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„es gibt vor- und nachteile”

13.08.2018

Im September 2016 hat Lisec die Schraml Glastechnik GmbH übernommen. Knapp zwei Jahre nach dem Deal haben wir Horst Schraml zu seinen Beweggründen, den damit verbundenen Veränderungen und Zukunftsaussichten befragt.

Horst Schraml ist weiterhin als Geschäftsführer seines ehemaligen Unternehmens tätig und zudem Leiter der Lisec Business Unit  „Bearbeiten”.

Ein Raunen ging durch die Branche als im September 2016 ein bekanntes österreichisches Familienunternehmen von einem Konzern gekauft wurde. Grundsätzlich natürlich nichts Ungewöhnliches in Zeiten der Globalisierung. Dass der ehemalige Geschäftsinhaber Horst Schraml seit dem Verkauf aber weiter als Geschäftsführer des Unternehmens tätig ist und zudem die Lisec Business Unit „Bearbeiten“ leitet, gehört wohl nicht zum üblichen Ablauf derartiger Geschäfte. „Horst Schraml ist der richtige Partner für uns: Er kennt die Bedürfnisse der Kunden, hat erfolgreich hochspezialisierte Anlagen entwickelt und verkauft und ist gut vernetzt“, erklärte damals Othmar Sailer, CEO der Lisec Gruppe. Die in Großraming entwickelten Produkte für die Glasbearbeitung waren durchwegs für den Weltmarkt geeignet und ergänzten perfekt das Portfolio der internationalen Lisec-Gruppe. 
 
Herr Schraml, Sie haben vor knapp zwei Jahren gesagt, die Entscheidung für den Verkauf Ihres Unternehmens sei Ihnen nicht leicht gefallen. Mit ein bisschen Abstand lässt sich jetzt wahrscheinlich besser darüber reden. Was waren die Beweggründe für diese Entscheidung – und warum fiel die Wahl schlussendlich auf Lisec?
Horst Schraml: Es war sicher keine leichte Entscheidung. Der Hauptgrund für die Entscheidung war die Tatsache, dass ich den globalen Vertrieb forcieren wollte. Die Wahl fiel auf Lisec, weil das Unternehmen eine große eigene Vertriebsmannschaft hat, die die Produkte von Schraml mitverkauft, ebenfalls weltweit über ein großes Servicenetzwerk verfügt und, nicht unwichtig, bereits ein sehr breites Produktspektrum hat. Zusätzlich wichtig für mich war die Tatsache, dass Lisec ein österreichisches Unternehmen ist, heißt, keine Kulturbarriere, was die Zusammenarbeit einfacher macht. 

Wie haben Ihre Kunden auf diese Umstrukturierung reagiert?
Für den Großteil der Kunden war die Marke Lisec keine unbekannte. Nachdem die Schraml Glastechnik als eigenständiges Unternehmen weitergeführt wurde, gab es keine negativen Reaktionen bei den Kunden – es wurde und wird „beobachtet“. Für viele Kunden war es durchaus schlüssig und naheliegend, dass dieser Schritt in der globalisierten und vernetzten Welt über kurz oder lang notwendig war.
 
Sie sind, wie oben beschrieben, weiterhin Geschäftsführer der von Lisec übernommenen Schraml Glastechnik GmbH geblieben. Außerdem sind Sie der Leiter der Lisec Business Unit „Bearbeitung“ geworden. Inwieweit hat sich Ihre Arbeit in den letzten beiden Jahren verändert? Was sind Ihre Aufgaben in der Business Unit? 
Stimmt, es ist durchaus zu einer Herausforderung geworden, diese beiden Aufgaben in der gewünschten Tiefe wahrzunehmen. Die Tätigkeiten in der Schaml Glastechnik GmbH sind nicht weggefallen oder weniger geworden – es gilt, die Historie an einer großen Anzahl installierten Anlagen zu bedienen, gleichzeitig Neukunden zu gewinnen und die Integration in einen Konzern zu lenken. Zusätzlich ist das neue Tätigkeitsfeld als Business Unit Leiter eine verlockende Herausforderung und Chance, weil es viele Möglichkeiten in technischer und vertrieblicher Hinsicht bietet. Diese Aufgabe besteht darin, für den Bereich Bearbeiten das führende Produktportfolio am Markt zu entwickeln und für die Vertriebsmannschaft aufzubereiten. Derzeit arbeiten wir z. B. an einem neuartigen vertikalen Bearbeitungskonzept, „SplitFin“, welches sicher für Aufsehen am Markt sorgen wird. Es geht dabei um eine integrierte Bearbeitungslinie mit einer Anlage zum Schleifen und Polieren von Kanten, einer weiteren Anlage zum Bohren, Fräsen und Senken – optional mit Wasserstrahltechnologie und einer Waschmaschine. So kombinieren wir die Vorteile einer Linie (hoher Durchsatz) mit der Option, die Maschinen einzeln bedienen zu können, wenn notwendig. Spezielles Highlight ist, dass sogar innerhalb der Anlage eine Überholspur zur Verfügung steht und die ganze Linie mit dem kompletten Lisec Sortier- und Logistiklösungen kombiniert werden kann. Auf der glasstec stellen wir das Konzept erstmalig vor.

Was bietet die Einbindung in ein weltweit agierendes Großunternehmen wie Lisec? Welche Vor- und Nachteile sehen Sie darin?
Es gibt tatsächlich Vor-, aber auch Nachteile. Die eindeutigen Vorteile sehe ich natürlich darin, die vorhandenen Strukturen und Abteilungen einer großen Einheit nutzen zu können, z. B. Marketing, Technik, Entwicklung, Service – nicht zu vergessen Annehmlichkeiten wie die Rechtsabteilung oder auch die Personalentwicklung. Klar haben wir als kleine Einheit Schraml mit gewissen Spielregeln/Prozessen einer großen Organisation zu kämpfen – beispielsweise die Freigaben, Entscheidungswege und auch die erhöhten Dokumentationspflichten, die ich früher so nicht kannte.  

Ein kurzes Resümee: Wie hat die Integration Ihrer Produkte in das Portfolio von Lisec geklappt? Inwieweit hat sich die ursprüngliche Schraml-Produktpalette verändert?
Grundsätzlich hat die Integration auf Produktebene gut funktioniert: Alle aktuell bekannten Produkte von Schraml sind zur Gänze in der Produktdatenbank von Lisec abgebildet. Dasselbe gilt für Ersatzteile und Unterlagen: Sie sind ebenfalls in der Lisec Produktwelt vorhanden und können weltweit angeboten werden. Die Integration wurde als Chance genutzt, das Produktprogramm von Schraml etwas zu straffen. 

Die Integration der Maschinen, After-Sales-Management mit Ersatzteillieferungen, Wartung und persönliches Service waren mit der USP Ihres Unternehmens – hat sich daran etwas geändert?
Ja, viele früher persönliche Aspekte werden jetzt in anderen Vorgängen abgebildet bzw. in Zuständigkeiten aufgeteilt. Das heißt in vielen Fällen, dass die persönliche Komponente sich geändert hat. Im Gegenzug entstanden für die Kunden Vorteile wie 24-Stunden-Support. Aktuell ist es die Herausforderung, die Ersatzteile schnell und unkompliziert organisieren und versenden zu können. 

Forschung und Entwicklung ist gerade im Maschinenbau ein großes Thema. Haben Sie nun Zugriff auf die internationale F&E-Abteilung von Lisec? Was können Sie daraus zu Ihrem Vorteil nutzen, und inwieweit lassen Sie Ihr Know-how dort einfließen?
Ja, den Zugriff haben wir. Die neuen Produkte (siehe oben) wurden bereits mit Lisec Teams und Prozessen entwickelt und gebaut. Selbstverständlich ist es ein Vorteil, mit kompetenten und eingespielten Abteilungen und mithilfe eines vorhandenen Baukastens, neue Produkte zu entwickeln und zu konfigurieren. Nicht zu vergessen ist der einmalige Vorteil von Lisec, auch die Software-Entwicklung direkt im Haus und in Österreich zu haben. Ich kann mich persönlich einbringen, das ist ausdrücklich gewünscht, und auch meine Aufgabe. Die Organisation in Business Units trägt diesem Gedanken Rechnung. 

Bisher wurden die bekannten Schraml-Markennamen wie „topDrill“ oder „topClear“ weitergeführt. Wird das mittelfristig und auch bei Neuentwicklungen so bleiben?
Marktauftritt und Produktnamen sind Themen die man sorgfältig und langfristig angehen soll. Wahrscheinlich wird Schraml als Brand den Markt langsam verlassen – die neuentwickelten Anlagen tragen das Lisec Logo. „topDrill und „topClear“ sind eingeführte und bekannte Marken, die vorerst bestehen bleiben.

Welche Bedeutung haben der österreichische und der D-A-CH-Markt im Vertrieb Ihrer Produkte? Ist die internationale Nachfrage durch die Einbindung bei Lisec weiter gestiegen?
Die D-A-CH-Region ist die Wiege von Schraml und nach wie vor als Markt sehr wichtig. Die Anfragen aus anderen Ländern sind aber tatsächlich gestiegen und somit auch die Anzahl an Angeboten, die wir legen können.

Was sind die derzeitigen Trends am Glasbearbeitungs-Markt und wie reagieren Sie darauf?
Der Bearbeitungsmarkt hat, zumindest in Vergleich zu anderen Bereichen in der Flachglasbranche, den Vorteil, ein zum Teil stark wachsender Bereich zu sein. Es ist zu erwarten, dass die Dichte der Marktteilnehmer in dieser Nische genau aus diesem Grund steigen wird, was wiederum zu einem erhöhten Margendruck führen wird. Die Glasbranche reagiert, etwas verzögert im Vergleich zu anderen Branchen, mit einer Vertiefung der Integration und einer Erhöhung der Automation. Das Haus Lisec hat hier den Vorteil, sehr breit aufgestellt zu sein, um viele Teilaspekte zu diesem Thema abdecken zu können. Erfreulich für Lisec und Schraml ist auch, dass die vertikale Glasbearbeitung breite Akzeptanz findet und Lisec/Schraml hier in ihrer Vorreiterrolle bestätigt werden. Wie bereits erwähnt, werden wir unseren Ansatz dazu auf der glasstec 2018 zeigen.

Eine persönliche Gewissensfrage zum Abschluss: Wenn Sie Ihr Unternehmen nochmals verkaufen könnten, was würden Sie anders machen?
Die Entscheidung war die richtige – das nächste Mal würde ich im Vorfeld auf beiden Seiten dafür sorgen, dass noch mehr Details angeschaut und geklärt werden, aber auch Vor- und Nachteile von Abläufen durchleuchtet werden. Ich würde das nächste Mal auch mehr Geduld mitbringen – der Kauf/Verkauf geht relativ schnell – für die vollständige Integration braucht man einen sehr langen Atem.

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