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Ausbildung: Fit mit „FiT“

30.12.2018

Frauen in Technikberufe. Bürokauffrau, Friseurin und Einzelhandel sind noch immer die Top 3 der von Frauen gewählten Lehrberufe, Handwerk und Technik hingegen nachrangig. FiT arbeitet dem entgegen – mit zunehmendem Erfolg.

Doris Snitily möchte in der Metalltechnik arbeiten. „Meine Tochter prüft mich vor Zwischentests.“ Doris Snitily.
Manuela Vollmann, ABZ Austria „ Es braucht vielfach noch eine Änderung der Unternehmenskulturen und Brainskripts. Frauen über 40, die noch eine neue Ausbildung abschließen, sind hoch motiviert. Unternehmen, die dies erkennen und auch Quereinsteigerinnen abseits der jungen Generation eine Chance geben, haben langfristig gesehen einen klaren Wettbewerbsvorteil im War for Talents.“

Nach wie vor werden handwerklich-technische Berufe von Frauen selten in Betracht gezogen. „In der Metallindustrie, d. h. Metallerzeugung, Maschinenbau und Metallware sehen wir erst einen Frauenanteil von 13 Prozent“, zitiert Manuela Vollmann, Geschäftsführerin von ABZ Austria, jener Organisation, die im Rahmen des FiT-Programms Frauen- und Absolventinnenberatung sowie in Niederösterreich das FiTZentrum Weinviertel verantwortet, aktuelle Zahlen der Wirtschaftskammer. Grund dafür ist nicht ungenügende Eignung, sondern mangelnde Information sowie fehlende Vorbilder. Wie kann sich das ändern? Eine Maßnahme ist das Programm FiT, Frauen in Handwerk und Technik, des AMS. Es ermöglicht technisch interessierten Frauen, die im AMS vorgemerkt sind, den Abschluss einer handwerklich-technischen Lehre, den Besuch einer berufsbildenden höheren Schule, eines Kollegs oder einer FH. Das Programm läuft seit 2006. In Berufsorientierungskursen erhalten interessierte Frauen zunächst einen umfassenden Überblick über die Fülle an handwerklich-technischen Tätigkeiten. „Viele junge Frauen wissen nicht, welche Aufgabenbereiche bestimmte Berufe und Tätigkeitsfelder umfassen und entscheiden sich daher eher für einen Job, der ihnen bekannt ist“, zeigt Vollmann auf. Am Beginn des FiT-Programmes stehen daher Werkstättentage, an denen geprüft wird, ob Frauen das nötige Talent und den richtigen Zugang zu Technik und Handwerk haben. „Allen voran steht immer eine gute Beratung und Berufsorientierung, bevor Interessierte in die intensive Ausbildung kommen. Die Dropout- Rate ist sehr gering“, bewertet Vollmann FiT als europaweites Vorzeigeprogramm. FiT begleitet während der Ausbildung, baut Firmen- und Branchen-Know-how auf, unterstützt bei der Praktikumsuche, informiert über relevante Fachtagungen sowie Vernetzungsplattformen und bietet Lernunterstützung. Die vom AMS finanzierte Ausbildung selbst erfolgt im Lehrbetrieb, an einer naturwissenschaftlich- technischen Fachhochschule, in einem technischen Kolleg oder in Schulungszentren des AMS. Die Teilnehmenden bekommen ein Lehrgehalt, bislang Lehrlingsentschädigung genannt, oder bei der Ausbildung an einer FH eine Beihilfe zur Deckung des Lebensunterhalts.

Manuela Vollmann, ABZ Austria „ Es braucht vielfach noch eine Änderung der Unternehmenskulturen und Brainskripts. Frauen über 40, die noch eine neue Ausbildung abschließen, sind hoch motiviert. Unternehmen, die dies erkennen und auch Quereinsteigerinnen abseits der jungen Generation eine Chance geben, haben langfristig gesehen einen klaren Wettbewerbsvorteil im War for Talents.“

1000 Frauen sind FiT

Bundesweit erhalten laut AMS rund 1000 Frauen jährlich eine Ausbildung im Rahmen des Programms FiT, knapp zehn Prozent davon im Metallbereich. In Wien haben sich in den letzten Jahren fast 260 Frauen jährlich für die Metall-Ausbildung gemeldet, eine beachtliche Zahl bezogen auf die gesamt 6593 unselbstständig Beschäftigten in der Wiener Metallbranche. Heuer sind bereits 117 Frauen im Bereich Kolleg/ FH und 119 mit dem Ziel Lehrabschluss gestartet. Die Teilnehmerinnen bringen generell gute Voraussetzungen mit. In den Stellenausschreibungen wird Lernbereitschaft verlangt, Verantwortung, Teamfähigkeit, Genauigkeit, Selbstständigkeit und Pünktlichkeit. Wenn Frauen mit 37 Jahren noch eine Mechatronikerinnen-Lehre beginnen oder eine FH, ist ihre Lernbereitschaft und Selbstständigkeit unbedingte Vorrausetzung. Die Ressonanz der Unternehmen auf FiT ist sehr positiv. Wir haben gute Verbindungen zur Industrie und stellen fest, dass das Bewusstsein für Gender tendenziell steigend ist.“ Bis vor etwa einem Jahr wurden Frauen kaum zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, ein Blick auf den Lebenslauf mit den Fakten Frau und vielleicht noch Kind war ausreichend für eine Nichtbeachtung. Das hat sich geändert. Unternehmen erkennen, dass Gender eine andere Kultur zur Folge hat, einen anderen Umgang miteinander. „Zudem bringen Frauen die aktuellste Ausbildung mit.“ Im Programm FiT wird laut Vollmann der Wirtschaftsaufschwung und daraus folgend die starke Nachfrage nach FacharbeiterInnen deutlich sichtbar.

Die Lern-Praxis

Eine FiT-Frau ist Doris Snitily, die nach der Absolvierung von Hauptschule und Polytechnischem Lehrgang im heurigen März ihre Ausbildung zur Metallbearbeitungstechnikerin begonnen hat. „Ich kam durch das AMS zu FiT“, berichtet sie und zeigt sich mit der Betreuung sehr zufrieden. „Für mich war von Anfang an klar, dass ich im Metallbereich tätig werden möchte.“ Zwei Praxistage, bei denen sie ein Messing- und Aluherz produzierte und verschiedene Produktionsmaschinen kennenlernte, haben ihre Entscheidung gefestigt. Die derzeitige Ausbildung am BAZ in Wien bewertet sie als sehr professionell. „Es bieten sich hier sehr viele Möglichkeiten, viele unterschiedliche Maschinen.“ In einer kleineren Firma hätte sie nie diese Möglichkeiten. Derzeit befindet sich Doris Snitily im Modul Schweißen, übt Schweißnähte auf Blech. „Jetzt, wo ich mich näher damit beschäftige, schaue ich z. B. bei Gleisen, welche Nieten und Nähte notwendig und verarbeitet sind.“ Ihre Zukunft sieht sie bei ÖBB oder den Wiener Linien. Blick voraus: Handwerklich-technische Berufe haben Zukunft, ist die 26-Jährige überzeugt, Metall werde immer und überall gebraucht. Ihr Rat für Mädchen und Frauen, die sich für einen technischen Karriereweg interessieren: „Einfach probieren, zu FiT gehen und sich beraten lassen.“ Doris Snitily ist eine Frau, die Neuem gegenüber aufgeschlossen ist. Auch zu Hause werkt sie selbst. „Ich bin alleinerziehende Mutter einer 10-jährigen Tochter. Handwerker werden nur im Notfall beauftragt.“ Angesprochen auf die oft anfallenden Zwischenprüfungen lacht sie: „Meine Tochter sieht die Lernunterlagen und beginnt, mir Fragen zu stellen.“ Das sei ein Vorteil, da sie sich den Stoff dann leichter merkt. „Ich habe auch ein Blech mit dem Namen meiner Tochter gefertigt und ihr dann die Schweißnaht erklärt.“

Autor/in:
KARIN LEGAT

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