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Urlaub im Badezimmer

03.05.2016
IFH

Das aktuelle Bad-Design rückt den Menschen in den Mittelpunkt. Es ist nicht mehr nur funktional, sondern weckt Emotionen. Damit wird das Bad zum entspannten Erlebnisraum, der vitalisiert und individuelle Bedürfnisse erfüllt. Auf der IFH/Intherm zeigten rund 90 Aussteller neue Produkte und Lösungen für das Badezimmer. Badtrendscout und Designer Torsten Müller verrät im Interview, was uns die kommenden Jahre erwartet.

Wodurch zeichnet sich gutes Design im Bad aus?
Torsten Müller:
In erster Linie geht es darum, einen Naturlook widerzuspiegeln, denn das, was wir in der Natur wiederfinden, muss nicht verbessert werden. Außerdem sollen Emotionen geweckt werden. Jeder Mensch hat etwas, das ihn happy macht. Der eine liebt das Baden im kühlen Bergsee, der nächste den Monsunschauer im Tropenwald und der andere das Baden im Sonnenaufgang am Meer. Das Design sollte widerspiegeln, was dem Nutzer eine Freude bringt und nicht nur eine Funktion erfüllen. Die Funktionalität muss stimmig sein, sie steht aber in einer gewissen Art und Weise inzwischen im Hintergrund. Da es sich von selbst versteht, dass sie erfüllt werden muss.

Wasserausläufe aus Glas, kupferbeschichtete Waschbecken, Duschen mit individueller Fotowand, riesige Duschbrausen mit Wohlfühlregen und beleuchtete Toiletten mit Sitzheizung. Wird das Bad nun zum Erlebnisraum?
Torsten Müller:
Das Bad ist der Raum mit der meisten Energie. Wir haben dort die Chance, uns zu vitalisieren und die Hektik des Alltags hinter uns zu lassen. Nicht selten müssen heute schon am Morgen 50 bis 100 E-Mails beantwortet werden. Da ist das Bad der Erlebnisraum, an dem wir uns auf uns selbst besinnen können. Es kommen immer mehr innovative Designlösungen zum Einsatz. In der Dusche wird zum Beispiel vermehrt Nebel, Licht, Düfte, Farbe, Klang und vielleicht sogar ein Bildschirm eingearbeitet.

Welche Rolle spielen Farben?
Torsten Müller:
Wir merken immer mehr, dass wir nicht nur ein funktionierendes Wesen sind, sondern auch ein spiritueller Mensch. Es gibt verschiedene Auren, die unseren Körper umgeben und die sich auch in Farben widerspiegeln. Diese Farben möchten im Raum auch wiedergefunden werden. Fest steht: Farbe ist ein großes Thema und wird es auch in den nächsten Jahren sein.

Von einigen Herstellern wird vermehrt farbige Keramik angeboten. Spiegelt dies auch den individuellen Trend wieder?
Torsten Müller:
Man kann das von zwei Seiten betrachten. Auf der einen Seite möchten Hersteller natürlich selbst Trends setzen. Und auf der anderen Seite steht, vergleichbar mit der Modebranche, die Nachfrage der Kunden. Wir können eines ganz stark beobachten: Das, was früher der absolute Weißtrend gewesen ist, geht jetzt in das mystische schwarz hinein, in Titanschwarz, Rabenschwarz, Brombeerschwarz, Diamantschwarz und andere Farben. Zugegeben Espressoschwarz ist ein echter `Evergreen`. Es sind Töne, die zulassen, dass man sich auf sich selbst zurückbesinnen kann. Blütenweiß reflektiert und bietet kaum Möglichkeit, die Sinne aufzufangen. In einem mystisch oder magisch gestalteten Raum werden sie eher umhüllt und können sich fallen lassen.

Haben die klassischen Fliesen im Bad dann bald ausgedient?*
Torsten Müller:
Absolut nicht. Die Keramik ist heute kaum noch von einem Naturstein zu unterscheiden. Zudem können in der Keramik 3D Tiefen enthalten sein. Zum Beispiel die Maserung eines Holzes, das ganz flach hineingebrannt wird. Die Fliese oder die Keramik ist technisch so fortschrittlich, da können wir noch weitere Entwicklungen erwarten. Die Fliese nimmt allerdings nicht mehr so viel Fläche ein. Die Wände werden kaum noch raumhoch gefliest, sondern nur noch in den Nassbereichen.

Welche neuen Materialien sind zu erwarten?
Torsten Müller:
Wir werden erleben, dass Glas immer mehr in das Bad hinein kommt, weil dort die Verarbeitungsmöglichkeiten immer besser werden. Es können Bilder auf Glas gedruckt und Goldapplikationen hinterlegt werden. Auch im Lichtdesign dürfen wir noch ganz viel erwarten. Auf der IFH/Intherm bieten Aussteller Lichtdesigns mit Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen an. Danach sehnt sich der Mensch. Die Entwicklung in der LED Technik ist so rasant, Leuchten werden immer günstiger. Die Smart Home Technik ist momentan noch teuer und darum von der breiten Masse noch entfernt. Aber wenn man sich die Revolution des Smartphones ansieht, dann werden im Bad auch viele Dinge, die wir heute noch als Science Fiction ansehen, bald möglich. Zum Beispiel wird die Toilette unser Wohlbefinden anzeigen, weil sie den  Urinwert misst. Ob das wünschenswert ist, ist eine andere Frage.

Sie glauben, dass auch das Bad bald vernetzt wird?
Torsten Müller:
Die Frage ist nur, wie lange es noch dauert. Aber es ist wie bei einer LED oder dem Handy. Irgendwann merken wir, dass es ganz normal geworden ist. Es gab Zeiten, da war es schwierig, ein Einbauradio fürs Bad zu bekommen. Das ist jetzt ganz normal.  Irgendwann sagen sie aus der Oper, `Siri fülle mir meine Badewanne und heize meine Dampfsauna vor. Als Duft wünsche ich mir Zitronenmelisse mit einer Kopfnote von Lavendel`. Die Entwicklung geht dahin. Ob man das will, ist eine andere Frage.

Welche Bedeutung haben innovatives Produktdesign und Trends für SHK Handwerker?
Torsten Müller:
Durch Informationen im Internet, durch Magazine und Ausstellungen ist der Kunde sehr gut informiert. Wenn der Handwerker dann nicht weiß, was „in“ ist, wird ihn der Kunde nicht ernst nehmen. Es reicht mittlerweile nicht mehr zu wissen, wie eine Badewanne angeschlossen wird, die Dusche gesetzt wird und auf welche Höhe der Waschtisch kommt. Wir brauchen dringend weitere Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Handwerker im Bereich Design. Außerdem bringt die strukturelle Veränderung durch  Silver und Golden Ager für Handwerker aber auch Hersteller neue Herausforderungen mit sich. Kaufkräftige Kunden wünschen sich nicht nur einen Nassraum zur Hygiene, sondern altersgerechtes Design.

Gelingt es mit gutem Design altersgerechte Bäder attraktiv zu machen?
Torsten Müller:
Der ästhetische Aspekt muss in den Fokus gerückt werden. Es ist nicht notwendig, dass das Bad aussieht wie in einem Krankenhaus. Das ist vielfach noch nicht so gegeben. Der Bedarf ist hier groß.

Einige Aussteller der IFH/Intherm zeigen bereits Produkte, die altersgerechte Lösungen geschickt integrieren, wie zum Beispiel Waschbecken mit unauffälligen Haltegriffen und Toiletten mit Aufstehhilfe. Gibt es hier sonst noch Besonderheiten im Design?
Torsten Müller:
Wenn sie heute ein vollautomatisches Washlet mit Trockenfunktion haben, können sie lange selbstständig leben und brauchen keinen Pfleger. Wir haben hier ganz viele Möglichkeiten. Schalter und Griffe müssen ein bisschen anders aussehen. Aber so lange dieser Markt nicht richtig gesehen wird, kann er nicht richtig bedient werden. Es möchte keiner als barrierefreier Badbenutzer betrachtet werden. Barrierefreie Bäder müssen endlich sexy werden. Jeder möchte weiterhin ein Leben führen wie früher, braucht nun aber ein wenig Hilfe. Die soll man aber nicht sehen.

Verlängert sich durch gutes Bad-Design die Zeit, die wir im Badezimmer verbringen?
Torsten Müller:
Ja selbstverständlich. Wir werden ein Vielfaches an Zeit mehr im Bad verbringen – ob nun tatsächlich oder nur gefühlt. Zeit wird unterschiedlich wahrgenommen. Bin ich in einem Urlaub, nehme ich die Zeit anders wahr als in einem Meeting. Es geht darum, einen Genuss unter der Dusche zu erleben oder ein Erlebnis für sich zu haben, das vitalisiert, sei es morgens beim Rasieren oder beim Schminken. In einer Bedarfsanalyse ist es unglaublich wichtig, all die Dinge zu erfassen, die dem Nutzer wichtig sind. Gibt es bereiste Länder, die in dem Objekt widergespiegelt werden sollen, gibt es Elemente, die besonders inspirieren. Sind es raue Materialien, sind es glatte Materialien, was weckt Emotionen?  Denn wir reinigen uns im Bad nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Leider sind wir immer noch ein wenig davon entfernt, dass die breite Masse das so wahrnimmt.

In Zukunft wird das Bad zum kleinen Urlaub?
Torsten Müller:
Auf alle Fälle ist das Badezimmer ein kleiner Urlaub, es liegt in der Betrachtungsweise, was man darunter versteht.

Zur Person: Torsten Müller ist renommierter Bad/SPA- und Raum-Designer von z. B. Penthäusern, Key-Note Speaker und gefragter Berater internationaler Hersteller und von Handwerksbetrieben. Er ist vor allem Trendsetter des wohnräumlichen Innendesigns. Bereits 2006 wurde Torsten Müller vom Magazin SCHÖNER WOHNEN als Top-Designer vorgestellt, inzwischen setzt er europaweit Maßstäbe in der Spa- und Raum-Architektur. Prämiert wurden zudem von ihm entworfene Messestand-Designs, ebenso waren von ihm designte Produkte für den German Design Award nominiert. Die „Welt am Sonntag“ zählte ihn zu den Top 30 der deutschen Bad-Designer.

Autor/in:
Redaktion Gebäudeinstallation
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