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"Wir bauen in Österreich zu fast 90 Prozent massiv. Den Stahl künftig komplett aus dem Bauwesen zu verbannen, wird nicht funktionieren", sagt Stahlbauverband-Geschäftsführer Georg Matzner.

Georg Matzner: „Jammern bringt niemanden weiter"

15.10.2020

Interview. Im Gespräch mit METALL erzählt Stahlbauverband-Geschäftsführer Georg Matzner, wie es der Branche in der Krise geht, wie er die Zukunft des Materials Stahl einschätzt und warum er trotz aller Schwierigkeiten für die Beibehaltung der CE-Kennzeichnung ist.

METALL: Aktuell scheint sich die Corona-Gesundheits- und damit auch die Wirtschaftskrise im Land wieder zu verstärken. Wie ist es der Stahlbaubranche denn bisher in der Krise ergangen?
Georg Matzner: Natürlich hat es bei dem einen oder anderen Unternehmen leichte Umsatzreduktionen gegeben. Grundsätzlich habe ich aber das Gefühl, dass die Branche bis jetzt sehr gut durch die Krise gekommen ist. Die Betriebe haben sich sehr schnell auf die Situation eingestellt, Maßnahmen umgesetzt und gelernt, mit ihr zu leben.

METALL: Das zahlreich befürchtete Auftragsloch in diesem und im nächsten Jahr ist in der Branche also kein Thema?
Matzner: Natürlich gibt es diese Befürchtung auch in der Stahlbaubranche. Allerdings habe ich auch diesbezüglich von den Unternehmen bis dato keine Beschwerde vernommen, dass etwa Investitionen in großem Maße zurückgehalten werden. Es ist vermutlich damit zu rechnen, dass es zu Verzögerungen bei Baubescheiden kommen wird, was wiederum zu einer scheinbaren Auftragslücke führen kann. Das muss man natürlich grundsätzlich versuchen zu verhindern. Bis jetzt gehe ich aber nicht davon aus, dass die Betriebe in der Stahlbaubranche mit schwerwiegenden Folgen rechnen. Und Jammern bringt ja bekanntlich auch niemanden weiter.

METALL: Apropos Corona – im nächsten Jahr wäre wieder der Stahlbautag – dieses Mal in Graz – geplant. Weiß man schon, ob der stattfinden wird?
Matzner: Nein, wird er nicht. Da die Zukunft hinsichtlich Veranstaltungen derzeit nicht planbar ist und wir als kleiner Verband auch nicht die finanziellen Mittel haben, um entsprechende Präventionskonzepte etc. vorzulegen, hat der Vorstand beschlossen, den Stahlbautag 2021 abzusagen. Wir werden aber einige kleinere Veranstaltungen organisieren, die sich kurzfristiger planen lassen, um auch in dieser Zeit für die Branche da zu sein. 

METALL: Wie sieht es dann mit dem Stahlbaupreis aus?
Matzner: Diesen wird es geben. Die Projekte können ab 1. Dezember 2020 unter www.stahlbauverband.at eingereicht werden. Die Bekanntgabe des Gewinners erfolgt dann am 6. Mai 2021.

METALL: Großes Thema beim letzten Stahlbautag 2019 war unter anderem die Digitalisierung. Immerhin sieht sich der Stahlbau bei der Planung diesbezüglich als Vorreiter.
Matzner: Anders als in der Automatisierung, die im Stahlbau nur sehr schwer realisierbar ist, ist die Digitalisierung in der Planung schon weiter fortgeschritten, weshalb die eigentlichen Elemente, die im Stahlbau gefertigt werden, auch grundsätzlich BIM-tauglich sind. Aber auch hier gibt es noch offene Fragen, speziell was die Schnittstellenthematik betrifft. Um das Thema weiter voranzutreiben, haben wir im Verband Anfang des Jahres die Arbeitsgruppe BIM mit dem Vorsitzenden Peter Spreitzer eingerichtet. BIM ist ja nichts anderes als ein langfristiges Digitalisierungsprojekt in der gesamten Baubranche. Mit unserer Arbeitsgruppe wollen wir uns nun aber vor allem auf die Frage konzentrieren, was im Stahlbau diesbezüglich sinnvoll sein könnte, und wir wollen die Unklarheiten, die in diesem Zusammenhang vorherrschen, beseitigen. 

METALL: Unklarheiten, nicht unbedingt in der Stahlbaubranche, aber in der Bevölkerung, gibt es auch immer wieder im Zusammenhang mit dem Brandschutz. Stahl wird immer wieder vorgeworfen, dass er die Anforderungen an den Brandschutz nicht erfüllen kann, was faktisch nicht stimmt. Hat der Stahlbau ein Imageproblem?
Matzner: Ich glaube nicht, dass das Pro­blem am Image liegt. Es geht auch darum, den Fakten zu folgen. Schon vor Jahren hat man nachgewiesen, dass es, unabhängig vom Baumaterial, in Österreich keine Brandtoten aufgrund eines einstürzenden Gebäudes gibt, die Todesursache ist immer eine Rauchgasvergiftung. Wollte man in Österreich Tote durch Brände verhindern, würde es nichts bringen, die Anforderungen an Material, Anstriche etc. noch weiter in die Höhe zu schrauben. Viel wichtiger wäre die Vorschrift von Brandmeldern in jedem Zimmer eines Hauses. Der Stahl jedenfalls ist, was den Brandschutz betrifft, genauso sicher wie jedes andere Baumaterial. Es liegt jetzt auch an den Planern, Behörden und an der Feuerpolizei, das anzuerkennen. 

METALL: Gleichzeitig gilt Stahl auch nicht als besonders klima- und ressourcenschonend. Wie sehen Sie die Zukunft des Materials auch vor dem Hintergrund der Erreichung der Klimaziele?
Matzner: Wir bauen in Österreich zu fast 90 Prozent massiv – Stahl komplett aus dem Bauwesen zu verbannen, ist also grundsätzlich keine Option. Ich glaube aber, dass die Materialintensität, egal ob Stahl oder Beton, künftig sinken wird, da in diese Richtung sehr viel geforscht wird. Gleichzeitig verfügen auch die Stahlwerke  über die chemischen Prozesse, um Stahl mithilfe von Wasserstoff herzustellen. Die Frage, die wir uns noch stellen müssen, ist, woher wir genügend umweltfreundlichen Strom herbekommen, dann steht dem „Greening“ des Stahls nichts im Weg.

METALL: Zum Schluss noch ein sehr aktuelles Thema, die Bauprodukteverordnung. Die EU-Kommission berät gerade, wie es mit ihr weitergehen soll. Welchen Schritt würden Sie hier begrüßen?
Matzner: Wir treten weiterhin für das Beibehalten eines europäischen Marktes für Stahlbau und die CE-Kennzeichnung ein. So schlecht es am Anfang auch gewesen sein mag, die stahlbau-technischen Aspekte der CE-Kennzeichnung sind geklärt. Die administrativ- rechtlichen Unklarheiten bestehen aber noch immer und die muss die Europäische Kommission beseitigen. Die Betriebe wollen endlich Klarheit! Ein ersatzloses Streichen der Bauproduktenverordnung und den Rückfall in Nationalismen würde schwerwiegende Folge nach sich ziehen und das will keiner in der Branche.
 

Autor/in:
Theresa Kopper
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