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Das Kriegsende vor 70 Jahren

13.07.2015

Am 13. April 1945 war die Schlacht um Wien zu Ende, der II. Weltkrieg vorbei. Im Gedenken an diese schreckliche Zeit gab es zu diesem Thema in den letzten Wochen viele Publikationen und Feiern gegen das Vergessen. Wie die gesamte Bevölkerung war auch die Glaserschaft von den Geschehnissen betroffen.

Die damals noch einzige Berufsschule Österreichs für die Glasbranche in der Wiener Mollardgasse nach den Bombentreffern.

Text: Elfriede Zahlner

 

Auf einer alten Karteikarte stand der Vermerk: „Gewerbe erloschen zufolge Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus der deutschen Wirtschaft”. So wurden unter anderem die drei beliebten Glasgroßhändler-Brüder Stiassny vom Czerninplatz in Wien deportiert und kehrten nicht mehr heim. Der Glasschleifermeister Salomon Goldstein aus der Schmalzhofgasse wurde in Auschwitz ermordet. Die Besitzer der großen Spiegelglashandlung Denes aus der Hamburgerstraße konnten sich rechtzeitig ins Ausland absetzen. Dies gelang Samuel Morgenstern aus der Liechtensteinstraße nur mehr für seine beiden Kinder, er selbst wurde mit seiner Gattin Emma nach Litzmannstadt gebracht, was beide nicht überlebten. Doppelt traurig, war er doch der Glasermeister, zu dem Hitler seine von ihm gemalten Bilder brachte, damit er sie für ihn verkaufe – als er noch ein Niemand war.

Gefragte Handwerker. Das Kriegsende brachte den Glasern noch nie dagewesene Sympathiewerte. Sie zählten mit den Dachdeckern zu den gefragtesten Handwerkern. „Die Leute werden uns noch mit der Sänfte zur Arbeit tragen“ war ein überlieferter Ausspruch eines Glasergesellen. Kein Wunder – mehr als die Hälfte der Wiener Wohnungen hatten kein Glas in ihren Fenstern. Die Bevölkerung suchte mit Mühe und Not nach Pappendeckel, Kistenbrettern, Blech und ähnlichem Material als Ersatz. Die bereits verstorbene Glasermeisterin Franziska Geiger aus Sieghartskirchen erinnerte sich an schmale Glasstreifen im unteren Bereich der Fenster im Klassenzimmer der Glaser-Berufsschule in der Wiener Mollardgasse, wobei der Rest der Öffnung mit Pappendeckel verschlossen war. Die Schule war durch acht Bombentreffer schwer beschädigt worden. Der Unterricht wurde jedoch sofort nach Kriegsende wieder aufgenommen. Alle halfen mit den Schutt zu beseitigen. Für den niederösterreichischen Alt-Landesinnungsmeister Ossi König war der Blick durch den Bombentrichter vom vierten Stock der Glaserklasse bis in den Keller unvergessen.
Mangelware Glas. Glas war absolute Mangelware, die Brunner Glasfabrik war durch Bomben beschädigt und stand still. Von behördlicher Seite wurden daher einige strenge Anordnungen verhängt. So mussten Glaser und Glashändler ihre Vorräte melden und zu einem behördlich festgesetzten, niedrigen Preis abgeben. Letzte Lagerbestände wurden durch das Amt für Österreichische Wirtschaft beschlagnahmt. Die Abteilung Baustoffbeschaffung im Wiener Rathaus fungierte als zentrale Verteilung der restlichen Vorräte – je nach Dringlichkeit. Es war ja selbst für Spitäler nicht genug Glas da, und solange sich Wind, Regen und Kälte in Fabriken, Betrieben und Wohnungen breit
machen konnten, war an eine geregelte Arbeit nicht zu denken.

Die Brunner Glasfabrik, während des Krieges „Ostdeutsche Glaswerke AG“, wurde von den Russen beschlagnahmt und wieder unter „Erste Österreichische Maschinglasindustrie AG“ als USIA-Betrieb bis zum Abschluss des Staatsvertrages im Jahr 1955 weitergeführt. Die Innung musste die Alliierten erst davon überzeugen, dass der Betrieb lebensnotwendig sei. Erst dann wurden die Wannen angefeuert und die Produktion aufgenommen. Danach sollte es möglich sein, für Private zwei untere Fensterflügel pro Person – ohne Oberlichten – verglasen zu können. Das Material musste natürlich kontrolliert verteilt werden, es wurde „bewirtschaftet“. Die Menschen besorgten sich am Magistrat Glasmarken, mit denen sie die Berechtigung erhielten, ihre Fenster verglasen zu lassen. Der Winter nahte, zu dieser Zeit noch mit großer Kälte, und es gab kein Heizmaterial. Die Menschen standen Schlange mit ihren leeren Fensterflügeln – aber nicht vor irgendeiner Glaserei, denn die Gemeinde Wien ordnete den Zwangseinsatz der Wiener Glaser an.

Glaser im Dauereinsatz. Etwa 30 Einsatzstellen wurden eingerichtet, in großen Räumen wie Gasthäusern, Schulen oder Postämtern. Jeder stand ein Einsatzleiter vor, meist ein Glasermeister aus dem Bezirk. Alle verfügbaren Glaser mussten hier zum Einsatz. Sie arbeiteten hart und hungrig, bis wieder neues Glas zur Verfügung stand. Bezahlt wurde gleich an der Einsatzstelle, das Geld wurde unter den Firmen aufgeteilt. Auch die Bürokräfte mussten für Fakturierung und Lohnverrechnung mitarbeiten. Eine ältere Dame erzählte mir von einem fürchterlichen Schreck, als ein Russe in die Innungskanzlei stürmte. Ihrer Kollegin gab er ein Kilo Mehl, wofür sie ihren Ehering hergab. Wehmütig dachte sie an ihren Schmuck in der alten Heimat, der hier für etwas Essen gut gewesen wäre. Sie war eine der Vertriebenen von Brünn, die mit dem schrecklichen Todesmarsch im Juni 1945 nach Wien kam und bei Gustl Schieb Arbeit fand.
Gustl Schieb wurde von der Gemeinde Wien mit der Organisationsleitung beauftragt und zum provisorischen Innungsmeister ernannt. Später schrieb er in seinen Erinnerungen in der Österreichischen Glaserzeitung, dass es für die Glasbranche gar nicht so schlecht war. Es gab keinen Wucher und keine Preisschleuderei. Ganz Wien war wie eine einzige Firma, alle hatten Arbeit, alles wurde gleich bezahlt, zu einem einheitlichen Preis. Es wurde dabei derart viel Geld umgesetzt, dass es in keine Kassa passte, sondern Wäschekörbe füllte. Das wurde uns, unabhängig voneinander, von Zeitzeugen erzählt.

Der Zwang des Krieges war vorbei, doch viele Zwänge trotzdem nicht, wie besonders drastisch ein Schreiben an Glasermeister Kalb bestätigt:
Wiener Glaserinnung, Verglasungsstelle VI. Einsatzleiter Dürr, 11. Dez. 1945, betrifft Einglasung. Im Auftrage des Staatskanzlers Dr. Renner und auf Befehl des Marschall Konjow muss das Marschallkasino, Wien IV. Wied. Hauptstrasse, unbedingt in kürzester Zeit verglast werden. Sie haben sich daher Mittwoch, den 12. 12. 45 unbedingt und pünktlich 8 Uhr bei Herrn Major Pokoff zu melden, der Ihren Namen und Adresse kennt.
Der Haupteinsatzleiter selbst, Herr Schieb wird anwesend sein. Sollten Sie dieser Aufforderung, aus welchem Grunde immer, keine Folge leisten, werden Sie von der russ. Polizei abgeholt und haben eine mehrwöchentliche schwere Gefängnisstrafe zu gewärtigen. Kollegialerweise teilen wir Ihnen noch mit, dass Sie während dieser Arbeit eine erstklassige Verpflegung bekommen und die Verglasung selbst im Rainerpalais eine angenehme Arbeit ist.
Ihr bestimmtes Erscheinen erwartend, zeichnet Der prov. Innungsmeister

In einer Pflichtversammlung der Wiener Glaserinnung vom 16. Februar 1946 mit 306 anwesenden Personen wurde die Auflösung des Einsatzes und die Überführung an die Glaserschaft als private Firmen mit großer Stimmenmehrheit beschlossen. Wieder einmal sollte man damit in Respekt und Mitgefühl unserer schicksalsgeprüften Eltern und Großeltern gedenken und dankbar dafür sein, erst nach dem Krieg geboren worden zu sein.

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