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Gottfried Brunbauer ist seit knapp einem Jahr CEO von Lisec.

„Unsere Priorität liegt in der Lösung von Kundenproblemen“

05.08.2019

Gottfried Brunbauer hat letzten September recht kurzfristig und für viele in der Branche überraschend die Geschäftsführung von Lisec übernommen. Knapp ein Jahr danach haben wir ihn getroffen und gefragt, was sich bei Lisec und im Markt inzwischen getan hat.

Herr Brunbauer, Sie sind als CEO von Lisec nun seit fast einem Jahr im „Amt“. Was haben Sie bei Ihrem Eintritt vorgefunden, was haben Sie, was hat sich seither bewegt?

Gottfried Brunbauer: Ich habe ja bereits im September 2017 bei Lisec als COO begonnen und war in dieser Position mit technischen und produktionstechnischen Belangen betraut. Vorgefunden habe ich ein Unternehmen, das viel Erfahrung in der Flachglasbearbeitung besitzt, viel Potenzial hat, und viele Kunden schon lange Zeit erfolgreich begleitet. Lisec deckt außer Automotive den gesamten Bereich ab, hat eine Struktur aufgebaut, um den Weltmarkt zu bedienen und hat hier eine respektable Stellung erreicht. Die „Hochglanz-Version“ nach Außen ist eine weltweit führende Marktposition, ein tolles Maschinenbauunternehmen und ein klarer Wachstumskurs – das ist ein reizvoller Mix. Intern hat in den letzten Jahren eine intensive Transformationsphase stattgefunden: Von einem, von Peter Lisec als sehr charismatischer Persönlichkeit, eigentümergeführtem zu einem managementgeführtem Unternehmen. Das war der andere Teil des Bildes, das ich wahrgenommen habe – eine eher unruhige Zeit, in der die erforderlichen Strukturen geschaffen wurden, um das Unternehmen führen zu können. Der dritte Teil des Bildes ist: Wachstum ist gut, aber nicht um jeden Preis. Die Strategie in der Vergangenheit war vielleicht zu offensiv, wodurch gewisse Teile in der internen Struktur nicht Schritt halten konnten. Das war dann teilweise sicher auch für unsere Kunden zu erkennen. Die Wachstumsstrategie der letzten Jahre hat auch intern zu einem Maß an Strukturbildung geführt, die für das Unternehmen fast zu viel war. Das ging zu Lasten der Flexibilität, der Transparenz und der Geschwindigkeit – und das sind genau die Dinge, die Kunden an Lisec sehr schätzen. Deshalb versuche ich in meiner Position als Geschäftsführer seit letztem September die Strukturen wieder zu vereinfachen, um die angesprochene Transparenz, Geschwindigkeit und Flexibilität zu erhöhen. Wir müssen auch die Ertragskraft wieder in den Fokus nehmen – mit zwei Hebeln: die Organisationskosten und die Herstellkosten sowie die Preise für die Produkte. Wir arbeiten daran, das Preisgefüge homogener zu gestalten und die Herstell- und Organisationskosten zu optimieren. Unsere oberste Priorität liegt klar darauf, Kundenprobleme nachhaltig zu lösen – es gibt nichts Wichtigeres – und wir wollen die Ausliefer- und Installationsqualität noch weiter verbessern, um kurze Montage- und Inbetriebnahmezeiten sicherzustellen. Ganz oben stehen auch die permanente Produktweiterentwicklung sowie die Optimierung bestehender Produkte und eine klare und schnelle Auftragsbearbeitung.

Eine neue Führung bedeutet meist auch gröbere Umwälzungen in der Struktur eines Unternehmens. Hat sich im Management und der Grundstruktur der Lisec Business Units nun viel verändert?

Ja, in den letzten Monaten hat sich einiges sogar radikal verändert, das ist zum Teil auch für unsere Kunden wahrnehmbar. Seit September 2018 haben wir die Struktur massiv vereinfacht. Es gibt mit Christian Krenn nur noch einen statt bisher drei Vertriebsverantwortliche. Die Produkt-Business-Units wurden von sechs auf zwei reduziert und die Business Unit Software wurde wieder voll in den Maschinenbau integriert. Es gibt jetzt somit vier Business Units: Isolierglas (beinhaltet Zuschnitt, Brechen, Isolierglasherstellung, Logistik), Bearbeiten (mit Bearbeitungsanlagen, Vorspannen und Laminieren), Gebrauchtmaschinen und After Sales. Die Funktionen Engineering, Vertrieb und After Sales für Software sind nun integriert, und es gibt jeweils nur noch eine Person, die sowohl für Software als auch Maschinenbau verantwortlich ist. Dazu haben wir die erste Führungsebene von über 30 um mehr als ein Drittel reduziert – Verantwortungen können so gebündelt und Entscheidungswege verkürzt werden.

Bleibt die derzeitige Niederlassungsstruktur erhalten?

Hier gibt es zwei Themen: Die Marktvolumina schwanken zeitlich stark, zum Beispiel Südamerika: Vor einigen Jahren sind diese Märkte noch gut gelaufen, jetzt tut sich wesentlich weniger. Das bedeutet, dass die Strukturen immer wieder an die Märkte angepasst werden müssen. Wir haben die Niederlassung in Chile nun geschlossen und der südamerikanische Markt wird von Brasilien aus betreut. Das zweite Thema ist, dass Anlagen immer anspruchsvoller und komplexer werden. Irgendwann ist es nicht mehr möglich, das Know-how für die gesamte Produktpalette in allen Niederlassungen abzubilden. Es gilt also Know-how-Schwerpunkte zu bilden und von denen aus größere Regionen zu versorgen.

Der gesamte Markt verändert sich laufend. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für Lisec?

Das ist recht vielschichtig, aber es gibt vier Schwerpunkte. Der erste ist die Automatisierung. Selbst Kunden, die Nischenprodukte produzieren, versuchen Prozesse zu optimieren und über Automatisierung Lohnkosten zu reduzieren bzw. wird in Ost-Europa sehr stark automatisiert um Stückkosten zu senken. Wir bedienen aber auch Kunden, die Einzelmaschinen brauchen, dort gibt es eher die Forderung nach Anlagen mit einer einfachen Bedienung. Das ist manchmal ein ziemlicher Spagat zwischen den beiden Trends. Drittens tut sich viel bei Endprodukten – Beschichtungen, Smart Gläser, funktionale Gläser. Viele sehen uns als potentieller Partner hier mit zu entwickeln. Es geht darum, immer am Ball zu bleiben und Lösungen für die Herstellung dieser neuen Endprodukte bereitzustellen. Ganz wichtig ist auch, ein hochwertiges After-Sales-Service zu bieten, mit Online Service, Remote Service und vorausschauender Instandhaltung.

Was bedeutet der im heurigen Frühling erfolgte Zusammenschluss von Glaston und Bystronic, die nun mit einer breiten Palette auftreten, für den Markt und für Lisec?

Der Zusammenschluss ist logisch und macht für beide Sinn. Immer mehr Kunden, die in die Verarbeitung einsteigen, wollen alles aus einer Hand, inklusive Software. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, das wir haben, und die Nachfrage wird tendenziell größer. Es ist logisch, dass andere Hersteller versuchen, das auch anzubieten. Was die Beiden noch nicht haben, sind Schneide- und Logistiklösungen und Software. Differenzierungsmerkmale sind also noch da, aber wir unterschätzen unseren Mitbewerb sicher nicht. Wir werden uns weiterhin auf unsere Stärken konzentrieren, kundenbezogene Problemlösungen zu liefern und einen guten After-Sales-Service zu bieten. Und das Segment der Turn-Key-Projekte gezielt bedienen.

Vor einigen Jahren wurde mit großen Investitionen das Glass Forum eröffnet. Es ist sowohl als Testbereich und als Glasproduktion gedacht. Wie ist das in der Praxis vereinbar und wie läuft es?

Das Glass Forum ist ein Asset. Durch die eigene Glasverarbeitung verstehen wir das Geschäft unserer Kunden noch besser – gleichzeitig machen wir unseren Kunden Konkurrenz. Grundsätzlich ist es eine Gratwanderung, die wir versuchen, ausgewogen zu gehen. Wir sehen es vor allem als erweitertes Testgelände, wo wir unter realen Bedingungen die eigenen Anlagen testen – mit durchaus interessanten Erkenntnissen. Es ist auch eine Demofabrik für Kunden. Mit der Glasproduktion versuchen wir uns durch Spezialisierung auf Nischen im oberen Preissegment in das Marktgefüge möglichst homogen einzugliedern.

Vor knapp drei Jahren hat Lisec Schraml Glastechnik übernommen, ein österreichisches Familienunternehmen mit großem persönlichen Bezug zum heimischen Markt. Wie hat die Integration in den Konzern geklappt und wie geht es dem Sektor Bearbeiten heute?

Die Integration war ursprünglich schneller geplant als sie letztendlich gelingt. Auf der technischen Seite gibt es interessante Synergien, betreffend Marktbearbeitung ist die Gestaltung noch im Gange. Die gemeinsame Vertriebsstruktur unter der Federführung von Horst Schraml und seinem Team erhält derzeit noch den letzten Schliff. Er hat nun wieder mehr Kapazität dafür, weil er durch unsere neue Struktur nicht mehr so intensiv in das Produktmanagement Bearbeiten für die Gesamtgruppe eingebunden ist.

Ebenfalls im Jahr 2016 hat Lisec die Firma Glastronic Ungarn erworben und damit einen neuen Geschäftszweig Gebrauchtmaschinen installiert. Wie hat sich der Bereich entwickelt – und welches Potential sehen Sie für das Geschäft mit gebrauchten Maschinen grundsätzlich?

Wir sind recht zufrieden mit der Entwicklung, es ist ein weitgehend eigenständiges Geschäft. Und ein interessanter Markt – Island zum Beispiel ist ein reiner Gebrauchtmaschinenmarkt. Glastronic soll auch interner Zulieferant für bestimmte Stahlbaukomponenten werden, was schrittweise ausgebaut wird. Auch personell stocken wir laufend auf. Seit Anfang Mai gibt es mit Zoltan Szekernyes einen neuen Geschäftsführer, der aus der Region stammt und Erfahrung im Bereich Maschinen- und Anlagenbau mitbringt.

2020 ist wieder ein „glasstec-Jahr“ – mit langen Vorbereitungen für den traditionell großen Auftritt von Lisec. Können Sie uns schon verraten, in welcher Richtung Lisec Innovationen präsentieren wird?

Es tut sich in fast allen Produktbereichen was, vor allem im Bereich Laminieren. Natürlich wird es auf Software- und Maschinenseite einige Neuerungen geben. Wir werden zeigen, dass wir den gesamten Geschäftsprozess unserer Kunden mit integrierten Software- und Maschinenlösungen unter Nutzung der Möglichkeiten der modernen Digitaltechnologien, Stichwort „Industrie 4.0“, unterstützen können – vom Auftragseingang bis zur Rackverwaltung. Wir sind der Partner, der die Flachglas Verarbeiter umfassend unterstützen kann. Wir können integrierte Lösungen anbieten, durchaus auch für mittlere und kleine Verarbeiter.

Interview: Birgit Tegtbauer

 

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