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Teures Chaos

11.04.2018

Diesmal behandelt Gerhard Freisinger einen in den Monaten vor dem Jahreswechsel und vor der Übergabe von gemischt genutzten Objekten oftmals beobachteten Fall: „Es wird nebeneinander, übereinander und ohne Rücksicht auf Schutzerfordernisse gewerkelt. Keine der beteiligten Firmen hält sich an den SIGE-Plan.“ Chaos, das teuer werden kann.

Autor Landesinnungsmeister- Stv. Gerhard Freisinger ist Bundessprecher der Berufsgruppen Schwarzdecker und Abdichter gegen Druckwasser und Feuchtigkeit in der Bundesinnung der Bauhilfsgewerbe sowie allgemein gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger für baugewerbliche Tätigkeiten. Außerdem ist Gerhard Freisinger ständig akkreditiertes, stimmberechtigtes Mitglied des ON-Instituts in zahlreichen Ausschüssen.

Eingangs wünsche ich ein gutes neues Jahr mit einem erfolgreichen Verlauf. Erinnern möchte ich daran, dass zum Erreichen eines wirtschaftlich erfolgreichen Jahres einige unabdingbare Regeln eingehalten werden sollten und mehr denn je Obacht auf die „Umgebungsgeräusche“ geboten ist.

Nun aber zu einem in den Monaten vor dem Jahreswechsel und vor der Übergabe von gemischt genutzten Objekten oftmals beobachteten Vorgang. Es wird nebeneinander, übereinander und ohne Rücksicht auf Schutzerfordernisse gewerkelt. Es hilft kein SIGE-Plan, es hält sich sowieso keine der beteiligten Firmen daran. Für meine Begriffe Chaos pur. Beauftragt hat mich der Bauträger (AG), also die Investoren, welche eine Kontrolle der Abdichtungsarbeiten mit dem Satz „Kontrollieren Sie die Abdichtungen auf der Tiefgarage und den Terrassen“ wünschen. Es tritt immer noch Wasser in das Bauwerk ein, die ÖBA meldet laufend nichtfachgerechte und nichttermingerechte Ausführung, der Übergabetermin der Geschäftsflächen ist der 1. 12. 2017, zu diesem Zeitpunkt muss auch die Tiefgarage benutzbar sein.

Die weiteren aufseiten des AG tätigen Akteure waren ein junges Architektenteam, verantwortlich für die Einreichund Polierplanung, ein technisches Büro für die Ausschreibungen, ein ZT-Büro für die ÖBA. Einige der Mitarbeiter gaben freimütig in Gesprächen an, noch am Studienabschluss zu arbeiten. Mein Verlangen nach Unterlagen, wie Ausschreibungen, Vergabeprotokolle, Pläne und Bautagesberichte, wurde teilweise erfüllt. Was ich bekam, waren mehrere Schreiben mit Bilddokumentationen der ÖBA, in denen behauptet wurde, dass die Bauwerksabdichtung nicht fachgerecht ausgeführt sei und die Ursache der Wassereintritte und des Bauverzugs beim Bauwerksabdichter läge. Kein Schreiben gab es vom Bauwerksabdichter.

Doch genauer hätte ich nicht hinsehen sollen. Die Vergabe aller Arbeiten lief, nachdem das Gesamtobjekt frei finanziert war, nach dem Billigstbieterprinzip. Für das Bauunternehmen war der dritte Subunternehmer am Werk, beim Fassadenbauer war nicht so genau zu erheben, ob Subunternehmer und/oder mehrere Einzelunternehmer. Der Bauwerksabdichter hatte ebenfalls die Arbeiten an Subunternehmer vergeben. Doch diese Information war nicht richtig: Er hatte sich von einem Personalleasingbüro Arbeiter geleast. So hat die Baustelle auch ausgesehen. Keiner war für irgendetwas verantwortlich. Facharbeit war teilweise nicht feststellbar.

Was der Bauwerksabdichter sicher nicht gemacht hat, war die Abnahme des Untergrunds. Wenn man das Bild 1 betrachtet, ist dies deutlich dokumentiert. Da war eine Abdichtungslage verlegt, als von der ÖBA die Mängelrüge wegen des stehenden Wassers vor dem Portal kam. Die Lösung war, die Vertiefung mit Mörtel ausgleichen. Auf die Oberfläche darf ich nur hinweisen, einen Kommentar bedarf es dazu nicht. Das Detail des Anschlusses der Abdichtung an das Portal habe ich vergebens eingefordert, die Architekten meinten, ein derartiger Plan wäre nicht in ihrem Auftragsumfang, die Handwerker sollten die Detaillösung untereinander vereinbaren und eine Zeichnung vorlegen. So funktioniert das doch nicht. Der Fensterbauer hat die Portale inklusive Deckschalen fixfertig hingestellt, ein Anschluss war also nur auf die Deckschale möglich, bei Versagen der Dichtstofffuge zum Glas hin rinnt das Wasser bei Schlagregen in das Innere. Ausgeschrieben war ein Hochzug mit Bitumenbahnen.

Bei Betrachtung von Bild 2 ist zu sehen, dass wohl jeder, auch der Schlosser, die abgedichtete Fläche als Deponie- und Werkplatzebene betrachtete, denn Schutz der Abdichtungsoberfläche gab es keinen. Vorgefunden habe ich Gerüste, lagernd und auch aufgestellt, Schalungen und Metallteile für Klimakanäle etc. Gezählt und mit Bild dokumentiert habe ich auf zirka 3.000 Quadratmetern an die 125 Beschädigungen, teilweise beide Abdichtungslagen durchdringend. Eine Dehnfuge, mit Dehnfugenband ausgeführt, das Dehnfugenband multipel beschädigt. Zum Teil vom Einflämmen verbrannt, an mehreren Stellen vom Überfahren zerstört, und das übliche Leiden, die E-Versorgung für die Platzbeleuchtung auch durchgeführt.

Bild 3 zeigt uns den WDV-S bis auf die Abdichtung ausgeführt, die Oberfläche der Abdichtung mit Putzresten verschmutzt – der Fassadenbauer hat vom Schutz der Abdichtung, so scheint es, wohl noch nie etwas gehört. Die aufziehende Feuchtigkeit ist am dunklen Rand zu erkennen. Entlang der Fassade steht Wasser. Die Abdichtung endet eben ohne Hochzug wie auch an den Portalen. Ein Sockeldetail gibt es nicht, der Fassadenbauer hat bis zur Aufstandsfläche gearbeitet und dachte, so seine spätere Aussage, die Abdichtung wäre ohnedies fertig. Denken war falsch, fragen wäre besser gewesen.

Bild 4 zeigt zur Demonstration, wie generell auf der Baustelle gearbeitet wurde. Den Vorarbeiter der Leiharbeiter fragte ich, wie er das Detail zu lösen gedenkt. Seine Antwort: „Der Chef weiß auch nicht wie, ich flämme halt bis zum Portal, das wird schon reichen.“ Dass die Oberfläche des Gehbelages fünf Zentimeter höher lag, hat den Mann nicht interessiert.

Nun zur Lösung der Probleme: Erreichbar war, dass der Bauwerksabdichter eine weitere Lage aufflämmen durfte und diese auch zum Wettbewerbspreis des abgegebenen Angebots bezahlt bekam. Nachdem keine Schreiben hinsichtlich der Behinderung durch andere Firmen, Warnungen vor dem untauglichen Untergrund und Dokumentationen, wer was beschädigt hat, vorlagen, waren die erforderlichen Verbesserungen wie die Anschlussherstellung an den Portalen mit Flüssigkunststoff vom Bauwerksabdichter ohne Bezahlung auszuführen. Für die Erneuerung der Dehnfuge konnte zur Kostendeckung der Elektriker herangezogen werden. In der Schlussbesprechung haben alle betroffenen Firmen gemeint, die Verbesserungen und die dadurch entstandenen Kosten wären zu 100 Prozent Sache des Auftraggebers bzw. seiner Erfüllungsgehilfen. Meine Argumentation dagegen bestand lediglich aus dem Vorhalt des Kapitels Warn- und Prüfpflicht der ÖNorm B 2110. Das Mindeste wäre gewesen, dass schriftlich die erforderlichen, nicht vorhandenen Detailpläne urgiert und die Baubesprechungen regelmäßig besucht worden wären. Gerade der Fassadenbauer, der Elektriker und auch der Bauwerksabdichter haben nach Angaben der ÖBA und der Bauleitung der Baufirma an den wöchentlichen Jour-fix-Terminen meist nicht teilgenommen. Die Ausreden der Firmen, es sei ohnedies bei Bedarf nachgefragt worden, wurde belächelt und damit abgetan, dass in der ÖNorm B 2110 Schriftlichkeit bedungen sei, und nun, bei dem Umfang der Baustelle, wohl niemand mehr wüsste, wer wann welche Auskunft haben wollte. Der Bauwerksabdichter meinte bei der Verabschiedung: „Lehrgeld habe ich nun ausreichend gezahlt.“ Er hätte keines zahlen müssen, wenn die minimalsten Forderungen nach Schriftlichkeit und Prüfung des Untergrundes und der zur Verfügung gestellten Unterlagen eingehalten worden wären. Ganz im Gegenteil, ich hätte die Möglichkeit gesehen, erhebliche Mehrkosten geltend zu machen.

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