die Funktionstauglichkeitserwartungen von Flachdächern starten bei 20 Jahren und liegen de facto weit darüber – aber nur dann, wenn regelmäßig von Fachkräften jene substanzielle Leistung erfolgt: Wartung und Instandhaltung.

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