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Glaspalast mit Schnabelschutz

01.07.2010

Ein häufig vernachlässigtes Problem moderner Glasarchitektur betrifft nicht den Menschen, sondern die Tierwelt. Immer mehr Vögel knallen auf ihren Flugrouten gegen Glasfassaden diverser Hochhäuser, öffentlicher Bauten und diverser Wintergärten. Die Forschung setzt sich mit diesem Thema stark auseinander, die Industrie liefert entsprechende hilfreiche Vogelschutzprodukte nach.

Gebäude in der Landschaft sind nicht nur Hüllen für Menschen, sondern auch Hindernisse für Tiere. Vor allem für solche, die fliegen. Eines der größten Probleme dabei ist das Material Glas. Neben der Zerstörung und Beraubung natürlicher Lebensräume stehen Glasflächen in der Architektur an oberster Stelle, was die Sterbensrate von Vögeln betrifft. Die Dichte an Unfällen ist groß: Laut einer Studie aus Manhattan, die im Vorjahr entstanden ist, knallen pro Quadratkilometer Stadtgebiet jährlich rund 160 bis 170 Vögel gegen bauliche Hindernisse aller Art, am häufigsten jedoch gegen Glasscheiben.

„160 Vögel pro Quadratkilometer? Das mag beim ersten Hinhören nicht besonders tragisch klingen", meint der Wiener Ornithologe Martin Rössler, „wenn man allerdings bedenkt, dass dies – bei einer Stadtfläche wie Wien – rund 50.000 toten Vögeln pro Jahr entspricht, dann sieht die Sache schon anders aus. Immerhin sprechen wir hier von 130 bis 140 Tierkadavern pro Tag." Noch tragischer ist die Sterbensrate freilich in Großstädten mit einer entsprechend hohen Dichte an Wolkenkratzern und Stahl-Glas-Architektur. Allein in Kanada und den USA sterben pro Jahr rund 34 Millionen Vögel durch Aufprall an Glas, wie das Wilson Journal of Ornithology kürzlich berichtete.

 

Vogelsilhouette ohne Effekt.

War es vor ein paar Jahren noch gang und gäbe, schwarze Vogelsilhouetten als Abschreckung an größere Glasscheiben oder Lärmschutzwänden anzubringen, weiß man heute bereits, dass diese Maßnahme nur wenig zielführend ist. „Die Aufkleber sind statisch und bewegungslos, und deshalb nehmen sie die Vögel nicht als Raubvogel und Feind wahr, sondern einfach nur als ein punktuelles Hindernis im Mikrobereich", sagt Rössler. Die Folge: „Die Vögel weichen aus und knallen ungehindert gegen die Glasscheibe, nur halt einen halben Meter weiter links oder weiter rechts."

Mittlerweile sind Architekten und Forscher dazu übergegangen, statt der Vogelkonturen geometrische Muster auf die Glasscheiben aufzukleben, aufzudrucken oder einzustrahlen. Immer wieder sieht man farbige Punkte auf dem einen oder anderen Fenster, am häufigsten jedoch kommen gepixelte Strukturen und dünne Linien zum Einsatz.

Bei den neuen U-Bahn-Stationen der Linie U2 in Wien war die Vermeidung von Vogelaufprall ein essenzielles Thema. Da die Hochbau-Stationen sehr leicht und transparent erscheinen und man durch die Gebäude auf der anderen Seite den Himmel hindurch sieht, mussten die Gläser eigens mit einer speziellen Linienmusterung emailliert werden. „Die Auflagen der Umweltverträglichkeitsprüfung waren in diesem Projekt sehr umfangreich", erinnert sich Architekt Gerhard Moßburger, der für den Entwurf der U-Bahn-Aufbauten verantwortlich zeichnet. „Wir haben mit der Wiener Umweltanwaltschaft und dem Zoologischen Institut der Universität Wien zusammengearbeitet und haben in zahlreichen Flugversuchen unterschiedliche Vogelschutzvarianten ausprobiert. Gelandet sind wir schließlich bei zwei Zentimeter breiten, horizontalen, grauen Streifen. Aber keine Sorge, kein einziges Tier ist dabei zuschaden gekommen. Um die Vögel vor einem Aufprall zu bewahren, wurden im Zuge der Experimente feine Netze vor die Glasscheiben gespannt."

 

Beste Wirkung bei Orange.

„Welche Form des Schutzes am besten funktioniert, ist abhängig vom jeweiligen Ort und von den dort herrschenden Lichtverhältnissen", sagt der Ornithologe Martin Rössler. Er weiß, wovon er spricht. Gemeinsam mit seinen beiden Kollegen Wolfgang Laube und Philipp Weihs führt er Jahr für Jahr eine ganze Reihe an Feldversuchen durch und veröffentlicht die Ergebnisse in 50- bis 60-seitigen Jahresberichten mit dem nüchternen Titel „Vermeidung von Vogelanprall an Glasflächen". „Unsere jüngsten Untersuchungen und Messungen haben ergeben, dass die beste und effizienteste Methode vertikale Streifen mit fünf Millimetern Stärke und zehn Zentimetern Abstand sind. Interessant ist dabei die Farbe, denn die Streifen sollten nach Möglichkeit orange sein. Das schafft für die Vögel die besten Kontraste."

Eine weitere Möglichkeit des Vogelschutzes ist die Behandlung mit UV-absorbierenden und UV-reflektierenden Substanzen. Für das menschliche Auge unsichtbar, sollen die speziellen UV-Gläser dabei helfen, die Reflexion zu erhöhen und das Material für die Vögel sichtbar zu machen. Langzeiterfahrungen mit dieser Technologie stehen noch aus, viele Fachleute sind skeptisch. Zudem ist der UV-behandelte Baustoff, nachdem nur wenige Betriebe auf dessen Fertigung spezialisiert sind, nach wie vor sehr teuer.

Die Anwendungsgebiete für den optischen Vogelschutz sind enorm und reichen vom Einfamilienhaus bis zur Bahnhofshalle. „Das heißt jetzt nicht, dass jeder Häuslbauer sein Küchenfenster mit gepunkteten und linierten Folien bekleben muss", beruhigt Rössler, „aber auf jeden Fall empfiehlt es sich, größere Flächen wie etwa Glasfassaden oder Wintergärten zu bearbeiten." Als Faustregel gilt nämlich: Je größer die Glasfläche, desto höher die statistische Wahrscheinlichkeit einer Vogelkollision. Oder anders ausgedrückt: Zehn Prozent mehr Glasanteil an einem Haus bedeuten rund 20 Prozent mehr Unfälle. 20 Prozent mehr Glasanteil bringen rund 40 bis 50 Prozent mehr Unfälle mit sich.

Große Auftraggeber meist resistent.

Während immer mehr Wohnbauträger und Investoren – vor allem im Bereich von Projekten mit angestrebter Green-Building-Zertifizierung – zur Vogelschutzmaßnahme greifen, beklagt sich der Verein Auring, der sich um das Vogelhabitat und die biologische Station Hohenau-Ringelsdorf in Niederösterreich kümmert, dass es keinerlei Ambitionen der öffentlichen Hand und der öffentlichen Auftraggeber gibt, um sich des Themas endlich verstärkt anzunehmen. Große Bauherren wie etwa die ÖBB seien nach Auskunft des Vereins besonders resistent gegen Beratung. Nach wie vor und ohne jede Aussicht auf Besserung zögen sie ihre transparenten, gläsernen Wartehäuschen in die Höhe. Rössler: „Von nachträglichen Vogelschutzmaßnahmen auf den schlanken Stahl-Glas-Konstruktionen wollen die ÖBB nichts wissen. Vorschläge haben wir schon genug gemacht."

Andernorts bemüht sich schon seit vielen Jahren das US Green Building Council um die Aufnahme der Vogelschutzkriterien in den Beurteilungs- und Bewertungskatalog der Kampagne Leadership in Energy and Environmental Design (LEED), die für die Zertifizierung ökologischer und nachhaltiger Bauten zuständig ist. Vergeblich. Das Thema klingt fad und wird in ökologischen Belangen daher nur stiefmütterlich behandelt.

Was außerdem fehlt, sind Landkarten und Flächenwidmungspläne, in denen besonders dichte Vogelhabitate und Flugrouten von Zugvögeln dargestellt werden. In solchen Gegenden nämlich, sagt Glenn Phillips von der New Yorker Audubon Society, sei die Häufigkeit an tödlichen Kollisionen zwischen Tier und Architektur besonders groß. Nach Auskunft von Experten gibt es weltweit keinen einzigen städtischen Bebauungs- und Zonierungsplan, der das Aufkommen der Vögel und damit die Unfallwahrscheinlichkeit mitberücksichtigt. Besonders gefährdet sind die Großstädte an den Großen Seen in Nordamerika – allen voran Toronto, Detroit und Chicago, wo mitten aus der flachen Ebene plötzlich riesige Glastürme in den Himmel ragen.

„Wir müssen die Initiative eben selbst in die Hand nehmen", meint Bruce Fowle, Senior Partner im New Yorker Architekturbüro FX Fowle. „Natürlich ist uns Architekten die Lösung, wie man’s richtig macht, längst bekannt. Doch wenn wir Bauherren sagen, dass wir an der einen oder anderen Stelle Strukturglas verwenden oder Folien anbringen müssen, weil sonst Vögel in die Glasscheibe knallen würden, dann fangen die meisten nur an zu kichern. Die Leute finden das Thema zwar lustig, doch nur die wenigsten verstehen, dass das kein Spaß ist, sondern tatsächliche Notwendigkeit."

 

Vogelfreundliche Gebäudegeometrie.

Der Aqua Residential Tower in Downtown Chicago zeigt eine weitere, hilfreiche Methode, um die Vögel vor schmerzhaften, meist tödlichen Kollisionen zu bewahren. Anstatt mit dem Baustoff Glas zu arbeiten, beschlossen die Architekten vom Chicagoer Büro Gang Studio, die Struktur des Wohnturmes „vogelfreundlich" zu gestalten. Die eigenartig anmutende, vogelaffine Definition gibt Grund zum Grübeln, doch dafür spart man sich die langwierigen Detaildiskussionen rund ums Glas. Das rund 250 Meter hohe Apartmentgebäude (75 Geschoße) ist von organisch auskragenden Balkonplatten umgeben. Von weitem entsteht der Eindruck von fließendem, sich bewegendem Wasser. Das dynamische Bild scheint selbst die hartnäckigsten Vogelarten von einem Aufprall abzuhalten.

Zusätzlich dazu werden die Glaselemente in die unterschiedlichsten Richtungen gekippt – nach vorne, nach hinten, nach links, nach rechts. Der Neigungs- und Drehwinkel ist minimal und mit dem bloßen Auge kaum wahrnehmbar, doch dank der pixelartigen Reflexion des Himmels entsteht für die Vögel ein irritierendes Bild, dem sie im Zweifelsfalle lieber ausweichen, anstatt damit in Kontakt zu treten. „Großprojekte wie der Aqua Residential Tower sind für die Entwicklung einer vogelfreundlichen Architektur essenziell", sagt Jeanne Gang, Chefarchitektin im Gang Studio. „Wenn wir damit nicht anfangen, wer soll es sonst tun?"

Für Bauherren und Investoren heißt das, dass sie sich in der Regel wohl individuell informieren und um entsprechenden Schutz kümmern müssen. Gefiederte Leichen sind auf Dauer eine Last. Für Häuslbauer und Suburbanier hat Gang einen besonders effizienten Tipp: „Die einfachste Methode ist, direkt am Grundstück ein kleines Futterhäuschen aufzustellen. Die Vögel machen eine kleine Fresspause und sind danach, kurz nach dem Abheben, so langsam unterwegs, dass selbst bei einem Aufprall gegen Glas keine bleibenden Schäden am Schnabel zu befürchten sind." Das ist Vogelschutzarchitektur im Mikrobereich.

(Redaktion:

Wojciech Czaja, Glas)

Autor/in:
Redaktion Glas
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