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In Gedenken an Franziska Geiger

20.02.2013

Die wollte keine Glaserin werden. War auch nicht notwendig, es war ja ein Bruder da. Doch das Unheil dieser leidgeprüften Generation machte vieles zunichte. Franziska Geigers Großvater Franz Pimperl, gründete 1876 in Sieghartskirchen eine Glaserei, der Vater führte sie weiter, starb jedoch 1929, da waren die beiden Kinder im Volksschulalter.

Text: Elfriede zahlner

Der Bub musste also Glaser werden, damit der Betrieb, den die Witwe mit einem Gesellen aufrecht erhielt, weiterbestehen konnte. Es war jedoch schwer im Jahr 1937 eine Lehrstelle zu bekommen. Die Tante in Wien lief sich die Füße wund, bis endlich der Glasermeister Dirr in der Westbahnstraße 44 zusagte, dass er einen Lehrbuben vom Land ausbilden möchte.

Franziska lernte in Wien den Kaufmannsberuf im Lebensmittelhandel. Aber kaum war der Bruder ausgelernt, musste er in den Krieg ziehen, ebenso der Mitarbeiter. Der einstige Lehrherr Dirr erbarmte sich der nun völlig alleingelassenen Witwe und reiste am Wochenende nach Sieghartskirchen, um für sie die wichtigsten Arbeiten zu erledigen. In einem Gebiet, das heute zu Russland gehört, kam im Juni 1944 für den Glasergesellen Soldat Franz Pimperl der Befehl Angriff und Gefangene zu machen. Ein Granatsplitter durchschlug seine Halsschlagader, er verblutete auf der Stelle. Er war 21 Jahre alt und hatte schon einige Kriegsjahre hinter sich.

Frau Geiger schob mir sein Bild über den Tisch und es klingt mir heute noch in den Ohren, wie sie sagte, dass sie das nicht wahrhaben konnte. Sie hat immer geglaubt „er muss einfach wieder heimkommen, der Franzi". Sie denkt jeden Tag an ihren kleinen Bruder, sagte sie und dicke Tränen standen in ihren Augen. Vor dem Krieg war die Zeit so schlecht, erzählte sie.

Einer hat sich sogar fünf Deka Kernfett aufschreiben lassen, weil er nicht zahlen konnte. Dann kam der Hitler. Dass so etwas Fürchterliches kommt, hat ja keiner ahnen können, und bald darauf war Krieg. Das bisschen Geld, was bis dahin verdient werden konnte, nützte wieder nichts, denn es war nichts zu bekommen. Franziska Geigers Tanten gaben ihr sämtliche Kleidermarken, damit sie sich endlich einen neuen Mantel kaufen konnte.

Franziska Geiger hatte im Krieg viele Bombenangriffe erlebt. Im Lebensmittelgeschäft in Floridsdorf wurde um acht Uhr sofort das Radio aufgedreht. Nicht jeder besaß eines, daher kamen die Kunden mit ihren Habseligkeiten in einer Tasche, um zu fragen, ob der Kuckuck bereits zu hören war. Das war der Aufruf, sich in die Luftschutzräume zu begeben. Auch nach dem Krieg gab es gar nichts, sagte sie, die Leute kamen hamstern. Für etwas Schmalz tauschte man seine Wertsachen. Die Mutter war weiter alleine, auch der Geselle war gefallen. Ihr Mann, ein tüchtiger Tischler, kam erst 1947 aus dem Krieg zurück, er war vier Jahre in russischer Gefangenschaft. So nahm die kleine Frau, in deren Reisepass die Größe von 155 Zentimeter vermerkt stand, das Angebot der Firma Cernohorsky in Wien an und begann die Glaserlehre. Zwei Tage arbeitete sie in ihrem Lehrbetrieb, einen Tag war sie in der Berufsschule in der Mollardgasse und den Rest schuftete sie daheim bei der Mutter, damit der Betrieb weitergehen konnte.

Als älteste noch lebende Schülerin war sie Zeugin vom Chaos im zerbombten Schulgebäude, wo der Unterricht aber sofort voll weiterging. Vom ersten Schultag hatte sie ein Durcheinander von weißem Glas in Erinnerung, das die Schüler zu sortieren hatten, weil sonst nichts da war. In den Fenstern waren Pappendeckel montiert, nur in den unteren zehn Zentimetern ein Glasstreifen. Im folgenden Winter konnte man nur im Wintergewand in der Klasse sitzen, es war bitterkalt und die Finger eisig. Bis fünf Uhr hatte sie Unterricht, in der letzten Stunde war sie derart müde, dass sie die Augen gar nicht mehr offenhalten konnte. Es ging ihr gar nicht gut in dieser Zeit, erzählte sie, denn auch an ihrem Lehrplatz mussten die vielen Reparaturverglasungen in einer unbeheizten Werkstätte gemacht werden, wo die Türe noch dazu so kaputt war, dass unten ein großer Spalt offen war.

Nach dem Krieg gab es eine Gewerbescheinrevision. Den hatten die Kriegerwitwen natürlich nicht und Franziska noch keine Meisterprüfung. So mussten viele betteln gehen, damit Kollegen als Geschäftsführer einspringen. Franziska Geiger sprach im Namen der Mutter auch vor und wurde oftmals vertröstet. Zu ihrem letzten Bittgesuch führte sie ihr Mann mit dem Motorrad, wofür sie sich mit einer Hose bekleidete. Sie wurde lautstark und wenig charmant mit den Worten „da hab i scho gfressen, wenn ane mit aner Hosn daherkommt" hinauskomplimentiert. Ihr einstiger Lehrbetrieb gab dann die nötige Hilfestellung.

Bei der Frage nach ihrer Gesellenprüfung musste Franziska Geiger lachen. Beim Schieb am Lugeck war das, sie war so nervös, konnte eine linke Klappenventilation nicht von einer rechten auseinander halten. Die Meisterprüfung legte sie in Wilhelmsburg ab. Die Glaserei wurde mit viel Fleiß der gesamten Familie zu einem ansehnlichen und gut etablierten Betrieb, in dem sie sich bis zuletzt aufhielt.

Von einem Schlaganfall erholte sie sich aber nicht mehr und verstarb am 3. Jänner 2013 im 92. Lebensjahr. Franziska Geiger war eine der letzten Zeuginnen der Glaserfamilie einer grauenvollen Zeit. Mit Dankbarkeit an das Schicksal, ein Nachkriegskind zu sein, begleiteten wir sie zu ihrer letzten Ruhestätte in ihrer Heimatgemeinde Sieghartskirchen.

Autor/in:
Redaktion Glas
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