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Must-have oder Nice-to-have?

22.08.2014

Mag. Jochen Sattelberger, Präsident des Verbands Komfortlüftungssysteme Austria, im Interview mit der „Gebäude Installation” über den Markt für „Kontrollierte Wohnraumlüftung“ und über die Gründe, warum trotz immer dichterer Gebäudehüllen derartige Systeme noch nicht flächendeckend eingesetzt werden. 

Passivhaus, Niedrigenergiehaus, Null­energiehaus – immer mehr Gebäudehüllen sind nahezu luftundurchlässig und somit schimmelgefährdet. Rosige Zeiten also für die Anbieter von „Kon­trollierter Wohnraumlüftung“?
Wenn denn jeder, der sich für ein dichtes Gebäude entscheidet, auch eine Komfortlüftung einbauen würde, dann wäre der Frageteil mit den rosigen Zeiten zumindest nachvollziehbar. Fakt ist allerdings, dass nur rund 25 Prozent aller neuen Wohngebäude mit einer Komfortlüftung ausgestattet werden. Das ist ein noch immer sehr geringer Anteil, und damit ist davon auszugehen, dass in den übrigen Wohneinheiten, in denen nicht anderweitig ausreichend gelüftet wird, Schimmelgefahr droht und die Innenraumluftqualität mangelhaft ist. Geht man davon aus, dass 25 Prozent aller Bestandswohnungen mit Schimmel befallen sind, so ist der Schluss durchaus zulässig, dass dieser Prozentsatz in dichten Gebäuden der Neubauten deutlich höher ist.

Bringen KWL-Systeme nur in derartigen Neubauten Vorteile, oder ist auch ein nachträglicher Einbau – beispielsweise in Altbauwohnungen – sinnvoll?
Grundsätzlich ist zu sagen, dass jedes dichte Gebäude von einer Komfortlüftung profitiert, unabhängig davon, ob neu oder saniert, denn auch nach einer thermischen Sanierung hat das Gebäude dann eine dem Energieverbrauch entsprechende Dichtheit – denken Sie hierbei allein schon an die Auswirkungen von neuen Fenstern.

Wo liegen generell die Vorteile einer nachträglich eingebauten KWL-Anlage – beispielsweise gegenüber händischem Stoßlüften? 
Durch händisches Stoßlüften kann grundsätzlich eine vergleichbare Luftqualität erreicht werden. Wenn dies alle zwei Sunden gemacht wird – und das Ganze Tag und Nacht. Das ist einerseits natürlich ein energetischer Schildbürgerstreich, weil damit Vorteile der aufwändig sanierten Fassade verlorengehen, und andererseits kaum realistisch zu bewerkstelligen. Daneben gibt es natürlich noch eine Vielzahl von Vorteilen der kontrollierten Wohnraumlüftung vom Komfort über Sicherheit bis hin zu Luftgüte und Lärmschutz. Selbstverständlich gibt es hier auch systembedingte Vorteile gegenüber reinen Abluftanlagen, die ja wiederum Außen­wanddurchlässe erfordern. Als probate Lösung so quasi „in between“ bieten sich Einzelraumlüfter mit Wärmerückgewinnung in Kombination mit gegebenenfalls noch erforderlichen Abluftanlagen an.

In modernen Bürogebäuden ist die kontrollierte Raumlüftung bereits State of the Art. Wie sieht es aber im privaten Wohnbau aus? Gibt es konkrete Zahlen aus Marktstudien?
Wie bereits erwähnt, liegt die Durchdringung mit Komfortlüftungsanlagen im Wohnbau bei 25 bis 30 Prozent – je nachdem, ob Wohneinheiten, in denen Einzelraumlüftungsgeräte zum Einsatz kommen, mitgerechnet werden oder nicht.

Trockene Raumluft, aufwändige, regelmäßige Wartung beziehungsweise Filtertausch, störende Betriebsgeräusche – welche Bedenken führen potenzielle Interessenten an, und mit welchen Argumenten kann man diese Bedenken ausräumen?
Die Bedenken und Vorurteile sind scheinbar unerschöpflich und meistens geprägt von Erzählungen aus Erzählungen. Sachliche Bedenken wie das Thema trockene Luft, Betriebskosten und Geräusche sind sehr sachlich zu argumentieren. Das Thema der trockenen Luft, das im Übrigen nicht an der Wohnraumlüftung, sondern an der Tatsache liegt, dass kalte Luft nur wenig Feuchtigkeit aufnehmen kann, war auch ein wichtiger Punkt in der neuen ÖNorm H6038:2014. Hier wurde diesem Thema durch einen vernünftigeren Umgang mit dem Luftwechsel bei gleichzeitig hoher Luftqualität Rechnung getragen – beispielsweise durch die Möglichkeit der Mehrfachnutzung der Zuluft und durch die Berücksichtigung der tatsächlichen Belegung der Wohneinheit. Betreffend des Geräuschniveaus gibt es ganz klare Vorgaben seitens der OIB-Richtlinien, die 25 dB als Grenzwert festlegen. Das ist ein Niveau, das einerseits bereits an der Hörgrenze liegt, andererseits steht es natürlich noch jedem frei, sich für eine leisere Anlage zu entscheiden.

Wie sieht es in Bezug auf die Energieeffizienz aus? In welchem Verhältnis stehen die KWL-Betriebskosten gegenüber dem Einsparungspotenzial beim Heizen/Kühlen?
Die Betriebskosten einer Komfortlüftung setzen sich im Wesentlichen aus den Stromverbrauchskosten – auch hier gibt es nach der neuen Norm einen Grenzwert von 0,45 W/m3/h – und den Kosten des Filterwechsels zusammen. Hier bewegt man sich dann je nachdem, ob Wohnung oder Einfamilienhaus, zwischen 110 und 180 Euro – das sind etwa 40 Cent pro Tag. Das sind also Kosten, die jedenfalls rein monetär die Heizmehrkosten, die durch Lüftungswärmeverluste entstehen, kompensieren, selbst wenn man einen geringeren Luftwechsel als den im Energieausweis angesetzten Wert annimmt. Dem gegenüber stehen noch die meiner Meinung nach wesentlich wichtigeren Faktoren wie Gesundheit und Lebensqualität, Werte, die sich nicht in eine Wirtschaftlichkeitsrechnung pressen lassen und Gott sei Dank auch immer mehr an Stellenwert gewinnen. Jeder wünscht sich eine Oase der Ruhe und Entspannung vom täglichen Arbeitsstress. Wer möchte da in einer Umgebung schlafen, in der die CO2-Werte höher sind als die an einem Schweißarbeitsplatz – von flüchtigen Schadstoffen ganz zu schweigen.

Stichwort Förderungen: Wie werden Systeme zur kontrollierten Wohnraumlüftung in Österreich gefördert? 
Grundsätzlich ist die Förderung an die Errichtung eines Gebäudes mit einem gewissen Energiestandard gekoppelt. Dieser hängt wiederum vom Einsatz einer Komfortlüftung ab, die hierzu einen erheblichen Beitrag leistet. Die Kompensation der Komfortlüftung durch noch aufwändigere Fassaden und Fenster im Sinne der Energieeffizienz eines Gebäudes ist so, als würde man wieder Toiletten und Waschräume in das allgemeine Stiegenhaus verlegen mit der Begründung, dass dies energieeffizienter und günstiger sei. In manchen Bundesländern gibt es noch zusätzliche Förderungen, wenn eine Komfortlüftung zum Einsatz kommt. Jede Förderung ist letztlich auch als Lenkungsmaßnahme und Maßnahme zur Sensibilisierung zu sehen und ist daher außerordentlich wichtig. Allerdings geht die Sensibilisierung etwas im energetischen Thema unter. Ein Gebäude wäre in diesem Sinne auch zusätzlich hinsichtlich der zu erwartenden Luftqualität zu beurteilen, dann würde auch das Verständnis für die Notwendigkeit einer Komfortlüftung profitieren und käme auch weg vom Image eines Nice-to-have- beziehungsweise Only-for-efficiency-Systems.

Autor/in:
Christian Klobucsar
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