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Ein Leben lang

25.10.2012

Barrierefreies Planen und Bauen bedeutet, an die Zukunft zu denken. Vor allem in der Badplanung gilt: Je durchdachter der Raum, desto einfacher ist die Anpassung an die Bedürfnisse unterschiedlicher Lebensphasen.

Text: Gudrun Haigermoser

Schon allein die demographische Entwicklung sollte Grund genug sein, das Thema Barrierefreiheit tief in unserem Bewusstsein zu verankern. Wollen wir so lange wie möglich im eigenen Heim, in der vertrauten Umgebung bleiben, müssen wir uns rechtzeitig mit dem Älterwerden auseinandersetzen. „Barrierefreiheit bedeutet für alle ein Mehr an Komfort, egal in welcher Lebensphase man sich befindet“, sagt Christian Höfner, Artweger-Niederlassungsleiter in Wien und zertifizierter Experte für barrierefreies Bauen. Er bemerkt durchaus ein gesteigertes Interesse beim Endverbraucher, vor allem die Generation 50plus denkt weiter. „Wenn ich mir in diesem Alter eine neues Badezimmer anschaffe, soll es für alle Eventualitäten gerüstet sein.“

Der Trend zu großzügigen Bädern und bodenbündigen Duschen hilft dem Thema. Er zeigt, dass barrierefrei auch hip und schick sein kann und nichts mit einer fragwürdigen Krankenhausästhetik am Hut hat. „Eine ganzheitliche und kluge Planung ermöglicht auch die Entwicklungsfähigkeit des Bades für alle Eventualitäten – sei es eine kindgerechte Umgebung, temporäre Handicaps oder die Unterstützung im Alter“, sagt auch Innenarchitektin Katja Schultze. Sie verantwortet das Hewi Service-Center Barrierefrei und plant für Architekten und Verarbeiter barrierefreie Bäder.

Design for all
Langsam setzt sich eine geänderte Verwendung der Begrifflichkeiten durch. Denn barrierefrei ist nicht gleich behindertengerecht. „Die beiden Termini werden oft in ihrer Bedeutung gleich gesetzt, es bestehen aber große Unterschiede“, erklärt Christian Höfner. Barrierefrei bedeutet, dass ein Gebäude, ein Raum, ein Produkt für möglichst viele Menschen uneingeschränkt und weitestgehend selbstständig nutzbar ist. Dazu sind auch Kompromisse nötig. Behindertengerecht hingegen heißt, dass die Gegebenheiten an die Bedürfnisse eines Benutzers angepasst werden. Um eben diese Verwechslungen zu vermeiden, setzt man zunehmend auf die Bezeichnung Design for all - auch als Universal Design oder Inclusive Design bekannt. Damit werden Gestaltungslösungen beschrieben, die für alle Menschen gemacht sind. „Hinter beiden Begriffen steckt das Prinzip der Unauffälligkeit. Das bedeutet, dass Barrierefreiheit selbstverständlich ist. Sie sollte Teil unseres Lebens und einfach da sein, ohne dass wir besonders darüber nachdenken müssen“, erklärt Architektin Monika Klenovec, Gründerin und Vorsitzende des Vereins design for all.

Selbstverständnis erwünscht
Im Jahr 2008 trat in Österreich die UN-Konvention für Menschen mit Behinderung in Kraft. Diese gab einen deutlichen Anstoß in Richtung mehr Barrierefreiheit. Laut Architektin Klenovec steht Österreich im EU-Vergleich gut da. „Die Umsetzung im öffentlichen Bauverfahren gelingt durch die OIB-Richtlinie 4 „Nutzungssicherheit und Barrierefreiheit“ mit eindeutigen Bezügen zu einzelnen Punkten der ÖNORM B 1600 in derzeit sieben Bundesländerbauordnungen relativ gut. Zumindest, was die klaren Anforderungen betrifft.“ Aber noch ist Design for all oder Barrierefreiheit nicht so selbstverständlich wie gewünscht. Probleme sieht Klenovec in der Umsetzung in der Praxis, in der richtigen Produktauswahl und in der Endkontrolle. „Das liegt vorwiegend an den fehlenden verpflichtenden Ausbildungen im Bereich des barrierefreien Bauens und dem damit verbundenen geringen Bewusstsein.“

Ob nun Installateur, Sanitärfachplaner oder Architekt – das Thema Barrierefreiheit sollte fixer Bestandteil der Ausbildung sein. „Ist man mit einer Thematik von Anfang der Berufsausbildung an konfrontiert, ist es einfacher, diese zu verinnerlichen“, sagt dazu Monika Klenovec, die seit 1996 an der Technischen Universität (TU) Wien lehrt. Im Architekturstudium ist Design for all noch kein Pflichtfach. So absolvieren knapp fünfzehn Prozent aller Studenten diese Lehrveranstaltung - für Klenovec viel zu wenig. Nur im Facility Management MBA sowie im Lehrgang „Nachhaltiges Bauen“ an der TU Wien ist Universal Design bereits fixer Bestandteil der Ausbildung.

Ganzheitliche Planung
Zentrale Kriterien für Barrierefreiheit im Bau sind die Zugänglichkeit in das Haus oder die Wohnung sowie in alle Räume, die Türbreite (80 bis 90 Zentimeter) und barrierefreie bzw. anpassbare Sanitärräume. Für diese Bereiche gibt es klare Richtlinien in der relevanten ÖNORM 1600 – der Basisnorm für barrierefreies Planen und Bauen -, die auch für das private Bauen als Planungshilfe herangezogen werden kann (siehe anpassbares Wohnen). Vor allem im Neubau gibt es keine Ausreden, nicht auf Stolpersteine und unnötige Schwellen zu verzichten. Denn beachtet man von Anfang an diese Grundsätze, verursacht Barrierefreiheit keine Mehrkosten. Nachbessern allerdings geht immer ins Geld. „Man muss einfach nur verzichten, Barrieren einzubauen“, sagt Christian Höfner.

Barrierefreie Bäder müssen nicht groß sein. Ein gewisser Mindestplatzbedarf ist allerdings Voraussetzung. 150 Zentimeter im Durchmesser reichen für die Bewegungsfreiheit aus – auch für einen Menschen im Rollstuhl. Maßgeblich sind dabei die Abstände zwischen Waschbecken, Dusche und Toilette, sowie die freie Unterfahrbarkeit des Waschbeckens. Wobei sich die Bewegungsflächen durchaus überschneiden dürfen. Auch wer nicht neu baut, sondern ein bestehendes Bad modernisiert, braucht nicht zu verzweifeln. Denn, so Innenarchitektin Schultze: „Auch wenn bei Umbauten kleine Grundflächen oft problematisch sind: Mit kluger Planung lassen sich auch knapp bemessene Bäder komfortabel und barrierefrei gestalten.“

Großes Angebot
Die Industrie hat den Trend lange erkannt und bietet entsprechend Produkte an. Man muss nur die richtige Wahl treffen. „Bringt man alles in der korrekten Höhe an, bekommt man ein Bad, das für alle gut nutzbar ist“, sagt Architektin Klenovec. Aber: „Trotz klarer Normen passieren immer wieder Fehler, die nicht sein müssten.“ Duschsitze sind zu klein, Accessoires wie Handtuchhalter und WC-Rollenspender werden zu hoch gehängt, Spiegel reichen zu wenig weit nach unten. Transferbereiche werden nicht beachtet, die WC-Schale ist zu kurz, die Griffe sind falsch platziert, der Eingang zur Dusche ist nicht eben gestaltet. „Es braucht einfach nur etwas Logik, um solche Fehler von vornherein zu vermeiden“, so die Architektin. In ihren Kursen zum Thema Design for all an der TU setzt Monika Klenovec daher auf Selbsterfahrung. „Was man selbst erlebt hat, vergisst man nicht mehr so leicht“. Sie besuc ht mit ihren Studenten ein Seniorenheim, stattet sie mit Rollstuhl, Rollator oder einem „künstlichen“ steifen Bein und Sinneseinschränkungen aus. Und schon sind sie da und erfahrbar – die Hürden des Alltags.

Alles im Griff
Von der Selbsterfahrung zum Selbsttest: Ein solcher ist ganz einfach und hilft bei der Planung – nur auf einen Sessel setzen und von dieser Position versuchen, alles zu bedienen. Klappt das, muss auch im Nachhinein nichts umgebaut werden. Ein flacher Waschtisch mit Unterputz- oder Flachaufputzsiphon und mit ausreichender Tiefe ist sowohl mit einem Hocker nutzbar, als auch mit einem Rollstuhl unterfahrbar. So ist es gar nicht nötig, einen speziellen Rehabwaschtisch auszuwählen. Dieser strahlt einen fraglichen Krankenhauscharme aus und kostet mehr als ein modernes, flaches Designwaschbecken.  Integrierte Halte­ und Stabilisationsmöglichkeiten vereinfachen das Heranziehen an den Waschtisch. Plant man extra Stütz- und Haltegriffe ein – sei es gleich oder für eine späteren Ausbau – gilt es, auf eine stabile Wandunterkonstruktion zu achten. Und nicht jeder Griff ist immer der richtige. Ein Tipp aus dem Handbuch für barrierefreies Wohnen: Waagrechte Griffe helfen beim Überwechseln vom Rollstuhl auf das WC, den Duschsitz oder den Rand der Badewanne. Senkrechte Griffe helfen beim Hochziehen aus einer sitzenden Position.

Dusche oder Wanne
Dusche oder Wanne ist für viele nach wie vor eine Glaubensfrage. Ist nicht für beides Platz, gilt es, eine Entscheidung zu treffen. Bezieht man die Thematik Barrierefreiheit in die Überlegungen mit ein, hat die Dusche klar die Nase vorn. Man muss in die Dusche nicht hineinsteigen und sich nicht aus einer liegenden Position aufrichten. Dank flexibler Duschhocker oder fix montierter, klappbarer Duschsitze mit rutschfester Oberfläche ist auch ein sicheres Entspannen in der Dusche möglich. Die schwellenlose Ausführung der Dusche hat sich bereits als komfortable, sichere und schöne Lösung bewährt. Die idealen Maße für eine Dusche sind 150 mal 150 bzw. 130 mal 90 plus 90 Zentimeter für die Zufahrt und den Transfer. Man sollte auf flexible Abtrennungen achten. Dafür bieten sich Duschvorhänge an. Schöner, aber auch teurer sind faltbare und komplett weg klappbare Duschwände. Ist kein Platz für sowohl als auch und muss es in der ersten Phase partout eine Wanne sein, sollte ein zukünftiger Umbau für eine bodengleiche Dusche eingeplant werden.

Für öffentliche Toiletten gibt es klare Richtlinien bezüglich der barrierefreien Ausstattung, an welchen man sich auch im privaten Wohnbau orientieren kann. Die Bewegungsfläche sollte wie im Bad mindestens 150 Zentimeter betragen, eine WC-Sitzbretthöhe von 46 bis 48 Zentimetern wird empfohlen. Dadurch fällt das Überwechseln vom und zum Rollstuhl leichter. Auch ist das Aufstehen für ältere und gebrechliche Menschen nicht so anstrengend. Auf einer Seite der Toilette sollen mindestens 90 Zentimeter Platz sein, um mit dem Rollstuhl zufahren zu können. Das flache unterfahrbare Handwaschbecken mit Unterputz- oder Flachaufputzsiphon darf maximal 20 Zentimeter in die Bewegungsfläche hinein ragen.  In allen Bereichen des Bades sollte auf einen rutschfesten Boden geachtet werden. Der Trend zu großflächigen Fliesen ist leider nicht das Wahre. Besser sind kleinteilige Mosaikböden mit hohem Fugenanteil, denn sie verringern die Rutschgefahr.

[ www.designforall.at ]
[ www.bmask.gv.at ]

Autor/in:
Redaktion Gebäudeinstallation
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