Direkt zum Inhalt

Wieder mehr Schattenwirtschaft am Bau

17.09.2014

Die Schattenwirtschaft mit Baudienstleistungen wächst in Österreich 2014 voraussichtlich um mehr als vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Verantwortlich dafür ist der schwache Arbeitsmarkt, berichtet der aktuelle Branchenradar „Schattenwirtschaft am Bau in Österreich 2014“ vom Marktforscher Kreutzer Fischer & Partner.

Text: Alexandra Wailzer, Birgit Tegtbauer 

Von einer kränkelnden Baukonjunktur ist bei den heimischen Pfuschern nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil, der Markt „brummt“ wie schon lange nicht. Nach vorläufigen Zahlen wächst die Schattenwirtschaft mit Baudienstleistungen heuer um +4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt werden alleine mit baubezogenen Dienstleistungen etwas mehr als acht Milliarden Euro ohne jede weitere Besteuerung am Fiskus und der Sozialversicherung vorbei erwirtschaftet.

Fast neun Prozent mehr „Privater Pfusch“.

Für das Wachstum verantwortlich seien dabei laut Kreutzer Fischer & Partner ausschließlich private Pfuscher. Die Erlöse aus der „Nachbarschaftshilfe“ steigen heuer im Jahresabstand voraussichtlich um +8,5 Prozent auf nahezu  4,5 Milliarden Euro. Wachstumstreiber ist wohl der schwache Arbeitsmarkt. Mit Stichtag Ende August waren in Österreich am Bau und im Bauhandwerk mehr als 20.000 Personen arbeitslos gemeldet. Das sind um nahezu 2.750 Personen (+15,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr) mehr als im Jahr davor. Dabei sind die Sommermonate am Bau normalerweise „Prime Time“. Viele dieser beschäftigungslosen Bauhandwerker sitzen die Arbeitslosigkeit aber nicht zu Hause  ab, sondern bieten ihre Dienstleistung am Schwarzmarkt an bzw. erhöhen ihr einschlägiges Engagement. Folglich erhöht sich durch die steigende Anzahl an arbeitslosen Bauhandwerkern automatisch das Angebot an privaten Pfuschern. Und dieses Angebot wird offenbar von den privaten Haushalten wohlwollend angenommen, nicht zuletzt weil die Preise für legale Baudienstleistungen rasch wachsen. In den letzten zehn Jahren wuchs der Baupreisindex im Wohnungs- und Siedlungsbau um rund vierzig Prozent rascher als die Inflation. Konstant ist indessen das Volumen im gewerblichen Pfusch. Der Umsatz aus „Ohne-Rechnung-Geschäften“ stagniert bei rund 3,5 Milliarden Euro.

Alle Gewerke sind betroffen.

Die steigende Nachfrage nach privaten Pfuschern bzw. „Ohne-Rechnung-Geschäften“ zieht sich durch alle Gewerke. Die Wachstumsraten liegen zwischen +6,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr für Gartenarbeiten und +3,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr in der Haustechnik. Insofern bleiben auch die Marktanteile der Gewerke am Pfuscher-Markt nahezu stabil. Den größten Teil des Umsatzkuchens holt sich das Bauhauptgewerbe mit 3,05 Mrd. Euro (38 Prozent). Dahinter folgen Haustechnik mit 2,05 Mrd. Euro (26 Prozent) und der Innenausbau (Boden, Wand, Decke) mit 1,85 Mrd. Euro. Deutlich kleiner sind die Segmente „Dach“ mit 600 Mio. Euro, Garten mit 350 Mio. Euro und Einrichtung mit 100 Mio. Euro.

Volkswirtschaftlicher Schaden schwer zu beziffern.

„Ohne-Rechnung-Geschäfte“ werden überwiegend mit legal beschäftigten Arbeitnehmern durchgeführt, wodurch der Schaden hierbei primär in der Umsatzsteuerverkürzung zu suchen ist. Über allem steht aber die zentrale Frage, wie viele Projekte, die unter den Konditionen des „Pfusch“ von Konsumenten beauftragt werden, sich tatsächlich in legale Geschäfte überführen lassen. Kurzum, welches Investitionsvolumen ginge verloren, weil zwei bis dreimal höhere Stundenlöhne als im privaten Pfusch bzw. 20 Prozent Mehrwertsteuer bezahlt werden müssten? Der tatsächliche volkswirtschaftliche Schaden der Schattenwirtschaft ist daher umstritten und pendelt – je nach Sichtweise – zwischen 0,15 Prozent und 0,90 Prozent des BIP pro Jahr.
„Möglicherweise deshalb sind auch die Maßnahmen der öffentlichen Hand zur Eindämmung des Pfuschs insgesamt nur halbherzig – Stichwort: Handwerkerbonus. Denn würde man ernsthaft an einer radikalen Einschränkung interessiert sein, könnte man diese – ungeachtet der gesellschaftspolitischen Konsequenzen – einfach über eine Art Kronzeugenregelung realisieren. Ähnlich wie im Wettbewerbsrecht, würde der Anzeiger einer Dienstleistung, die ohne Rechnung erbracht wurde, straffrei gehen, auch wenn er selbst Nutznießer des Geschäftes ist. Nach der Logik des „Gefangenendilemmas“ wäre daher in „Pfusch-Geschäften“ keiner der beiden Geschäftspartner mehr sicher, ob nicht der andere das Geschäft zur Anzeige bringt. Der Markt würde zu weiten Teilen rasch austrocknen. Gewinner und Verlierer einer solchen Reform wären dabei aber höchst ungleich verteilt“, so die Studienleiter von Kreutzer Fischer & Partner.

Die Berechnung wurde mit aller gebotenen Sorgfalt – aber ohne Gewähr – erstellt.
Quelle: Branchenradar Schattenwirtschaft am Bau in Österreich 2014 


Angaben zur Studie

Kreutzer Fischer & Partner errechnet seit 2003 jährlich die Volumina der Schattenwirtschaft im Sektor Bauen und Wohnen. Dazu werden Dienstleistungen des Bauhaupt- und Baunebengewerbes, Investitionen in Gartenerrichtung und -gestaltung sowie in Einrichtung gezählt. Im Gegensatz zu anderen einschlägigen Berechnungen leiten sich die Ergebnisse nicht aus volkswirtschaftlichen Kenngrößen ab, sondern sind das Resultat von Primärerhebungen im Rahmen der Markt- und Wettbewerbsanalysen Branchenradar. Aktuell werden jährlich mehr als 100 Produktmärkte im Sektor Bauen und Wohnen analysiert.

Werbung
Werbung