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Achtung Falle!

27.12.2011

Glasfassaden erfreuen sich in der zeitgenössischen Architektur großer Beliebtheit. Speziell für Vögel, ist diese Entwicklung weniger erfreulich. Die Industrie bietet mittlerweile zahlreiche Produkte zum Vogelschutz an, aber nur wenige wurden im Hinblick auf ihre Wirksamkeit auch wissenschaftlich untersucht. Die Wiener Umweltanwaltschaft bietet seit kurzem einen Überblick geprüfter Muster.

Mancher gibt sich viele Müh‘ mit dem lieben Federvieh", wusste schon Wilhelm Busch in einer seiner bekanntesten Erzählungen „Max und Moritz" zu berichten. In übertragenem Sinne gilt das auch für Martin Rössler von der Biologischen Station Hohenau-Ringelsdorf und Wilfried Doppler von der Wiener Umweltanwaltschaft (WUA). Die beiden Vogelschützer sind Autoren des Informationsfolders „Vogelanprall an Glasflächen – geprüfte Muster", der über die Homepage der Wiener Umweltanwaltschaft heruntergeladen werden kann.

Nach der Zerstörung des Lebensraums sind Glasflächen mit freier Durchsicht, wie Lärmschutzwände, Verbindungsgänge, Wintergärten oder Hochhausfassaden, die zweithäufigste anthropogene Todesursache bei Vögeln. Neben den Feldversuchen von Daniel Klem in den USA gelten die Versuchsreihen der Biologischen Station Hohenau-Ringelsdorf als die umfassendsten und methodisch am besten gesicherten empirischen Testreihen zur Bewertung der Wirksamkeit von Glasmarkierungen. In den Jahren 2006 bis 2010 wurden knapp 40 Prototypen von Markierungen auf ihre Eignung und Wirksamkeit zur Vermeidung von Vogelanprall an Glasscheiben untersucht.

Die Notwendigkeit für die nun vorliegende „Mustersammlung" sehen die Studienautoren in der Tatsache begründet, dass viele Hersteller den Begriff „Vogelschutzglas" eher beliebig verwenden. Aber nur selten entsprechen die angebotenen Lösungen auch den Anforderungen eines wirkungsvollen, flächendeckenden Schutzes. Deshalb wurde in Österreich ein erster Schritt zu einer normativen Regelung gesetzt. Damit die Verwendung von Glas in der Architektur sowie in der Freiraumgestaltung nicht zu einer weiteren Verschlechterung des Lebensraumes für Vögel führt, sollen Kollisionen so gut wie möglich verhindert werden. Daher bedarf es eines Nachweises über die Wirksamkeit von sogenanntem „Vogelschutzglas". Mit Oktober 2010 wurde die ON-Regel 191040 „Vogelschutzglas" in Kraft gesetzt, welche die Prüfung der Wirksamkeit von Glasmarkierungen zum Inhalt hat.

Die auf dem Themengebiet führenden Ornithologen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich im Rahmen des Regelwerks auf strenge Kriterien geeinigt: Nur wenn in der detailliert beschriebenen Versuchsanordnung 90 von 100 Vögeln das jeweilige Hindernis erkennen, darf die Bezeichnung „Vogelschutzglas gemäß ONR 101040" geführt werden.

Die Untersuchung der Wirkung laut ON Regel beruht auf einem Wahlversuch. Dafür werden am Ende eines Flugtunnels zwei Glasscheiben nebeneinander angebracht, eine mit dem zu testenden Muster und eine nicht markierte Referenzscheibe. Wenn sich weniger als zehn Prozent der „Testpiloten" für die markierte Scheibe entscheiden, darf das jweilige Muster die Bezeichnung „Vogelschutzglas" entsprechend der ONR tragen. Der Grenzweit wurde von den Ornithologen festgelegt. (Anm. der Redaktion: Ein feines Netz verhindert im Rahmen des Versuchs, dass die eingesetzten Testvögel tatsächlich mit dem Kopf gegen die Scheibe knallen.)

 

Wirkungsvoller Schutz

Leider ebenso wirkungslos wie gut gemeint sind beispielsweise auf die Glasfläche applizierte Silhouetten von Greifvögeln. Schon der bekannte österreichische Zoologe Konrad Lorenz hat den Nachweis erbracht, dass eine Greifvogelsilhouette alleine keine Wirkung zeigt. Dieser muss sich in der für ihn typischen Art bewegen, um von seiner Beute auch als Feind erkannt zu werden. Aus diesem Grund lösen zweidimensionale statische Vogelaufkleber bei anderen Vögeln auch kein Fluchtverhalten aus und sind somit komplett wirkungslos. Das beweist unter anderem die Tatsache, dass auch an entsprechend beklebten Glasflächen genauso viele Vögel aufprallen wie an freien.

Wirksame Schutzmaßnahmen sind Markierungen, die über die gesamte Glasfläche verteilt sind. Die Untersuchungen der Umweltanwaltschaft zeigen, dass Vögel nur vollflächig markierte Glasscheiben als Hindernis erkennen. So kann beispielsweise schon mit geringen Mitteln die Aufprallhäufigkeit von Vögeln signifikant reduziert werden. Beispielsweise können schon zwei Millimeter breite Streifen in einem Abstand von 30 Millimetern den Anprall eines Vogels verhindern. Auch kontrastreiche Punkt- und Gittermuster haben sich in den Versuchen bewährt. Dabei dürfen unabhängig vom Muster die freien Stellen nicht größer als zehn bis 15 Zentimeter sein, um nicht den Eindruck einer Durchflugsmöglichkeit zu erwecken. Nicht nur als Sonnenschutz wirksam verhindern auch Außenjalousien aus Metall- oder Holzlamellen mit einem maximalen Lamellenabstand von
10 bis 15 Zentimetern den Aufprall von Vögeln an der Fassade.

Grundsätzlich gilt, dass die Wirksamkeit der Markierung nicht immer im direkten Zusammenhang mit dem Anteil der bedeckten Fläche steht.

Der Deckungsgrad alleine – sprich: der Anteil, der mit einer Markierung bedeckten Fläche – ist nicht das wichtigste Kriterium. Im Handel gibt es Vogelschutzgläser mit nur fünf Prozent bedeckter Fläche und wenig wirksame Markierungen mit 25 Prozent Deckungsgrad. In den unterschiedlichen Versuchen der Biologischen Station Hohenau-Ringelsdorf haben sich andere Parameter als wichtiger herausgestellt. So können zum Beispiel auch Material-unterschiede einen wesentlichen Einfluss auf die Wirksamkeit der Markierung haben: Weißer Siebdruck schnitt im Rahmen der Untersuchungen in der Regel wesentlich schlechter ab als weiße Folien oder Klebebänder. Einfluss auf das Ergebnis haben auch die Beschaffenheit der Oberfläche und die Lichtdurchlässigkeit.

 

Kleine Ursache – große Wirkung

Die Untersuchungen haben ergeben, dass ähnliche Muster oft ganz unterschiedliche Wirkung haben und dass kleine Veränderungen großen Einfluss auf die Wirksamkeit der Markierung haben können. So erweisen sich beispielsweise vertikale Markierungen generell wirkungsvoller als horizontal verlaufende. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Streifen nicht zu schmal sind und ein ausreichender Kontrast mit dem Hintergrund vorhanden ist. Auch der Abstand der vertikalen Streifen hat einen wesentlichen Einfluss. So wird beispielsweise im Bereich zwischen zehn bis 15 Zentimetern die Wirkung mit zunehmendem Streifenabstand merklich geringer. Bei horizontalem Streifenmuster müssen wesentlich geringere Abstände eingehalten werden als bei vertikalen, um dieselbe Wirkung zu erzielen.

Nicht weniger bedeutsam ist die Breite der Streifen selbst. Der direkte Vergleich hat gezeigt, dass fünf Millimeter Streifenbreite ebenso wirkungsvoll sind wie beispielsweise 20 Zentimeter breite. Außer über die Verminderung der Streifenbreite lässt sich die bedeckte Fläche auf vielfältige Weise reduzieren, wie über eine Auflösung der Streifen in eine Streifenraster, wodurch die Wirksamkeit nicht zwangsweise herabgesetzt wird. Können sich Vögel von beiden Seiten einer Glasscheibe nähern, wie zum Beispiel bei Lärmschutzwänden, dann ist es notwendig, auch die Markierung beidseitig anzubringen. Spiegelungen können die rückseitige Markierung eventuell überlagern.

Wer seine Glasscheiben nicht ganz so dicht bedruckt oder beklebt haben will, kann auch auf semitransparente Markierungen zurückgreifen. Mit einer Erhöhung der bedeckten Fläche lassen sich auch hiermit durchaus zufriedenstellende Ergebnisse erzielen. Vorsicht ist hingegen generell bei der Farbe Weiß angeraten. Weiß reflektiert die spektralen Anteile des Lichts, was den Kontrast und die Erkennbarkeit für Vögel herabsetzt. Bei Siebdrucken kann zusätzlich die geringe Sättigung, raue Oberflächen oder die Transparenz den Kontrast negativ beeinflussen. Weiße und transparente Markierungen sollten deshalb nur mit Einschränkungen verwendet werden. Gute Resultate wurden hingegen mit Farben und chromatischen Kontrasten erzielt. Orange und rote Markierungen erzielten dabei die besten Ergebnisse. Auch UV-Markierungen wurden in der Biologischen Station Hohenau-Ringelsdorf untersucht – eine Veröffentlichung der Versuchsergebnisse liegt allerdings noch nicht vor.

Autor/in:
Redaktion Glas
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