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Glasart und Dimensionierung

02.04.2019

SCHNEELAST // In einer neuen regelmäßigen Kolumne berichtet Frank Kleeberg aus dem Berufsalltag eines Glas- Sachverständigen, von Schadensfällen und deren Bewertungen. Diesmal: Ein durch Schneelast beschädigtes Isolierglaselement.

ZUM AUTOR

Frank Kleeberg ist Glasermeister und gerichtlich beeideter Sachverständiger für Glaserarbeiten, Isolierglas sowie für Glaskonstruktionen und Verglasungen.

Kontakt
T 0664/510 86 58
kleeberg@sv-glas.at
WWW.SV-GLAS.AT

Im schneereichen Winter 2018/2019 wurde ich in eine höhergelegene Ortschaft in den Bergen gerufen. Mein Auftrag: Ursachenermittlung bei einem Glasbruch und Prüfung einer Regressmöglichkeit. Schon von weitem ließ sich erahnen, was mich hier erwartet (Bild 1). Ich fand eine Ferienwohnung in einem Blockhaus vor, in Hanglage. In der Wohnung eine neue, bis zum Boden führende Verglasung im Wohnbereich. Die Schadensursache wurde schon auf den ersten Blick sichtbar – großer Schneedruck. Die unmittelbar anschließende Hanglage hatte bei den anhaltenden Schneefällen die Schneemassen abrutschen lassen, sie drückten gegen die Verglasung. Nachfolgender Regen hatte das einwirkende Gewicht auf die Verglasung noch verstärkt. Die Scheiben wölbten sich bereits in bedrohlichem Ausmaß nach innen (Bild 2). Entlang der Belastungsgrenze war es aufgrund des anhaltenden Schneedrucks zum Bruch der Verglasung gekommen. Ein Betreten des Außenbereichs der Verglasung war aufgrund der Schneemassen nur eingeschränkt möglich (Bild 3).

BESTAND – AUSFÜHRUNG

Bei der Verglasung wurde eine Ausführung in Zweifach-Isolierglas 1.0, bestehend aus 2 x 4 Millimeter Floatglas, umlaufend gehalten in einem Rahmenprofil, gewählt. Die Scheibengröße beträgt ca. 2.000 x 2.500 Millimeter.

SOLL-ZUSTAND

Spätestens seit Inkrafttreten der OIB Richtlinie 4 sollte man wissen, dass derartige Verglasungen zumindest in Einscheibensicherheitsglas ausgeführt werden müssen, um ein Verletzungsrisiko an Personen im Fall von Glasbruch so gering wie möglich zu halten.

Auszug aus der OIB Richtlinie 4:
5 Schutz vor Aufprallunfällen und herabstürzenden Gegenständen
5.1 Glastüren und Verglasungen ohne absturzsichernde Funktion
5.1.1 Folgende Glaselemente müssen aus Sicherheitsglas (Einscheibensicherheitsglas oder Verbund Sicherheitsglas) hergestellt sein:

  • Ganzglastüren, Verglasungen in Türen und in Fenstertüren bis 1,50 Meter Höhe über der Standfläche,
  • vertikale Verglasungen (wie z. B. Glaswände, Fixverglasungen) entlang begehbarer Flächen bis 85 Zentimeter Höhe über der Standfläche,
  • vertikale Verglasungen (wie zum Beispiel Glaswände, Fixverglasungen) entlang begehbarer Flächen in Gebäuden mit möglichem Menschengedränge bis 1,50 m Höhe über der Standfläche.

5.1.2 Anstelle der Verwendung von Sicherheitsglas gemäß Punkt 5.1.1 können auch Schutzvorrichtungen angebracht werden, die den Anprall von Personen verhindern. Wenn bei Mehrscheiben- Isolierglas die Scheiben an der Seite oder den Seiten der Einwirkung aus Verbund- Sicherheitsglas bestehen, sind weitere, durch Abstandhalter getrennte Scheiben von den Anforderungen gemäß Punkt 5.1.1 ausgenommen. Gleiches gilt, wenn die Scheiben an der Seite oder den Seiten der Einwirkung aus Einscheibensicherheitsglas bestehen und so bemessen sind, dass ein Durchstoßen beim Anprall von Personen verhindert wird.

Auch in der ÖNORM B 3716-7 „Glas im Bauwesen – Konstruktiver Glasbau“ ist festgeschrieben, wie die Verglasung ausgeführt werden soll, genauer in Kapitel 3.2 „Wand Fenster und Türverglasungen ohne absturzsichernde Funktion“.

SACHLAGE

Im Gespräch mit dem Betreiber der Ferienwohnung stellte sich sehr schnell heraus, dass bei der Vergabe der Aufträge für das Gebäude viel Wert auf die Preisgestaltung gelegt wurde. Im Kostenvoranschlag war auch nur die Formulierung „Verglasung“ dargestellt, nicht aber woraus diese besteht.

Hier zählen in jedem Fall ein Beratungsgespräch und die Darstellung der einzelnen Verglasungsmöglichkeiten mehr, gegebenenfalls mit Aufzahlungspositionen im Kostenvoranschlag. Einem Auftraggeber sollte die örtliche Situation und die damit verbundenen Verbesserungsmöglichkeiten – und manchmal auch Notwendigkeiten – verständlich erklärt werden.

Da das Gebäude auch den Winter über genutzt werden sollte, musste umgehend eine Notabsicherung durchgeführt werden. Der Glastausch konnte aufgrund der Schneelage erst im Frühjahr durchgeführt werden. Eine gefahrlose Nutzung des Raumes wurde mit einer vorübergehenden Holzverschalung sichergestellt (Bild 4).

LÖSUNG

In weiteren Gesprächen mit dem Betreiber wurde eine neue Lösung fixiert: Die bis zum Boden führende Verglasung wird im unteren Bereich durch eine Holzriegelkonstruktion ersetzt und im oberen Bereich mit Glasoberlichten ausgeführt, da auch die Einbringung neuer, stärkerer und damit auch schwererer Verglasungselemente, aufgrund der nachträglich veränderten baulichen Situation zu weiteren Schwierigkeiten führen würde.

BEWERTUNG

Hätte eine Ausführung der Verglasung in ESG den Bruch der Selben verhindert? Es liegt in der Natur des ESG, dass der Widerstand gegen Druck auf die Fläche höher ist. Aber abgesehen von der Glasstärke hat man hier als Ausführender auch ein Augenmerk auf die umliegende Situation zu richten. Mit unserem Fachwissen sollte hier auf die Gefahren bezüglich der Hanglage hingewiesen werden, um zumindest außenseitig die Verwendung von VSG zu forcieren. Eine Prüfung der Dimensionierung der Glasstärken mit einschlägigen Statikprogrammen ist ebenfalls sinnvoll.

FAZIT

Glasdimensionierung und Glasart sind hier schon in den Grundsätzen falsch gewählt. Die Verantwortung liegt hier bei der ausführenden Firma.

 

Autor/in: 

FRANK KLEEBERG

 

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