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Bruch um Bruch

21.02.2013

Das Problem der Glasbrüche an hochwärmedämmenden Verglasungen ist ein immer noch und auch immer wieder aktuelles Thema. Kürzlich intensiv diskutiert bei einem zweitägigen Praxisseminar in Hadamar.  Eine Zusammenfassung.

Nicht erst mit dem verstärkten Einsatz von beschichteten Dreifachverglasungen nehmen Glasschäden zu. Bereits mit Zweifach-Wärmedämm-Verglasungen mit Ug von 1,3 W/m²K bis 1,0 W/m²K werden schon seit Jahren verstärkt Glasbrüche beobachtet. Aber nicht nur thermisch verursachte Brüche beschäftigen die Isolierglashersteller, Glasveredeler und Sachverständigen, auch eine Vielzahl an mechanisch verursachten Glasbrüchen tritt mit zunehmendem Einsatz von Glasanwendungen auf.

Um die Glasanwender, Verglasungsbetriebe und vor allem auch die Sachverständigen in diesem Thema weiter zu schulen und fortzubilden, wurde im deutschen Hadamar am 22. und 23. November 2012 ein entsprechendes Seminar veranstaltet. Unter dem Thema „Intensiv-Seminar Glasbruch“ informierte das Technische Kompetenzzentrum des Glaserhandwerks Hadamar unter der Seminarmoderation von DI Jan Hoffmann über theoretische Grundlagen und praktische Beurteilung von Glasbrüchen.

Die Durchführung dieses Seminars lag einerseits bei Ekkehard Wagner, der mit seinem Fachbuch „Glasschäden“ [1] eine wissenschaftlich untermauerte und zu jeden Bruchbild detaillierte und mit Beispielen und Fotos bebilderte Beurteilungsgrundlage für derartige Schäden geschaffen hat. Andererseits führte Jürgen Sieber als Glasermeister, Fensterproduzent und vereidigter Sachverständiger die Teilnehmer in die alltägliche, gutachterliche Praxis solcher Schäden ein.

RUND UM DEN BRUCH
Beginnend mit dem Thema der Glasbearbeitung im Magdalenién vor 15.000 Jahren in der Altsteinzeit und der Herstellung von Pfeilspitzen aus natürlichem Glas (Obsidian und Feuerstein) [2], wurde der Bogen zur heutigen Fehlerbeurteilung geschlagen, da sehr häufig bei der „Beschädigung“ von Glas das Entstehen der Wallner’schen Linien zu beobachten ist. Diese Linien sind auch bei der Beurteilung des Bruchverlauf und der Bruchgeschwindigkeit von entscheidender Bedeutung.

Die Entstehung und Beurteilung von Glasbrüche und Bruchbildern, die „Fraktometrie“ waren die nächsten wichtigen Themen des zweitägigen Praxisseminars. Dabei wurden Bruchspiegel, Spannungszonen, Bruchlaufrichtung, Entstehungsort und vieles mehr behandelt. Über die Belastbarkeit von Glas in Abhängigkeit von Glasart, Glasdicke, Lastdauer, Lastart, Temperatureinfluss und Kerbgröße führten Wagner und Sieber die Teilnehmer zum Thema thermisch und anschließend mechanisch verursachte Bruchbilder. Natürlich wurde dabei eine Vielzahl von unterschiedlichsten Glasbrüchen und Bruchbildern besprochen, da beide Referenten über ein nahezu unerschöpfliches Bildmaterial an verschiedensten Glasschäden und Bruchbildern aus der eigenen, jahrzehntelangen Praxis, aber auch in Zusammenarbeit mit anderen Sachverständigen und Glasanwendern verfügten.

Zwischen den verschiedenen Themenblöcken wurden die Besonderheiten der Glasbrüche an Floatglas, TVG, ESG der Dicken 2 bis 15 Millimeter und VSG aus diesen Glasarten in Praxisteilen demonstriert, wobei die Teilnehmer kräftig mit „draufhauen“ und „einheizen“ konnten. Zweiseitig und vierseitig gelagerte Bruchversuche wurden durchgeführt, und auch das Einbauchen von Dreifach-Isolierglas mit 2 x 18 Millimeter SZR von 850 auf 350 Höhenmetern gezeigt. Sogar chemisch vorgespannte Gläser von 0,8 bis 6 Millimeter Glasdicke konnten den Teilnehmern für verschiedene Bruchversuche zur Verfügung gestellt werden.

Flächendruckbrüche, Kantendruckbrüche, starke thermische Glasbrüche, Unterdruckbrüche und Deltabrüche waren nur ein Teil der praktisch erzeugten Brüche und Bruchbilder. So gelang es unter anderem auch, durch Umkehr der Zug- und Druckspannungszonen im Glas während des Bruchvorgangs das Umkehren von Wallner‘schen Linien anschaulich zu zeigen. Da die Teilnehmerzahl auf maximal 15 Personen begrenzt war, konnte jeder an den Praxisvorführungen teilnehmen. Als Abschluss der Veranstaltung zeigten beide Referenten aus ihrem Archiv absolut ungewöhnliche Bruchbilder und erklärten deren Entstehung, was vielfach zur Verwunderung Anlass gab, da die Beurteilung von Glasbrüchen und deren Entstehung nicht immer einfach ist, sondern oft detektivisches Gespür benötigt.

Nach zwei Tagen intensiver Schulung und praktischer Anwendung konnten die Teilnehmer mit umfangreichem Wissen zur Entstehung und Beurteilung von Glasschäden entlassen werden. An einem weiteren Seminar interessierte Sachverständige, Glasanwender, Verarbeiter oder Veredeler können sich gerne an Herrn Hoffmann vom BIV wenden, der bei entsprechender Nachfrage in 2013 ein weiteres Seminar durchführen will.

Text: Ekkehard Wagner

Autor/in:
Redaktion Glas
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