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Ludwig Grandy – Pionier gläserner Grabdenkmäler

21.12.2017

Immer öfter fallen Grabdenkmäler auf, die anstelle von traditionellem Stein mit viel Glas angefertigt werden. Das zufällige Auffinden von zwei Grabstätten mit Glasmalereien lässt vermuten, dass der Wiener Glasermeister Ludwig Grandy die Idee gläserner Grabdenkmäler als erster umsetzte – 
vor exakt 100 Jahren.

Zugegeben, es ist nicht jedermanns Sache, aber ich gehe gerne auf Friedhöfe. Was andere als gruselig empfinden, ist für mich Spaziergang im Grünen, Ruhe, Stille und das Gefühl, dass hier Frieden mit der Welt geschlossen wurde. Besonders interessant sind die alten Friedhofsteile, wo noch fallweise Handwerkskunst vorhanden ist, von kunstvoll geschliffenen Laternentafeln bis zu Bleiverglasungen und Glasmosaiken mit leuchtendem Gold.

Zufällig entdeckte ich vor vielen Jahren am Ottakringer Friedhof in Wien ein Grabmal aus einer weithin strahlenden Bleiverglasung. In der Mitte der rückwärtigen Wand befand sich eine große runde Scheibe mit einem schön gemalten Madonnenbild, von Butzen umrahmt. Eine versteckte unscheinbare Signatur bestätigte, dass der Glaskünstler Ludwig Grandy war. Auf eine weiße Beinglastafel war ein Spruch gemalt:

„O Wanderer bleibe steh’n und thue lesen,
Was du bist, bin auch ich gewesen!
Was ich jetzt bin wirst du einst werden.
Einen Vaterunser schenke mir
Für das Gebet (?) dank’ ich dir.“

Diese lieb gemeinte, holprige Dichtung erinnerte mich sofort an Gustl Schiebs „Wiener Geschichten“. In der Glaserzeitung von 1948 fand ich dann die folgende Erzählung über Ludwig Grandy, den „Mäuseglaserer“:

„Ein Original der Branche war der verstorbene Glasermeister Grandy in der Laudongasse. Er trug immer einen Künstler-Samtrock und eine schwarze große Künstlermasche und einen großen Schlapphut. Für die Glasidee ging er durchs Feuer und machte selbst Grabsteine aus Glas. In seinem Schaufenster hatte er ein Terrarium mit ganzen Phantasielandschaften aufgebaut, in dem sich weiße Mäuse tummelten. Er wurde deshalb der Mäuseglaserer genannt. Vor seinem Laden standen Kinder und Erwachsene den ganzen Tag und freuten sich an dem lustigen Treiben der Mäuse, die auf Schaukeln, in Rollen und auf Wippen sich vergnügten. Grandy dichtete mit großer Begeisterung, aber geringer Eignung. Seine Schaufenster waren stets mit werbenden Gedichten versehen, ebenso wie seine Drucksachen meist in Gedichtform abgefaßt waren. Seine stets ernstgemeinte Werbung hatte meist eine lustige Wirkung, besonders jene, in der er in poetischen Worten jedem Kunden empfahl, sich ein Grab aus Glas anzuschaffen. Er wartete, bis sich viele Leute vor seinem Mäuseschaufenster sammelten und trat dann unter sie, um eine begeisterte Reklamerede für das Grab zu halten, die er mit seinen Dichtungen umwob. Seine ganze Liebe galt dem Glas und er war ein verkanntes Original seiner Zeit.“

Gläsernes Grabdenkmal 

Ein gleichgesinnter Friedhofsbesucher war der frühere Wiener Innungsmeister Ludwig Ortner. Stets suchte er um Allerheiligen Gräber verstorbener Glaserkollegen auf und zündete Kerzen zum Gedenken an. Er war es, der mich fragte, ob ich das einzigartige, auffallende Glasgrab des Ludwig Grandy am Wiener Zentralfriedhof schon gesehen habe. Nach einer ungefähren Lagebeschreibung machte ich mich auf den Weg. 

Der Anblick war ernüchternd. Im unteren Teil der Ansichtsseite war noch eine alte Bleiverglasung in Strahlenform vorhanden. Im oberen Teil eine blanke Glastafel mit aufgeklebten bunten Glasteilchen. In den seitlichen Teilen war bis auf wenige aufeinander gestellte Drahtglasstreifen nichts mehr da. Offensichtlich wurde die Grabstätte irgendwann notdürftig renoviert. Eine schwarze Tafel aus Marmorglas lag zerbrochen im Unkraut. Sie hatte die Aufschrift „Ruhestätte Ludwig Grandy Kunstglasermeister geb. 3. November 1879 in Augsburg – gest. 24. April 1943 in Wien“.

Der kleine Mittelteil war original erhalten. Von einer wunderschönen Schmiedeeisenarbeit umrahmt war eine dreiteilige Bleiverglasung zu sehen. Im oberen Teil eine Glasmalerei, eine Nachbildung von Hermann Kaulbachs Gemälde „die weinende Madonna mit dem Kind“, flankiert von zwei Engeln. Im Mittelstück waren Blätter und Blüten in dunkelblaues Überfangglas eingeschliffen. Dazwischen ein Frauenporträt auf Beinglas* gemalt, umrandet mit dem damals neu auf den Markt gekommenen Reformblei, bei dem in die geraden Bleiwände mit Hilfe eines Schneideapparates seitlich Verzierungen geschnitten wurden. Die gemalte Schrift auf dem unteren Teil aus Beinglas zeigte, dass hier eine Barbara Grandy ruht, im Jahr 1917 gestorben. 

Nachforschungen 

Es ist mir gelungen Grandys Enkelsohn zu finden. Wir hatten angenehme Gespräche über die Familiengeschichte und blätterten in alten Fotoalben. Wir wissen daher heute, dass Barbara Grandy die erste Ehefrau war. Für sie hatte er vor 100 Jahren dieses Grabmal errichtet. Auf einer alten Schwarz-Weiß-Fotografie ist das Original abgebildet. Es waren also ursprünglich im oberen Teil noch zwei gemalte Porträts von Jesus und Maria eingebaut. Ein Bild des jungen Kunstglasermeisters Ludwig Grandy zeigt ihn wie von Gustl Schieb beschrieben – mit Samtrock und Künstlermasche. Er war übrigens der Lehrherr unseres langjährigen Lehrers der Wiener Berufsschule Franz Wjzner. 

Das Grab am Ottakringer Friedhof, wo die Erstbestattung ebenfalls 1917 stattfand, gibt es nicht mehr. Eines schönen Tages war das Madonnenportrait weg und bald darauf wurde es gänzlich abgeräumt. Ludwig Grandys Grab besteht zwar noch immer, es ist jedoch dicht mit Hopfen überwuchert und nicht zu erkennen.

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