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Fassadentechnik: Österreichisches Know-how auf internationalem Niveau

13.05.2020

Bei der Bestandserhebung der aktuellen Fassadentechnik stößt man auf bemerkenswerte Fassadenlösungen aus Österreich, die dem Trend in Richtung freie Gestaltbarkeit der Oberflächen entgegenkommen oder ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. 

Die Forderung nach hoher Transparenz, natürlichem Tageslicht und repräsentativer Gestaltung hat im Lauf des 20. Jahrhunderts zu einer großen Verbreitung von Glasfassaden geführt. Ingenieurtechnische Innovationen führten dazu, dass ihre Transparenz dabei stetig zunahm. Glasflächen vergrößerten sich, während ihre Halterungen immer filigraner wurden und die Unterkonstruktionen in den Hintergrund traten.

Die Glasfassade – ein kurzer Überblick
Fassaden können grob in zwei Arten unterschieden werden: Schwere, massive Wandkonstruktionen und leichte, skelettartige Außenhäute. Es entstanden großformatige Glasflächen, losgelöst vom Tragwerk des Gebäudes. Hierdurch manifestiert sich die mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts begonnene Trennung von Gebäudehülle und Gebäudetragwerk, die durch die Skelettkonstruktionen möglich wurde und uns eine Fülle von verschiedenen Erscheinungsformen der Fassade bescherte.
Die Pfosten- und Riegelfassade ist eine Konstruktionsmethode, mit der sich äußerst filigrane Glasfassaden herstellen lassen. Der Lastabtrag erfolgt hierbei über die senkrechten Pfosten, an die die horizontalen Riegel angeschlossen sind. Gehalten werden die Füllungselemente durch horizontale und vertikale Pressleisten, die auf die Pfosten oder Riegel geschraubt werden. Als tragende Materialien kommen Stahl, Alu oder Holz zum Einsatz. Zwischen Fassadenfeldern und dem tragenden Fassadengerüst werden elastische Dichtungselemente verwendet.

Bei punktgehaltenen Glasfassaden wird das Prinzip der „gerahmten“ Glasflächen durch punktförmig angeordnete, auf Reibe- oder Lochleibungsverbindungen basierende Einzelhalter ersetzt. Punkthalter leiten die auftretenden Lasten in eine separate Tragkonstruktion ein, die sowohl direkt hinter der Glasfläche als auch von dieser losgelöst angeordnet sein kann. Die Bemessung der Verglasungen erfolgt unter Berücksichtigung zugelassener Verformungen innerhalb der Scheiben. Daraus entstehende Spannungen werden über die Halter in die Tragkonstruktion eingeleitet. Durch die Einwirkung größerer Biege- und Querkraftbeanspruchungen auf das Glas sind entsprechend dickere Verglasungen erforderlich, die zudem individuell auf den zur Ausführung kommenden Halter abzustimmen sind. Der direkte Kontakt zwischen Glas und Punkthalter sowie der Abbau von Spannungsspitzen wird durch Polymerhülsen, zum Teil mit der Glasbohrung vergossen, unterbunden. Die Abdichtung der Scheiben untereinander erfolgt durch eine UV-beständige Verschlussmasse. Bei Isoliergläsern wird der Glasfalz belüftet, druckentspannt ausgebildet und dient zur Kondensatabführung.

Eine Structural-Glazing-Fassade ist eine Glasfassade, bei der die Glaselemente durch Verklebungen im Tragsystem gehalten werden und eine aussteifende Wirkung haben können. Sie ist in der Regel eine vorgehängte Fassadenkonstruktion, die lediglich Eigenlasten abträgt und deren Unterkonstruktion hinter die Fassadenfläche zurücktritt. Solche Fassaden wirken homogen und filigran, da oft nur die schmalen Fugen zwischen den Elementen sichtbar sind.

Innovative österreichische Fassadenlösungen
Aus dem Hause Petschenig glastec kommt ein neues Befestigungssystem für Structural-Glazing-Fassaden. Nut und Feder ist ein fertig konfektioniertes Isolierglassystem – aus unterschiedlichen Glaskombinationen individuell nach den Anforderungen des Architekten bzw. der Bauphysik gefertigt. Die Montage erfolgt mit systembestimmten Eindrehhaltern und sorgt für den nötigen Anpressdruck der Innenscheibe an die Unterkonstruktion. Das System ist kompatibel mit jeder handelsüblichen Fassadenkonstruktion. Durch die Anwendungsmöglichkeit von Float/VSG außen wird eine verzerrungsfreie Optik gewährleistet. 

Die BUWOG Group errichtet am ehemaligen Standort des „Glaspalast“ von Architekt Harry Glück, Rathausstraße 1 in Wien, ihre neue Zentrale. Der von der Architekten Kooperation Schuberth&Schuberth, Ostertag architects und Stadler Prenn Architekten konzipierte Neubau wird mit einer doppelschaligen, High-Tech Glasfassade vom Typ Pg Nut & Feder realisiert. Das neue Gebäude, das aus zwei Untergeschoßen, Erdgeschoß und sieben Obergeschoßen besteht, ist damit geringfügig niedriger als sein Vorgänger. Die innovative Möglichkeit der Eigengewichtslastabtragung durch den Entfall eines Querriegels erhält die Sichtachse zum Stephansdom. Die Besonderheit hierbei: Eine Niro-Kralle übernimmt 80 Prozent des Eigengewichts der Scheiben und leitet diese in den Pfosten ein.

Eine weitere Landmarke in Österreich kommt aus dem Hause Saint-Gobain Glass: Das „Perron“ ist das derzeit zweithöchste Bauwerk Salzburgs. Der gläserne Komplex mit stolzen, sieben Meter langen Isolierglaselementen hat 15 Geschosse. Rund 12.000 Quadratmeter Hochleistungsgläser lieferte der Saint-Gobain ClimaplusSecurit-Partner Eckelt Glas aus Steyr für die Außenhaut des Baus. Um für den Innenraum als auch in der Außenansicht eine natürliche Lichtwirkung zu erzielen, entschied man sich hier für ein hochtransparentes Sonnenschutzglas mit farbneutralem Charakter (3-fach Sonnenschutzisolierglas „Climatop Cool-Lite SKN 176 II“). Dieses sorgt für Sonnenschutz, hohe Lichtdurchlässigkeit sowie Wohnkomfort und Wärmeschutz. Darüber hinaus werden durch das Glas die Kühllasten im Gebäude niedrig gehalten. Zusätzlich gefertigte Sicherheitsgläser tragen dazu bei, dass sich die Gäste in den Räumen sicher fühlen, zumal die Trennung von Innen und Außen nur durch die Scheiben gewährleistet ist. Den Gebäudeabschluss bilden die beiden in Stahlleichtbauweise konstruierten Restaurantebenen. Sieben Meter hohe XL-Dreifach-Isolierglaselemente geben hier über zwei Geschosse die Aussicht auf Altstadt und Umgebung frei. 

Der Trend geht in Richtung außergewöhnliche Geometrien, maximale Transparenz gepaart mit den letzten Technologien in punkto Energiesparen, Licht und Wohlfühlqualität sowie Integration von Smartglas. Dabei dürfen die Bauzeiten, die Kosten und die Nachhaltigkeit nicht vernachlässigt werden. Das Unternehmen forstner glass + GmbH aus Hausmening bietet mit dem „VS1“ System hierzu eine interessante Lösung. Seit inzwischen neun Jahren wird das System in Europa erfolgreich eingesetzt. Über 30 Gebäude wurden in verschiedenen Ländern Europas mit dem System ausgeführt. „Die Branche sucht nach Alternativen zu den herkömmlichen Fassadensystemen, die in komplexer Anwendung meistens als Sonderlösung angeboten werden. Zeitraubende und kostspielige Zulassungsprüfungen sind häufig nötig. Das VS1 System ist in Europa zertifiziert und bietet mit einem kleinen Teilesortiment Antworten auf kniffelige Anforderungen“, erklärt Glas-Experte und Firmengründer Helmut Forstner. 

Die Basis des Systems bilden vertikale Aluminiumprofile, die als statisch tragende Elemente ausgeführt werden. Sie tragen alle Kräfte wie Wind-, Schnee und eventuelle seismische Lasten ab. Die Profile können bis zu 13 Meter hoch freitragend spannen ohne eine zusätzliche Unterkonstruktionen zu benötigen, die die Transparenz der Gebäudehülle negativ beeinträchtigen. Es entfallen sämtliche horizontalen Profile und die Glaselemente werden vollkommen rahmenlos gehalten. Lediglich die Glasränder mit den versiegelten Verbindungen sind sichtbar. Die Glaselemente sind strukturell verklebt und bilden die Wetterbarriere der Gebäudehaut. Das „VS1“ System hält die Scheiben nahezu unsichtbar mittel Lastenträger und Punktbefestigung im Glasstoßbereich. Damit müssen die Gläser nicht angebohrt werden und es werden keine besonderen Lasten in die Scheibenfläche eingebracht. So können nicht nur die Scheibenstärken wirtschaftlich dünn gehalten werden, sondern auch Sondergläser mit speziellen Zusatzfunktionen, wie z. B. Smartglas problemlos eingebaut werden. Die elektrischen Anschlüsse und Kabelzuführungen verschwinden im Falz und Profil. Durch die punktuelle Halterung können auch Sonderformen und gebogene Scheiben einfach verarbeitet werden. Kleine Halteplatten übernehmen die mechanische Absturzsicherung, es können aber auch Vario Ausführungen zur Anwendung kommen. Der Metallbedarf in der Fassade wird um die Hälfte reduziert.
Als besondere Eigenheit des Systems gilt die Möglichkeit, die Halteprofile nach außen zu legen. Die neutrale Linie ist die Glasebene. Damit kann die glatte Glasfläche nach innen oder außen verlegt werden. Neben der optischen Gestaltungsmöglichkeit werden auch Brandschutzanforderungen in einem Aluminiumsystem erfüllbar. Im Dachbereich können die Gläser auch hängend eingebaut werden. Alle Halterungen sind – bis auf eine Edelstahlschraube – thermisch getrennt. Durch den Entfall von Glaselementumrahmungen werden keine komplexen Metallbearbeitungen nötig. Daher werden die Vorlaufzeiten extrem verkürzt. Produziert werden die Hauptelemente in Europa und zwar auftragsbezogen, damit nahezu keine Materialverluste anfallen.

Fazit
Die Fassade ist die Haut oder die Kleidung eines Gebäudes. Vom schlichten Outfit bis zum raffinierten Designer-Look, ob neue oder klassische Verarbeitung – der richtige Umgang mit dem Werkstoff ist entscheidend für die Langlebigkeit und Funktionalität der Erzeugnisse. Heimische Ingenieurleistungen auf dem Sektor der Fassadentechnik kommen international zum Einsatz und prägen bereits das Gesicht bekannter Metropolen. Fortschreitende Technologie ermöglicht es, immer kühnere Formen zu realisieren. Dabei kommt auch die zeitgemäße Notwendigkeit der Nachhaltigkeit in all ihren Aspekten nicht zu kurz. Der faszinierende Baustoff Glas kann all sein funktionales und optisches Potential ausspielen und erstaunt so immer wieder aufs Neue.

Autor: Maximilian Schuster

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