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SV-Praxis - Unerwünschte Meinungsvielfalt

21.01.2015

Wenn der Planer eine bestimmte Art der Ausführung einer Handwerksleistung und Objektsform plant und meint, sein Auftraggeber, der Bauherr, weiß ohnedies, was er bekommt, der Planer aber keine Aufklärung über das Ergebnis gibt, kann es zum Meinungschaos kommen. 

Was war geschehen? Geplant wurde ein streng kubischer Baukörper, also geometrische, rechteckige, parallel verlaufende Linien an der Fassade und auch über Dach. Die Dachaufbauten (wie im Bild dargestellt) wurden für die Haustechnik in Leichtbauweise errichtet, und um diese so unauffällig wie möglich zu gestalten, mit einer zweilagigen Abdichtung (die oberste Lage eine Alpindachbahn) abgedichtet. 
Zum Zeitpunkt der Planung galten die Werkvertragsnorm ÖNorm B 2220 und die Verfahrensnorm ÖNorm B 7220. Für jeden Dachdecker und Bauwerksabdichter ist damit klar, dass das Gefälle 1,8 Prozent zu betragen hat. Der Baubeginn erfolgte im Jahr 2012, auszuführen war das Flachdach im Jahr 2013. 

Im Werkvertrag der Auftragnehmer war die ÖNorm B 2110 bedungen, die zum Zeitpunkt der Ausführung geltenden technischen Normen sowie die Werkvertragsnormen. Eine eher ungewöhnliche Formulierung, denn meist gelten die Normen zum Zeitpunkt der Planung und Ausschreibung. Bei derartig großen Objekten setzt jedoch meist eine Rechtsanwaltskanzlei den Werkvertrag auf, und bedingen darf ich als Auftraggeber das, was mir als Vertragserrichter für richtig erscheint. Wenn der Auftragnehmer den Werkvertrag unterfertigt, gilt dieser meist als beiderseitiger Wille. 
Bei diesem Objekt kam es bereits bei der Übergabe der Leistungen nach der Fertigstellung, also bei der Leistungsabnahme, zu heftigen Diskussionen – welche darin gipfelten, dass der Bauwerksabdichter eine Mängelrüge zugestellt bekam. Mit der Auflage, die Wasserlachen auf den Dachflächen der Aufbauten zu entfernen und auch die Verschmutzungen der Wände durch abrinnendes Wasser zu beseitigen. In diesem Zusammenhang wurden auch die letzte Teilrechnung und die Schlussrechnung einbehalten und mitgeteilt, dass die Zahlung der offenen Forderungen „nach Beseitigung aller Mängel“ vorgenommen werden wird. 

Die Rechtsanwälte wurden als Erste tätig. Das war klar, der Kollege meinte kein Versäumnis verantworten zu müssen, hat er doch plangenau und ausschreibungsgemäß ausgeführt. 
Der Architekt, der die ÖBA an ein Subunternehmerbüro ausgelagert hatte, meinte, der Auftraggeber habe gewusst, dass die Dachflächen ohne Gefälle geplant waren und das Niederschlagswasser an allen Seiten abrinnen kann. Es war im Plan kein Dachablauf eingetragen. 
Die Argumentation des Auftraggebers bzw. seines Rechtsvertreters war, dass der Planer den Auftraggeber als Laien nicht ausreichend über die Folgen dieser „verunglückten“ Planung informiert und über die Folgen aufgeklärt hat. 
Der Planer und die ÖBA warfen dem Bauwerksabdichter vor, seiner Warn- und Hinweispflicht nicht nachgekommen zu sein und die Pläne nicht ausreichend geprüft zu haben. 

Im Zuge der Nachverfolgung des Ablaufs der Auftrags- und Bauabwicklung war dann Folgendes festzustellen: ­Einen Plan hat der Bauwerksabdichter erst dann gesehen, als die Aufbauten aus einer Holzkonstruktion schon fertig und die Abdichtung in Arbeit war. Der Bauwerksabdichter hatte sehr wohl nachgefragt und darauf aufmerksam gemacht, dass kein Gully, keine Attika und kein Gefälle vorhanden seien. Die Herstellung dieser Bauteile wurde vom Kollegen mit dem Hinweis gefordert, dass die erste Lage Abdichtungsbahn nur als Schutzbahn für die Holzkonstruktion zu sehen ist und die Attika darauf aufgesetzt werden kann. Dieses Schreiben wurde von der ÖBA, so meinte ich, ignoriert. Die Antwort war eine Fristsetzung mit der Androhung einer Pönale, sollte die Abdichtung nicht fertig sein, wenn die Haustechnik mit der Montage der Lüftungsanlage beginnt. Zum gleichen Zeitpunkt wurde der Plan als PDF-Anhang per E-Mail übermittelt. 

Geeinigt hat man sich schließlich darauf, dass der Bauwerksabdichter eine weitere Lage Abdichtung aufbrachte, die Beschieferung der bestehenden Oberlage mit Stahlbesen gesäubert wurde, mit einem Haftanstrich versehen und dann eine weitere Lage beschieferte Bahn aufgebracht wurde. Somit konnte die Regelung einer Sonderkonstruktion durch die dreilagige Abdichtung dokumentiert werden. 
Die kulant berechneten Mehrkosten für die dritte Lage und die aushaftenden Beträge für die Teilrechnung und Schlussrechnung wurden dem Bauwerksabdichter bezahlt. 
 Als Resümee möchte ich anmerken, dass ein Brief mit einem Hinweis auf eine mangelhafte Planung und der Forderung, die Konstruktion, die vorerst gegen Schaden durch die Witterung geschützt wird, ausgereicht hätte, dem Bauwerksabdichter sein Entgelt zu retten.


Landesinnungsmeister-Stv. Gerhard Freisinger ist Bundes­sprecher der ­Berufsgruppen Schwarzdecker und Abdichter gegen Druckwasser und Feuchtigkeit in der Bundes­innung der Bauhilfs­gewerbe sowie allgemein gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger für bau­gewerbliche Tätigkeiten. Außerdem ist Gerhard Freisinger ständig akkreditiertes, stimmberechtigtes Mitglied des ON-Instituts in zahlreichen Ausschüssen. 

Autor/in:
Redaktion Dach Wand
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