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Arbeitssicherheit: Gefährlicher Schweißrauch

04.01.2018

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat ihre Risikoeinschätzung verschärft: Schweißrauch gilt nun als Substanz, die Krebs erzeugen kann.

Mobile Absaugvorrichtung zum Anschnallen.
Die Absaugevorrichtung direkt an der Schweißstelle trägt erheblich zum Schutz bei.

Bis vor Kurzem galt Rauch, der beim ­Metallschweißen entsteht, lediglich als „möglicherweise karzinogen“, weil die Datenlage für eine genauere Festlegung nicht ausreichte. Im Frühjahr 2017 hat nun eine von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC – International Agency for Research on Cancer) einberufene Expertengruppe alle publizierten wissenschaftlichen Studien ausgewertet und sich festgelegt: Demnach sind Schweißrauche krebserregend für Menschen. Weltweit müssen nun die Arbeitsschutzbehörden reagieren.

Nach Schätzung der IARC gelten weltweit etwa elf Millionen Menschen als Berufsschweißer. Zusätzlich sind etwa 110 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter regelmäßig den beim Schweißen entstehenden Expositionen ausgesetzt. Dazu gehören Rauche, Gase, ultraviolette Strahlung und elektromagnetische Felder. Bereits 2012 stufte die Agentur die beim Lichtbogenschweißen entstehende intensive UV-Strahlung als karzinogen für Menschen ein. Damit gilt es als Faktum, dass die beim Lichtbogenschweißen entstehende UV-Strahlung Augenmelanome verursachen kann.

„Die Einstufung von UV-Licht in die höchste Risikostufe konnten wir klar bestätigen“, sagt Wolfgang Ahrens, Leiter der Abteilung Epidemiologische Methoden und Ursachenforschung am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) und Experte für berufliche und umweltbedingte Krebserkrankungen. „Eine ganze Reihe von Studien zeigt bei Menschen, die an Schweißarbeiten beteiligt sind, ein bis zu zehnfach höheres Risiko für die Entstehung von Augenmelanomen. Und das trotz der nahezu flächendeckenden Anwendung von Schutzmasken.“ Wer beispielsweise bei Schweißarbeiten an Straßenbahngleisen als Passant zufällig einen Blick auf einen Lichtbogen wirft, ist oft minutenlang davon geblendet. Geschieht dies regelmäßig – etwa bei Personen, die bei den Arbeiten assistieren – werden deren Augen mit den entsprechend möglichen Folgen dauerhaft geschädigt.

Metalldampf

Rauch entsteht beim Schweißen, weil Metalle über ihren Schmelzpunkt hinaus erhitzt werden: Die Metalle verdampfen und kondensieren zu winzig feinen Partikeln, die ohne spezielle Schutzmaßnahmen vom Arbeitspersonal eingeatmet werden. „Die verfügbaren epidemiologischen Studien zeigen ganz klar ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko bei Personen, die selbst schweißen“, erläutert Wolfgang Ahrens. „Ein im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen erhöhter Tabakkonsum oder ein häufigerer Kontakt mit Asbest – wie dies zum Beispiel in der Vergangenheit häufig im Schiffbau der Fall war – konnten diese Effekte nicht erklären. Darüber hinaus gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen Schweißen und Nierenkrebs, der allerdings nicht deutlich genug ausfiel, um eine eindeutige Bewertung zu erlauben. Daher wurde dieser Zusammenhang mit der Einstufung 2B – möglicherweise karzinogen für die Niere – bewertet.“

Insgesamt war die in Lyon diskutierte Beweislast für die lungenkrebserzeugende Wirkung von Schweißrauchen ziemlich erdrückend – unabhängig davon, welches Schweißverfahren angewendet und welche Art von Metall geschweißt wurde. Auch die Datenlage für die Verursachung von Augenmelanomen durch die UV-Strahlung beim Lichtbogenschweißen fiel recht eindeutig aus. Entscheidend für die Bewertungen war schließlich die Einschätzung der Epidemiologinnen und Epidemiologen im Team. „Es reicht in der Regel für eine finale Entscheidung nicht aus, wenn ein erhöhtes Risiko nur bei Versuchstieren auftritt und im Labor anhand von menschlichen Zellkulturen nachweisbar ist“, sagt Wolfgang Ahrens. „Es muss auch ein eindeutiger Zusammenhang beim Menschen nachweisbar sein. Und diesen haben wir klar gesehen.“

Handlungsbedarf

Die Hochstufung von Schweißrauchen in „Gruppe 1 – karzinogen für Menschen“ wird Folgen haben. „Die Monografien der IARC sind die wichtigste Referenz weltweit für entsprechende Arbeitsschutzregeln. Sie sind allerdings keine verbindliche Vorgabe für entsprechende Gesetzesänderungen. Dennoch sehe ich dringenden Handlungsbedarf zum Schutz von Berufsschweißerinnen und Berufsschweißern und anderem Personal, das regelmäßig schweißt“, sagt der Epidemiologe. „Schon heute kommen in Europa Rauchabsaugvorrichtungen zum Einsatz, allerdings hauptsächlich an stationären Schweißstationen“, so Ahrens. Bei der Arbeit im Feld werde hingegen meist nur dann mit mobilen Geräten abgesaugt, wenn beim Schweißen die schon lange als krebserzeugend geltenden Chrom- und Nickelverbindungen frei werden. Nun seien die Verantwortlichen bei jedweder Exposition gegenüber Schweißrauchen gefordert, aktiv zu werden, sagt der Experte. „Wenn Rauch entsteht, ist die Gesundheit der Schweißerinnen und Schweißer generell in Gefahr. Zu ihrem Schutz muss der Rauch effektiv abgesaugt werden – auch wenn ­dies höhere Kosten und höheren Aufwand bedeutet.“ 

IARC

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) veröffentlicht regelmäßig ihre neuesten Erkenntnisse in Form von Monografien zu Krebsrisiken. Darin teilt sie die untersuchten Substanzen in Gruppen ein:

  • Gruppe 1 — karzinogen für Menschen,
  • Gruppe 2A — wahrscheinlich karzinogen,
  • Gruppe 2B — möglicherweise karzinogen,
  • Gruppe 3 — nicht eingestuft,
  • Gruppe 4 — wahrscheinlich nicht karzinogen.

Schweißrauche waren sei 1989 in Gruppe 2B eingeordnet. Im März 2017 trat in Lyon die IARC-Evaluationsgruppe zusammen, um die Krebsrisiken des Schweißens auf Basis der aktuellen Datenlage neu zu bewerten.

+++
Autor:
Nils Ehrenberg, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS).

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