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Der Kaiser der Glaser

08.11.2013

Eigentlich war es der Bericht über eine Exkursion für Schüler zu einem Großglaser im Jahr 1904, der mein Interesse weckte. Beim Nachschlagen formten sich die alten Daten allmählich zur Geschichte einer schillernden Persönlichkeit dieser Zeit.

Franz Pschierer, geboren um 1859, war der Sohn eines kleinen Wiener Bauglasers, der früh verstorben war. Er lernte im Witwenbetrieb seiner Mutter das Glaserhandwerk, mit dem er sich Mitte der 1880-er Jahre selbstständig machte. Franz Pschierer galt damals schon als einer der fachtüchtigsten österreichischen Glaser. Schon Anfang der 1890-er Jahre zählte er zu den erfolgreichsten Wiener Bauglasern. Über Jahrzehnte hinweg beschäftigte er neben Hilfskräften und Büropersonal an die 100 Glasergehilfen. Sein mütterliches Erbe spezialisierte er zum Groß-Bauglaserbetrieb und steigerte die Jahresumsätze auf drei bis vier Millionen Kronen.

Franz Pschierer war ein zielbewusster moderner Geschäftsmann, ein Repräsentant des goldenen Wiener Herzens, den seine Freunde stets den feschen, humorvollen Franzl nannten.

Lange Jahre bekleidete er das Ehrenamt des Obmanns des Döblinger Armenrats. Franz Pschierer zählte zu den bestbekanntesten Persönlichkeiten des 19. Bezirks, wo er in der Döblinger Hauptstrasse Nr. 55 seinen Hauptbetrieb hatte. In der Tafelglasbranche Österreich-Ungarns war jedem sein Name geläufig und die Bedeutung seiner Firma bewusst.

Der Hinweis in der Zeitschrift „Der Glaser und Glashändler“, welche nach seinem Tod die Informationen über sein Leben veröffentlichte, dass er politischen Betrauungen auswich, bestätigte sich insofern, als dass er in keiner Funktion der Glaser-Genossenschaft zu finden ist. Er gewann einen Ehrenbeleidigungsprozess gegen ein bedeutendes Mitglied der Genossenschaft als es zu heftigen Meinungsverschiedenheiten über die damaligen Streiks der Glasergehilfen kam. Diese Streiks waren brutale Kämpfe, begleitet von Hass und Gemeinheiten auf beiden Seiten. Pschierer, der so erfolgreiche Unternehmer, ergriff Partei für die Gehilfen.

Gustl Schieb, der langjährige Hauptschriftleiter der Österreichischen Glaserzeitung – den älteren Glaserkollegen sicher noch wohl bekannt – veröffentlichte gerne seine Erinnerungen an alte Glaser-Zeiten. Franz Pschierer bezeichnete er als den „Kaiser der Glaser“ mit folgendem Text:

„Kurz nach der Jahrhundertwende war der Glasermeister Pschierer zu der bekanntesten Verglasungs-firma Wiens aufgerückt. In der Branche wurde er als „Kaiser der Glaser“ bezeichnet.

Er hatte einen großen Stock Glaser beschäftigt und die Baukonjunktur brachte viel Glaserarbeit. Der Glasermeister Pschierer war ein seltenes Original. Er trug meist Pepitahosen und einen Samt-rock, vor seinem Laden stand meist ein Fiaker und jeder Kunde, der ihn persönlich sprach, bekam Schampus aufgewartet. Punkt 11 Uhr fuhr Pschierer im Fiaker zum Restaurant Leber, nachmals Deierl, in der Babenbergerstraße, wo er seine Baumeister und Architekten meist zu einem Frühstück abwechselnd eingeladen hatte und da wurde dann getafelt. Unmengen von Gulasch, Braten, Würstel, Wein und Bier wurden konsumiert und dort wurden geschäftliche Beziehungen angeknüpft und gepflegt. Pschierer war aber auch seinen Arbeitern gegenüber großzügig und sah bei ihnen stets nach dem Rechten. Kein notleidender Kollege ging von ihm, ohne Hilfe und Unterstützung erhalten zu haben.“

Vielleicht verursachte das üppige Tafeln das Herzleiden, dem Franz Pschierer am 30. März 1915 im Alter von 57 Jahren ganz plötzlich, inmitten seiner Familie beim Abendessen erlag. Wie bedeutend er war, lässt der Bericht über das Begräbnis erahnen. Zur Hauseinsegnungsstunde hatte sich eine mehr als tausendköpfige Menge eingefunden, auch eine unübersehbare Menge an Wagen und auch Autos (im Jahr 1915!). Vier Wagen waren notwendig, um die Blumen an das Grab zu bringen. Hochrangige politische Persönlichkeiten, auch aus der Architekten- und Bauwelt, folgten seinem Sarg auf den Döblinger Friedhof. Die Fabrikanten und Großhändler des Gewerbes waren durch die höchste Chefetage vertreten.

Einer der Größten des Glaserhandwerks erlebte mit seinem frühen Tod zum Glück nicht mehr den baldigen Niedergang seiner Firma – man befand sich zu dieser Zeit im zweiten Jahr des I. Weltkriegs.

Wie die Schulexkursion ablief, berichten wir in der nächsten Ausgabe …

Kontakt
Für Fragen und An­regungen zu historischen
Glasthemen steht Autorin Elfriede Zahlner gerne
zur Verfügung: elfriede.zahlner@gmx.at

Text  elfriede zahlner

Autor/in:
Redaktion Glas
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