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Der Faschings-Stammtisch, immer besonders heiter mit den legendären „Kitt-Brothers“.

50 Jahre Wiener Glaserstammtisch

15.06.2017

Ein Stammtisch, der 50 Jahre überdauert, wo einige der heutigen Besucher schon in der Anfangszeit dabei waren, ist wahrlich eine Seltenheit. Man fragt sich unwillkürlich wie es dazu kam, diese Einrichtung mit einer derartigen Erfolgsgeschichte zu gründen. Elfriede Zahlner hat nachgeschlagen und erinnert sich.

Der letzte Auftritt der „Kitt-Brothers“ am 30-jährigen Stammtisch.
Der jährliche „Schnapser-Stammtisch“, ins Leben gerufen von Gustav Macho, ist bis heute beliebt und gut besucht

Man könnte fast sagen, die Zeit war einfach reif dazu. Die Schrecken des Krieges, die bittere Nachkriegszeit, Not und Elend war überstanden. In jeder Hinsicht gab es großen Nachholbedarf. Unsere Glasermeister waren fleißig, die Auftragslage war bestens und wir Nachkriegskinder arbeiteten bereits ebenso fleißig wie gewinnbringend mit. Für die Chefs waren wieder Urlaube möglich. Sich wieder etwas herauszuputzen, in ein Restaurant zu gehen oder beim Heurigen lustig zu sein – das konnte man sich endlich einmal großzügig  leisten. Geselligkeit war von großer Bedeutung.

Impuls aus München 

Der Impuls zur Gründung des Stammtisches ging von München aus. Im Mai 1966 fand dort der deutsche Glasertag mit der internationalen Handwerksmesse statt. Die Wiener Innung folgte einer Einladung und nahm mit einer Delegation daran teil. Innungsmeister war damals Felix Sattler, seine mitreisenden Kollegen, darunter mein Vater, waren allesamt freundliche und gemütliche Handwerksmeister des Mittelstandes. Leider sind sie schon alle verstorben, wir können sie nicht mehr befragen. Es ist jedoch bekannt, dass sie freundschaftliche Kontakte knüpften und dabei den bereits lange bestehenden Münchner Glaserstammtisch kennen lernten. Was in München gut funktionierte, wollte man daraufhin auch in Wien versuchen.

Zuvor lud aber Innungsmeister Felix Sattler den Münchner Landesinnungsmeister Hans Leitner mit einigen Beiratsmitgliedern und ihren Damen im September 1966 nach Wien ein. Um die Gäste bemühten sich Karl Gluttig, Paul Mager, Wilhelm Neusser, Ludwig Ortner und Anton Sadovszky. In einem rührseligen Bericht in der Glaserzeitung vom November 1966 bedankten sich die Münchner Kollegen überschwänglich für vier Tage mit tollem Programm bei strahlendem Sonnenschein. Die Gäste waren begeistert von Wien, von Schönbrunn, dem Leopoldsberg, von Baden und dem Helenental – und natürlich Grinzing und den mehrmaligen Heurigenbesuchen. „Wiggerl“ Ortner trat hier erstmals mit der Ziehharmonika in Erscheinung, vorerst noch ohne seinen „Kitt-Brother“ Gustl Zahlner.

In dieser Euphorie und der Freude über die neuen Freundschaften mit Berufskollegen beklagte Felix Sattler in einem Artikel der Glaserzeitung vom Jänner 1967, dass die Kameradschaft und der Zusammenhalt zwischen den Glasern zu wenig gepflegt werde. Es fehle jeder Kontakt und jede Möglichkeit zu fachlichen Aussprachen. Er schlug vor, in den Städten monatliche Zusammenkünfte in Form von Stammtischen aufzuziehen. Anhand von Lichtbildervorträgen könnte man Fachfragen besprechen, Erfahrungen austauschen und die Glaser wirklich zu einer Familie zusammenfassen. Zweifelsohne war dieser Vorschlag von Gustl Schieb geprägt, er hatte sein Leben lang seine Erfahrungen der Schulung seiner Kollegen gewidmet. An ihn sollte man einen Brief oder eine Karte senden und seine Meinung zu diesem Vorschlag kundtun.

Der erste Glaserstammtisch

Schon in der März-Ausgabe der Glaserzeitung wurden alle Wiener Kollegen gebeten, die Anregung des Wiener Innungsmeisters aufzugreifen und zur ersten Zusammenkunft am 5. April 1967 in das Bürgerstüberl im Restaurant in der Diefenbachgasse 32 zu kommen. In der nächsten Ausgabe wurde kurz berichtet, dass der erste Glaserstammtisch ein voller Erfolg war, mehr als 40 Kollegen nahmen daran teil, so dass gleich ein nächster Termin festgelegt wurde.

Zurückblickend kann man sagen, dass der Stammtisch über die vielen Jahre nicht vom fachlichen Erfahrungsaustausch geprägt war. Es entwickelte sich tatsächlich eine in Freundschaft verbundene Glaserfamilie. Zwei Zufälligkeiten wirkten hier massiv mit. Die erste war ein einzigartiger humanitärer Einsatz, der am ersten Stammtisch besprochen und beschlossen wurde, die legendäre Verglasung des Kurier-Dorfes in Flattach, über den wir in der nächsten Ausgabe berichten wollen. Der zweite Zufall war das Zusammentreffen der beiden Glaser-Musikanten Ludwig Ortner und Gustl Zahlner, später zu den „Kitt-Brothers“ ernannt. Das hat die Gruppe zusammengeschweißt. 

Freundschaft und Spaß

Fortan gab es Freundschaft, gute Laune, Spaß, und offensichtlich vergaßen die Kollegen hier wenigstens kurzzeitig ihre Sorgen. Es war kein Konkurrenzneid zu spüren. Persönlich wunderte ich mich darüber, damals als junger Mensch. Die beiden Glasereien Mager und Sadovszky zum Beispiel arbeiteten beide für das Meinl-Werk in Ottakring. Wir plagten uns mit Repararturarbeiten herum und ärgerten uns, wenn wir sahen, dass die Sadovszky-Leute an den schönen großen Aufträgen werkten. Sadi und mein Vater waren aber gute Freunde. Auch politisch gesehen gab es damals eine große Kluft. Rot und Schwarz, das kam mir vor wie Hund und Katz. Am Stammtisch aber waren wirklich alle gleich. Kleine Pikanterie am Rande – nicht alle begleitenden Damen waren auch die Ehefrauen. Die Stammtisch-Chefs waren jeweils die Landesinnungsmeister. Sie organisierten jährlich einen Ausflug, für den an jedem Treffen Spenden eingesammelt wurden. Stilgerecht in eine gläserne Kassette mit Facettentafeln in Messing gefasst. Über viele Jahre hinweg war der Faschings-Stammtisch ein Highlight. Fast alle machten bei der Verkleidung mit und wollte jemand nicht, so erinnere ich mich an eine Aufforderung „a Hiatl und a Nosn wird do jeder zambringen“.

50 Jahre später ...

Die Jahrzehnte gingen am Stammtisch nicht spurlos vorüber. Die ältere Generation zog sich immer mehr zurück, wollte abends nicht mehr gerne außer Haus gehen. Es ging auch der Anreiz zum Besuch verloren, wenn Freunde verstarben. Um den Besucherschwund entgegenzuwirken hatte Gustav Macho die blendende Idee zum „Schnapser-Stammtisch“. Das Kartenspielen lockt noch immer viele Kollegen an, und sie sitzen einmal jährlich stundenlang an einem Tisch. Auch der stimmungsvoll dekorierte Weihnachts-Stammtisch ist nach wie vor gut besucht.

Wenn man es auch nicht direkt vergleichen kann, zeigen die Mitgliederzahlen der Wiener Innung, dass es damals wesentlich mehr Glaserbetriebe gab. 1967 waren es 227 Glaser, 40 Glasschleifer, 34 Glasbläser, 22 Spiegelbeleger, 11 Glasätzer und Sandstrahlbläser, sowie vier Diamantenfasser, insgesamt also 338 Betriebe. Heute dagegen bloß 139. Damit ist auch die Zahl möglicher Interessenten wesentlich geschrumpft. Große Konkurrenz bildeten die Glaser selbst in den eigenen Reihen. Aus privat organisierten Zusammenkünften von Glasern, die auch mit dem Glashandel verbunden waren, entwickelte sich ein „Spezialisten-Stammtisch“. Straff organisiert, ist er nicht jedem zugänglich, zog jedoch zunehmend dem althergebrachten Glaserstammtisch die Besucherzahlen ab. 50 Jahre hat dieser trotzdem überlebt. Gratulation und Hochachtung an die treuen Kollegen, die diesen Stammtisch noch immer am Leben erhalten.

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