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Schützen statt Stürzen

09.03.2016

Arbeiten auf Dächern, wie die Montage oder Wartung einer PV-Anlage, bergen ein hohes Gefahrenpotenzial. Häufige Unfallursachen bei Dacharbeiten sind Abstürze und Stürze. Viele dieser Unfälle lassen sich vermeiden, wenn die notwendigen und gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden.

Diplom Ingenieur Ernest Stuhlinger
Relevante Normen

ÖNORM B 4007, Gerüste

ÖNORM-EN 131, 1. und 2. Teil, Leitern

ÖNORM-EN 1263-1, Schutznetze, Sicherheitstechnische Anforderungen, Prüfverfahren

ÖNORM-EN 1263-2, Schutznetze, Sicherheitstechnische Anforderung für die Errichtung von Schutznetzen

ÖNORM-EN 361, Persönliche Schutzausrüstungen gegen Absturz –Auffanggurte

ÖNORM-EN 363, Persönliche Absturzschutzausrüstung – Persönliche Absturzschutzsysteme

ÖNORM-B 3417, Sicherheitsausstattung und Klassifizierung von Dachflächen für Nutzung, Wartung und Instandhaltung

ÖNORM-EN 517, Vorgefertigte Zubehörteile für Dacheindeckungen – Sicherheitsdachhaken

ÖNORM-EN 795, Schutz gegen Absturz – Anschlageinrichtungen – Anforderungen und Prüfverfahren

Mit rund 21 Prozent schaffen es Abstürze beziehungsweise Stürze (nach dem Kontrollverlust mit 36 bis 38 Prozent) in der Unfallstatistik auf Platz zwei. Der Grund für Abstürze vom Dach oder von der Dachkante aus, geschieht oft aufgrund mangelhafter oder fehlender Absturzsicherungen.

Besonders der Wunsch vieler Hausbesitzer nach sauberen Strom durch Sonnenenergie lassen die steigende Anzahl an Photovoltaikanlagen − 85 Prozent aller Anlagen sind auf Dächer montiert (Aufdachanlagen) − das Thema rapide an Brisanz gewinnen. Eine Erhöhung des Gefährdungspotentials bei Photovoltaikarbeiten am Dach geht von sogenannten atypischen Dacharbeitern wie dem Elektrotechniker aus – der im Gegensatz zum Dachdecker - nicht lernt, sich sicher auf dem Dach zu bewegen. Oft fehlt schlicht und einfach das Wissen um die bestmögliche Absicherung mangels Schulung.

Beim Montieren und Warten einer PV-Anlage lauern gleich verschiedene Gefahren. Das gilt nicht nur für den Absturz oder Durchsturz (bei nichtdurchbruchsicheren Dachelementen) sondern auch bedingt durch Gegenstände, die herabfallen, beim Transport von Materialien aufs Dach, Vorliegen von hohen Spannungen oder Stromschlaggefahr, Brände durch Tierverbiss oder Blitzschlag und nicht zuletzt die Problematik im Umgang mit gesundheitsschädlichem Asbest.

Die gesamte Dachfläche mit Aufstieg, Zugangsbereich und Arbeitsplatz gilt als Gefahrenbereich und sollte gesichert werden. Dabei ist nach dem TOP-Prinzip vorzugehen. Es besagt: Nur dann, wenn durch technische und organisatorische Maßnahmen kein ausreichender Schutz erreicht wird oder aufgrund gesetzlicher Bestimmungen zusätzlich angeseilt werden muss, ist die Verwendung der PSA vorzusehen.

Dieser Beitrag widmet sich vorrangig dem Sturz vom Dach beziehungsweise wie dieser vermieden werden kann.

Wer schützt gewinnt

Wer hier in die Pflicht genommen ist, ist der Bauherr. Eine der Forderungen aus dem Bauarbeiten-Koordinationsgesetz ist die Erstellung der „Unterlage für spätere Arbeiten“ (UfsA), die heute schon bei allen Neubauten zum Standard gehört − bei Altbauten aber eher schleppend in Angriff genommen wird. Letztere ist aufgebaut wie eine Gebrauchsanweisung für das jeweilige Gebäude. Ein wenig komplizierter aber dafür detaillierter ausgedrückt: Die UfsA dient laut dem Bauarbeiten-Koordinationsgesetz der Festlegung von Sicherheitseinrichtungen für die Nutzung, die Instandhaltung und Wartung eines Bauwerks und beinhaltet alle wichtigen Informationen für den Betrieb eines Gebäudes. Sie beschreibt im Idealfall das Zusammenspiel der Besonderheiten und Merkmale des Bauwerkes wie die Art, den Umfang und die Intervalle der anfallenden Arbeiten, beinhaltet die Pläne für die Aus- und Aufstiege sowie die Verkehrswege und die Anschlagpunkte beziehungsweise dem Seilsicherungssystem für die PSA auf dem Dach, eventuelle Arbeits- und Lagerplätze, Pläne für den Rauchfangkehrer, Ölkessel, Solar-Warmwasseraufbereitung, Klimaanlage, PV-Anlage und Unterlagen von Umbaumaßnahmen bis hin zu Vorgaben für den späteren Abriss des Bauwerks. Gefahrenstellen und Sicherungsmöglichkeiten sind auf einem Plan verzeichnet und bestenfalls auch direkt am Gebäude markiert.

Vielen Bauherren ist es nicht bewusst, dass sie diese Thematik betrifft. Fakt ist: Der Handwerker hat ein Recht auf die UfsA – der Bauherr hat diese zur Verfügung zu stellen und der Handwerker hat sie für seine erstellte Anlage zu ergänzen. Problematischer gestaltet sich die sukzessive Erstellung der UfsA bei Altbauten, bei denen zumeist noch keine solchen Unterlagen existieren.

Natürlich bestehen auch gesetzliche Regelungen hinsichtlich des Absturzes beziehungsweise der Absturzsicherungen von Dächern. In Österreich sind sie in der Bauarbeiterschutzverordnung in §87 zu Dacharbeiten verankert. Darin gibt es genaue Vorgaben, wie wenn ein Dach einen Winkel von weniger als 20 Grad Neigung aufweist, es als Flachdach angesehen wird. Sollte dabei eine Absturzhöhe von drei Metern überschritten werden sind Sicherheitsmaßnahmen vorzusehen. Das gilt auch für Dächer mit Neigungswinkel über 45 Grad, bei denen der Arbeiter zusätzlich angeseilt sein muss. Bei Dacharbeiten mit Neigungswinkel über 60-Grad- müssen zwei Arbeiter – beide angeseilt – vor Ort sein. Das Gesetz fordert, was Sicherungsmaßnahmen anbelangt – das TOP-Prinzip, dass bauliche (technische) Sicherungsmaßnahmen, wie Brüstungen und Geländer und organisatorische Maßnahmen gegenüber der persönlichen Schutzausrüstung (PSA) den Vorrang haben. Also stehen die kollektiven vor den individuellen Maßnahmen auf der Liste.

Welcher Schutz wann zum Tragen kommt ist abhängig von verschiedenen Faktoren wie Absturzhöhe, Dachneigung, Häufigkeit und Umfang der Arbeiten, Dachdeckung und Witterungseinflüssen wie Hitze, Wind, Regen oder Schnee. Ernest Stühlinger empfiehlt, jegliche Dacharbeiten, wie die Montage einer PV-Aufdachanlage unbedingt sorgfältig zu planen und durchzuführen. „Auch bei kurzen Aufenthalten auf dem Dach passieren sehr häufig Unfälle – „ich mach nur schnell“ schützt nicht! Abstürze haben häufig dramatische bis tödliche Verletzungen zur Folge.“

Vorsicht: Lebensgefahr

Gerade bei Reparaturen oder Umbauarbeiten sollte der Bauherr oder der verantwortliche Planer schon im frühen Stadium daran denken, die erforderlichen Sicherheitseinrichtungen zu planen und nachzurüsten, damit nicht Anrainer, Mieter oder spielende Kinder zu Schaden kommen.

Die AUVA-Broschüre beziehungsweise Leitlinie „Planungsgrundlagen für Anschlageinrichtungen auf Dächern“ bezeichnet vier Personengruppen, die man nach der Häufigkeit der Begehung der Gefahrenzone voneinander unterscheidet:

In der Tabelle „Mindestausstattung von Dächern mit Einrichtungen zum Schutz gegen Absturz“ werden in Gruppe 1 typische Dachberufe definiert. Darunter fallen Berufe wie Dachdecker, Spengler, Zimmerleute oder Stahlbauer, die im Umgang mit temporären Absturzsicherungen und Anseilschutz vertraut sind. Zur Gruppe 2 gehören atypische Dachberufe wie Elektroinstallateure, Lüftungstechniker, Gärtner, Anlagebauer, Installateure oder Rauchfangkehrer. Diese Gruppe sollte im Umgang mit Anseilschutz geschult sein. „Atypische“ Dacharbeiter sind die, die besonders häufig Unfälle erleiden. AUVA-Experte Stühlinger rät daher, sich vor Arbeiten auf dem Dach gut zu informieren, eine Ausbildung zu absolvieren, sich mit der nötigen Schutzausrüstung auszustatten und diese vor allem auch zu verwenden. „Und zwar richtig“, ergänzt Stühlinger. Gruppe 3 bezeichnet private Nutzer wie Eigentümer, Mieter oder Hauspersonal, die nicht im Umgang mit Anseilschutz geschult sind. Zuletzt gibt es noch Gruppe 4, die den öffentlichen Personenkreis spezifiziert. Dazu zählen beispielsweise allgemein zugängliche Dachterrassen.

„Kollektive Schutzeinrichtungen wie Geländer und Brüstungen sowie Schutzgitter auf Lichtkuppeln haben absoluten Vorrang gegenüber dem Anseilschutz“, so Diplom-Ingenieur Ernest Stuhlinger, Experte bei der AUVA.

Rückhalten oder Auffangen – das ist hier die Frage

Wenn auf Grund der Gefahrenanalyse oder gesetzlicher Bestimmungen zusätzlich ist die Verwendung der PSA vorzusehen ist, aber auch bei kurzfristigen Arbeiten in absturzgefährdeten Dachbereichen, sind die Arbeiter durch Anseilen zu sichern. Die für den jeweiligen Einsatzzweck geeignete PSA muss dem Arbeiter vom Arbeitgeber kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Die zweckentsprechende Verwendung der Schutzausrüstung ist von den Vorgesetzten zu überwachen. Der Arbeitnehmer hat sie den Vorgaben entsprechend zu tragen und vor jedem Einsatz zu prüfen. Die vorhandenen Anschlageinrichtungen müssen geprüft und unbeschädigt sein – nur in diesem Fall dürfen sie verwendet werden.

Die ordnungsgemäße persönliche Schutzausrüstung (PSA) gegen Absturz besteht dabei aus einem Sicherheitsgeschirr mit zugehörigem Falldämpfer – Seil und Seilkürzer, diversen Karabinern, eventuell Höhensicherungsgerät etc.

Man unterscheidet Auffang- und Rückhaltesysteme. Ein Sturz lässt sich durch ein Rückhaltesystem von vorneherein vermeiden. Die persönliche Schutzausrüstung hält den Benutzer davon ab, Bereiche mit Absturzgefahr zu erreichen, er gelangt nicht zur Absturzkante, da die voreingestellte Seillänge ihn daran hindert. Es gilt also für Rückhaltesysteme: die Länge des Seils muss immer so eingestellt sein, dass man den Bereich mit Absturzgefahr nicht erreichen kann. Ein zu langes Seil kann einen so genannten Pendelsturz hervorrufen, der ein hohes Verletzungsrisiko aufweist.

Das Auffangsystem bremst den freien Fall. Es muss auf die erforderliche Fallstrecke des aufgehenden Bandfalldämpfers ebenso geachtet werden wie auf Vorsprünge oder andere Teile des Gebäudes oder der Umgebung. Ein Aufprall muss unbedingt vermieden werden. Die Verbindungsmittel müssen ebenfalls der Beanspruchung bei einem Sturz über eine Kante standhalten können. Ganz wichtig: Die Rettung einer aufgefangenen Person muss innerhalb weniger Minuten erfolgen, da nach 15 bis 20 spätestens aber 25 Minuten ein Hängetrauma mit möglicher Todesfolge eintritt. Also gilt hier stets das Motto: „Ein Fall für zwei!“

Für beide Systeme müssen ausreichend viele geeignete Einzelanschlagpunkte oder ein Seilsicherungssystem vorhanden sein.

Sicherheits-Pluspunke sammeln

Abgesehen von der Auswahl der Maßnahmen nach dem TOP-Prinzip gilt bei Verwendung der PSA − genauso wichtig wie die PSA sind die bereits erwähnten Anschlagpunkte, mit welchen sich die ÖNORM-EN-795-A näher befasst. Generell sind Anschlageinrichtungen als Bestandteil eines Systems auf dem Dach zu sehen, das zum Befestigen der PSA gegen Absturz dient. Die Auswahl der entsprechend geeigneten Maßnahmen richtet sich nach der Nutzergruppe und der Häufigkeit der Arbeiten auf dem Dach. Dabei berücksichtigt man auch die Besonderheiten die eine Dachfläche aufweist. Ausführliche Informationen für die Auswahl und Ausführung von Sicherungsmaßnahmen liefert die AUVA-Broschüre „Planungsgrundlagen von Anschlageinrichtungen auf Dächern“ sowie die Broschüre „Persönliche Schutzausrüstungen gegen Absturz und Rettungsausrüstungen“.

Autor/in:
Redaktion Elektrojournal
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