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Eine runde Sache

28.10.2011

In Al Raha Beach, einem elf Kilometer langen Stadtentwicklungsgebiet bei Abu Dhabi, ist das erste kreisrunde Gebäude der Vereinigten Arabischen Emirate entstanden. Dafür wurde ein komplexes, netz-artiges Stahltragwerk mit einer Rautenstruktur entwickelt, die mit über 10.000 Glaselementen geschlossen wurde.

als Auftakt des Mega-Projekts für Büro, Hotel, Gewerbe, Wohnen und Freizeit entlang des Highways nach Dubai steht das „HQ Building Abu Dhabi" bislang frei, wie eine ikonische Landmarke weithin sichtbar auf einer Halbinsel am Wasser. Seine eigenwillige Form mit zwei in der Ansicht runden, bauchig ausgewölbten Glasfassaden bietet auf 23 Etagen offene, flexibel teilbare Büro- und Gewerbeflächen mit spektakulärem Blick über die Stadt, den Kanal und den Persischen Golf. Obwohl das Gebäude in Nord-Süd-Ausrichtung aufgrund reduzierter direkter Sonneneinstrahlung leichter zu kühlen gewesen wäre, richten sich die beiden vollverglasten Hauptfassaden dem Al Raha Masterplan entsprechend nach Osten und Westen. So sorgen sie mit der Spiegelung des Sonnenauf- und Sonnenuntergangs jeden Morgen und Abend für ein spektakuläres Schauspiel.

Mit einem Durchmesser von 120,9 Metern und einer Tiefe von 36,4 Metern in der Mitte und 10 Metern am Rand fasst das HQ Building eine Bruttogeschossfläche von insgesamt 61.900 Quadratmetern, die sich je nach Etage aus verschieden großen Einheiten mit vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten zusammensetzt. Einen Teil nutzt der Bauherr Aldar, Abu Dhabis größter Immobilienentwickler, als Headquarter. Die übrigen Flächen werden vermietet und bieten den Nutzern alle Ausstattungsdetails der internationalen Kategorie A für Bürogebäude, unter anderem einen Gebetsraum, Restaurants, einen Fitnessraum und kleine Einzelhandelsgeschäfte. Das Gebäude wurde entsprechend den Anforderungen des U.S. Green Building Council Bewertungssystems LEED entwickelt und enthält effiziente Klima-, Licht- und Wassersysteme, eine unterirdische Müllverarbeitung sowie ein ausgeklügeltes, platzsparendes Liftsystem.

Hochkomplexes räumliches Diagrid-Stahltragwerk.

Die außergewöhnliche Form des Gebäudes geht auf einen Entwurf des Architekturbüros MZ & Partners zurück, der bereits 2008 auf der Building Exchange-Konferenz in Valencia die Auszeichnung „Bestes futuristisches Design" erhalten hat und nun dem renommierten Ingenieurbüro Arup zur Umsetzung übergeben wurde. Schnell war den Planern klar, dass Beton als Konstruktionsmaterial für das Tragwerk mit 25 Metern Auskragung in jede Längsrichtung ausschied. Neben zeit- und kostenaufwändigen Bauarbeiten vor Ort hätte ein Betontragwerk eine Vielzahl an unerwünschten internen Stützen erfordert. Daher wurde ein komplexes, netzartiges Stahltragwerk mit einer Rautenstruktur – ein „Diagrid" – entwickelt, das gleichzeitig das prägnante Fassadenbild des Gebäudes schafft. Es besteht aus unzähligen dreieckigen Elementen, die über vorgefertigte Knotenpunkte verbunden wurden und durch verschiedene Winkel die dreidimensionale Wölbung der Fassaden erzeugen. Ein Rautenfeld erstreckt sich dabei über acht Geschosse. Diese Konstruktion leitet den Großteil der auftretenden Lasten über die äußere Hülle ab und ermöglichte so einen fast vollständig stützenfreien Innenraum mit maximaler Flexibilität der Grundrisse und ungestörter Aussicht. Zwei innen liegende Betonkerne, die die Aufzüge, Fluchttreppen und Sanitärräume enthalten, dienen der Aussteifung der Konstruktion. Durch die ringsum konvex gekrümmte Gebäudeform entstehen unter dem Eigengewicht der Konstruktion zusätzlich starke Horizontalkräfte in den Geschossdecken, weshalb die beiden runden Fassaden über Zugbänder miteinander verknüpft sind und ein horizontaler Träger die Außen-, Mittel- und Innenstützen aller Stockwerke verbindet.

 

Glas mit vorspannbarer Sonnenschutzbeschichtung.

Die Diagrid-Stahlstruktur wurde mit über 10.000 Glaselementen geschlossen, die zuvor in der Vorfertigung zu ca. 9 Quadratmeter großen, dreieckigen Paneelen mit Aluminiumrahmen zusammengefügt worden waren. Die Halterungen für die Rahmenprofile bestimmten dabei den Winkel jedes Glaspaneels in der räumlich gekrümmten Struktur. Diese war ausgehend von einem früheren Entwurf, der 10.000 verschiedene Glasformen erfordert hätte, so vereinheitlicht worden, dass nur acht verschiedene Formen für die gesamte Gebäudehülle ausreichten. Die extremen Klimabedingungen der Region mit Tages-
temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius ließen die Ausführung der insgesamt 16.000 Quadratmeter großen Glasfassade zu einer Herausforderung werden. Aufgrund der hohen Anforderungen an Qualität und Sonnenschutz entschieden sich die Planer für ein Isolierglas von Euroglas. Dessen äußere Scheibe aus dem blau gefärbten Basisglas Glacier mit einer „Silverstar Sunstop Blau 30 T"-Beschichtung sorgt für einen Gesamtenergiedurchlassgrad von nur 18 Prozent sowie den gewünschten Verspiegelungseffekt. Die innere Scheibe aus „Eurofloat" Klarglas wurde zusätzlich mit einer „Silverstar ENplus T"-Beschichtung versehen.

Elementar für eine reibungslose Logistik und einen zeitlich effizienten Verarbeitungs- und Bauprozess war die Vorspannbarkeit der beschichteten Gläser, die per LKW und Schiffscontainer aus der Schweiz nach Abu Dhabi transportiert wurden. Sie ermöglichte die Durchführung aller weiteren Verarbeitungsschritte durch das Unternehmen White Aluminium Enterprises vor Ort: Nach dem Zuschnitt konnten die beschichteten Scheiben thermisch zu Einscheibensicherheitsglas vorgespannt und anschließend zu Isolierglas zusammengesetzt werden.

Das HQ-Projektteam war über die ganze Welt verstreut, mit Partnern in Dubai, Sydney, UK und Italien. Um eine effiziente Teamarbeit zwischen den beteiligten Planern, Ingenieuren, Verarbeitern und den ausführenden Gewerken zu gewährleisten, wurde bereits in den frühesten Projektphasen mit einem hochentwickelten 3D-Modell bzw. dem Building Information Modeling gearbeitet. So konnten alle Beteiligten parallel auf stets aktuelle Modelldaten mit gleichem Präzisionsgrad zugreifen, was Schnittstellenprobleme bei der Planung verhinderte und die Bauteilfertigung und Materialbeschaffung beschleunigte.

Ende 2010 war das HQ Building schließlich bezugsfertig und wartet nun auf die Realisierung weiterer spektakulärer Nachbarbauten in Al Raha Beach.

Autor/in:
Redaktion Glas
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