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SV-Praxis - Winter mit Folgen

25.07.2018

Der Winter 2017/2018 hat in manchen Regionen außergewöhnlich viel Schnee gebracht und lang ­gedauert. Natürlich gab es immer wieder Tau- und Frostperioden. Diese haben an die Abdichtungen und vor allem an die Wartungsbauteile besondere Ansprüche gestellt.

Aber von einem Winter lässt sich der Mensch nicht davon abhalten, sein Eigentum, in diesem Fall eine Wohnung, zu verkaufen. Der Neubesitzer hat mich mit Vehemenz aufgefordert, seine Wohnung zu besichtigen, denn diese sei eine Tropfsteinhöhle, die Hausverwaltung sei unfähig und der Dachdecker-/Spenglerbetrieb ein Pfuscher, der ihm schon am Telefon sagt, dass er für den Wasserein- und Durchtritt nicht zuständig sei. Die kontaktierte Hausverwaltung sagte mir am Telefon: „Ja, das Problem mit dem Wasserdurchtritt im Bereich des Fenstersturzes kennen wir, aber eine Lösung zur Beseitigung wurde noch nicht gefunden.“ Ein Termin für einen Ortsaugenschein war rasch vereinbart. Der Wohnungsbesitzer sollte auch anwesend sein, ich wollte mir die nasse Stelle in der Wohnung ansehen. Denn nach den Angaben der Hausverwaltung gab es im Inneren keinen Wassereintritt. 

Lokalaugenschein

Wenn wir nun Bild 1 betrachten, sehen wir die Putzabplatzungen und Ausblühungen, die nicht durch die Durchfeuchtung eines Winters so aussehen können. Die Ursache war rasch gefunden: Im Geschoß darüber gab es eine Brüstung, die mit einer Attikaabdeckung abgedeckt war. Die Abdichtung aus einem FPO-Folienwerkstoff war auf die Dreischichtplatte geführt, und diese lag auf dem WDV-S ohne weitere Trennlage auf. Mit Bild 2 dokumentiere ich die vorgefundene Art der Befestigung der Geländerkonstruktion. Für mich wenig überraschend, aber doch fälschlicherweise hat der Schlosser wohl gemeint, da sei Blech. Also bohrte er seine Löcher durch, befestigte mit Dübel im Beton und schraubte die Stützen mit Holzschrauben nieder. In Beton halte ohnedies jeder Dübel, eine Dichtung auf das Blech aufgelegt – wird schon passen. 

Das dritte Bild zeigt noch, wie viele Gedanken der Schlosser aufgewendet hat, um die Rohre auch an der Wandscheibe zu befestigen. Dass da eine Verblechung mit einer Kittleiste an der Wand war, welche die Dichtung der Attikaabdeckung zur Wandscheibe hin bewerkstelligte, war ihm nicht einmal im Wege. Die Kittleiste mit dem Winkelschleifer abgeschnitten, gebohrt, und die Senkkopfschrauben eingedreht. Die Frage nach dicht und wohin das Wasser rinnt, stellte sich für den Mann gar nicht.

Diskussion

Bei der Diskussion der anwesenden Vertreter war zuerst klar: Für den Wasserdurchtritt, damit auch für die Kosten der Folgeschadenbeseitigung, haftet der Dachdecker-/Spenglerbetrieb. Er ist schließlich für die Dichtheit der Konstruktion verantwortlich. Der Schlosser hat gleich angeboten, die Geländerstützen im Bereich über dem Erker zu demontieren, um, wie er meinte, seine fachgerechte dichte Montage zu beweisen. Ein Gerichtsverfahren wollte man tunlichst vermeiden.

Demontiert sah die Sache plötzlich ganz anders aus. In der Dreischichtplatte waren Löcher mit zehn Millimeter Durchmesser gebohrt. Die Holzschrauben hatten einen Schaftdurchmesser von sechs Millimeter. Die Dichtung war eine „harte“ Dichtung, also eher eine Distanzscheibe als Dichtung zwischen Metallbaustoffen, und die Bohrlöcher wiesen ebenfalls einen Lochdurchmesser von zehn Millimeter auf. Schon beim Demontieren war, obwohl der Schnee von der Attikaabdeckung entfernt wurde, Wasser zwischen der Attikaabdeckung und der „Dichtung“ festzustellen. 

Lösung

Das Ergebnis: Die Attikaabdeckung und das Geländer wurden komplett demontiert, die Geländerstützen auf der Abdichtung aus FPO-Folie neu befestigt und mit einer Flüssig­abdichtung angedichtet, obwohl der Schnee von der Attikaabdeckung entfernt wurde. Die Attikaabdeckung wurde in Teilen der Stützenabstände neu montiert und die Flüssigabdichtung, mit einer Hülse auf der Verblechung geklebt, abgedeckt. Auf den Anspruch auf Dichtheit zwischen Hülse und Geländerstützen konnte man verzichten, da die Flüssigabdichtung diese Funktion übernahm. Der Dachdecker-/Spenglerbetrieb hat diese Leistungen angeboten und bekam auch sein Entgelt. Die Kosten für die Beseitigung der Folgeschäden trug die Versicherung des Schlossers.

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Landesinnungsmeister-Stv. Gerhard Freisinger ist Bundes­sprecher der ­Berufsgruppen Schwarzdecker und Abdichter gegen Druckwasser und Feuchtigkeit in der Bundes­innung der Bauhilfs­gewerbe sowie allgemein gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger für bau­gewerbliche Tätigkeiten. Außerdem ist Gerhard Freisinger ständig akkreditiertes, stimmberechtigtes Mitglied des ON-Instituts in zahlreichen Ausschüssen.
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