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Glas aus dem Böhmerwald

28.04.2010

Das böhmische Glas ist seit dem 17. Jahrhundert in aller Welt ein Begriff für Qualität, neue Techniken und Kunstfertigkeit der Glasbläser, Kugler, Glasschleifer und Veredler. Dabei ist nicht die Rede von einigen wenigen Glashütten, sondern von einer breit gefächerten Produktion im waldreichen Böhmen – wie man im Museum sehen kann.
 

Europa lernte im 16. Jahrhundert zuerst die venezianischen Glasprodukte kennen, die die böhmischen Glasmacher erfolgreich  kopieren konnten. Da die Nachfrage nach qualitätsvollen Glasprodukten ständig wuchs, nahm im Laufe der Zeit die Zahl der Glashütten im Böhmerwald stark zu. Es wurden Hohlglas, Glasperlen für Rosenkränze, Fensterscheiben, optische Gläser sogar Brillengläser hergestellt. Schon im 18. Jahrhundert war die Qualität des venezianischen Glases erreicht und böhmische Produkte wurden europaweit marktbeherrschend. Als es den Glasmachern gelang, große Scheiben herzustellen, indem man Zylinder-Hohlglas zerschnitt und die Fläche eben machte, bekam die Produktion industriellen Charakter. Die geschickten Glasmeister konnten Fensterscheiben von ca. 90 x 60 Zentimeter erzeugen.

Buntglas setzte sich durch.
Als Anfang des 19. Jahrhunderts eine starke Konkurrenz durch englisches Glas entstand, spezialisierten sich die böhmischen Glashütten auf so genanntes Buntglas. Meister in Winterberg, Georgenthal, Silberberg, Gratzen, Eleonorenhain und Zdikau experimentierten mit neuartigen Glasmischungen, schufen unbekannte Farbnuancen durch diverse Metalloxyde. Generationen gaben ihr Bestes, ihren Geschmack und Empfinden für Glas, damit herrliche Pokale, Becher, Vasen, Lüster und Ziergegenstände aus den Hütten nicht nur innerhalb der Monarchie, sondern auch international Anklang fanden. Die Glas-Entwerfer orientierten sich an dem jeweiligen Zeitgeschmack. So entstanden Formen und Dekor im Sinne des Klassizismus, Biedermeier und Historismus. Letzterer brachte eine Rückkehr zu vergangenen Epochen und entwickelte eigene Stile bekannt als Neogotik, Neobarock, Neurenaissance. Dementsprechend verlangten die Abnehmer Gläser in diesen Modetrends, was neue Aufträge aber auch neue Experimente bedeutete. Persönlichkeiten wie Johann Pohl, Friedrich Egermann und anonyme Künstler aus den Hütten Haida, Steinschönau, Buquoy, Riedel, Meyr, Gablonz und Neuwelt überboten sich an neuen Farbzusammensetzungen und Schliffarten. Schlagworte wie Opak-, Stein-, Hyalithglas, Lithyalin, Agatin, Goldrubin-, Uranglas, Pokale mit Überfang oder Emailmalerei, Service im orientalischem Stil - sie ergaben die große Bandbreite der Produktion.

Jugendstil in Böhmen und Wien.
Der Jugendstil löste den Historismus ab, beeinträchtigte aber nicht die böhmische Glasindustrie. Im Gegenteil, inspiriert vom amerikanischen Tiffany-Dekor und französischen Spitzenwerken von Lalique, wandten sich die böhmischen Glaskünstler der Stilisierung der lebendigen Natur zu. Blätter, Blüten und Tiere belebten die farbigen Oberflächen, die vielfach mit Überfang gestaltet wurden.

Herausragend wurde die Firma Loetz in Klostermühle, die 1836 von Johann Baptist Eisner von Eisenstein gegründet wurde. Mit dem irisierenden Glas und dem so genannten Octopusglas erzielte die Firma 1900 auf der Weltausstellung in Paris Anerkennung und großen Erfolg. Fest verbunden mit der Firma war der künstlerische Leiter der Glashütte Max von Spaun. Seine dekorativen Produkte werden heute noch zu Höchstpreisen gehandelt. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts kam es zur Zusammenarbeit mit der Wiener Kunstgewerbeschule, Künstler wie Josef Hoffmann, Kolo Moser, Otto Prutscher, Adolf Loos und Michael Powolny boten Glasentwürfe, die heute noch teilweise in Produktion sind. Nach einem verheerenden Brand musste die Loetz-Firma 1939 Konkurs anmelden.

Einen guten Querschnitt durch die Jahrhunderte böhmischer Glashütten bietet die Ausstellung in Freistadt, die bis 26. Oktober 2010 zugänglich ist.

„Glas aus dem Böhmerwald" bis 26. Oktober 2010. Täglich von 9-12 und von 14-17 Uhr. Sa, So, Feiertag 14-17 Uhr. Mühlviertler Schlossmuseum, Schlosshof 2, 4240 Freistadt, T: 07942/722 74, I: www.museumsstrasse.at

Autor/in:
Redaktion Glas
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