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Innungsmeister Harald Schinnerl appelliert an die Metalltechnik-Betriebe, die Sicherheitsmaßnahmen strikt einzuhalten.

Innungsmeister Harald Schinnerl: Weitermachen nach der Panik

20.04.2020

„Technik ist Teamleistung und Kommunikation.“ Über die Herausforderungen in unsicheren Zeiten haben wir mit dem österreichischen Bundesinnungsmeister und nö Landesinnungsmeister Metall­technik, Harald Schinnerl, am Telefon gesprochen.

METALL: Herr Innungsmeister, wie geht es Ihnen?

Harald Schinnerl: Naja, ich sitz hier zu Hause und schau mir die Welt an … Aber im Ernst: Als im März die Baustellen eingestellt wurden, hat uns das sehr, sehr wehgetan. Aus meiner Sicht waren die ersten zwei Wochen die pure Panik. Ad hoc alle Baustellen eingestellt, wir durften nicht mal mehr Naturmaße nehmen. Diese Panikreaktion hat die Sache extrem verschärft. Dazu kamen die permanenten Änderungen der Rahmenbedingungen. Das beschäftigt uns jetzt am meisten.

METALL: Ist Ihr Betrieb geöffnet?

Schinnerl: Ja. Der Gesetzgeber bekennt sich ja ganz klar dazu, dass die Baustellen offen zu halten sind. Das war von Anfang an so gedacht, allerdings mit einem etwas schwammigen Begleitschreiben in Bezug auf die Sicherheit der Mitarbeiter. Und dann haben sehr viele Baufirmen aus Haftungsgründen die Baustellen geschlossen. Das war natürlich für unsere Unternehmen – auch für meines – ein sehr großes Problem. Der Gesetzgeber hat eigentlich gesagt: Ihr dürft und sollt arbeiten – weshalb uns Metalltechnikern dann auch keine Entschädigung zusteht – aber die großen Baufirmen hatten ihre Baustellen gesperrt, und wir konnten also gar nicht arbeiten. Das war ein Hammer! Diese gravierenden Entscheidungen sind am Wochenende gefallen, und wir mussten am Montag früh von 36 Monteuren 34 wieder heimschicken. In der Zwischenzeit sind in mehreren Verhandlungen und durch Drängen auf Sozialpartnerebene Erleichterungen vereinbart worden, und ich glaube, dass die Regierung auch entsprechenden Druck auf die großen Baufirmen ausgeübt hat. Diese haben ihre Baustellen nun sukzessive wieder geöffnet, sodass wir derzeit bis auf wenige Ausnahmen wieder auf die Baustellen können. 

METALL: Unter strengen Sicherheitsrichtlinien …

Schinnerl: Jetzt versuchen wir natürlich, unsere Mitarbeiter so gut wie möglich zu schützen, aber wo kriegen wir die Gesichtsmasken her? Schutzbrillen und -handschuhe usw. haben wir in ausreichendem Maß auf Lager, auch Desinfektionsmittel, aber das mit den Masken stellt uns vor ein großes Problem.

METALL: Und die anderen Aufträge?

Schinnerl: Wir bemerken, dass sich die Privatkundschaft komplett eingeigelt hat. Da gibt es nicht einmal mehr Anfragen. Die wollen jetzt offenbar keinen Besuch oder Handwerker bei sich haben. Außerdem sind jetzt einige unserer Leute im Homeoffice. Dieses Krisenszenario ist in unserer Branche auf Dauer nur sehr bedingt vorstellbar. Technik ist eine Teamleistung und Teamleistung heißt Kommunikation. Und diese Kommunikation kann bei uns nicht nur über Skype gehen, da besteht die Gefahr, dass die eine oder andere Sache verloren geht und Mängel oder Fehler entstehen. Es gibt Teile, die man ins Homeoffice auslagern kann, aber die Stammkompetenz muss einfach bei uns im Haus sein. Die jetzige Situation ist jedenfalls sehr aufwendig.

METALL: Ohne Einschränkung läuft's auch bei Ihnen nicht? 

Schinnerl: Nein, wir haben die Mitarbeiter in verschiedene Teams aufgeteilt. Wir wechseln im Wochenrhythmus. Damit wir für den Fall, dass jemand vom Virus betroffen wäre, nicht gleich die ganze Belegschaft verlieren.
Auch kommt die Montage kaum noch ins Werk, die Montagewägen fahren von zu Hause direkt auf die Baustelle, damit wir auch hier im Werk nicht zu viel Bewegung haben. Wir haben also schon eine Reihe von Begleitmaßnahmen gesetzt, und eineinhalb Mitarbeiter beschäftigen sich seit mehr als zwei Wochen nur noch mit den organisatorischen Aufgaben im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen. Das ist nicht normal.

METALL: Planen Sie Kurzarbeit?

Schinnerl: Ja, wir werden einen Teil der Belegschaft dazu anmelden. Mit den geteilten Teams schaffen wir nicht die volle Arbeitszeit. Das Bittere daran ist, dass die Aufträge sogar im Haus wären. Aber wenn jetzt die Mitarbeiter in einer Woche fünfzig Stunden machen würden und dafür in der anderen Woche daheim sind, dann geht sich das auch nicht wirklich aus. Wenn ich bedenke, wie sehr wir früher Groschen gezählt haben, um Kosten zu sparen, und jetzt müssen wir alles mit viel mehr Aufwand machen. Das ist ja alles nicht so kalkuliert! Auch die Baustellen sind nicht so kalkuliert, das heißt, die Verluste zeichnen sich bei allen jetzt schon ab. Bei unserem Betrieb ist sicher mehr Arbeit im Haus als nur für die Hälfte der Belegschaft. Schlimm ist diese Ungewissheit, dass wir nicht wirklich wissen, wie lange das Ganze dauert.

METALL: Kommt es auf Lieferantenseite ebenfalls zu Einschränkungen?

Schinnerl: Aus dem italienischen Raum kommt überhaupt nichts mehr. Andere Zulieferer fahren ähnlich wie wir einen „Schichtbetrieb“ mit geteilten Teams. Bei den Stahllieferanten oder den Verzinkern bemerken wir etwa eine Halbierung der Abhol- und Lieferfrequenzen. Die Wirtschaft entschleunigt sich schon sehr stark – aber sie bleibt am Leben.

METALL: Wie sieht’s bei den Facharbeitern aus?

Schinnerl: Beim herrschenden Facharbeitermangel beschäftigt jede größere Firma natürlich auch Facharbeiter aus den angrenzenden EU-Ländern. Und die kommen jetzt ohne entsprechende Gesundheitspapiere nicht mehr über die Grenze. Das dauert und kommt zu den ganzen Verzögerungen noch dazu. Gleichzeitig kann sich auch hier täglich alles ändern. Die Verschärfungen machen schon nervös.

METALL: Die WKO-Wahlen haben vor Kurzem stattgefunden. Bleiben Sie Bundesinnungsmeister?

Schinnerl:  Als Landesinnungsmeister in Niederösterreich hab’ ich ein sehr gutes Wahlergebnis erzielt, aber die konstituierenden Sitzungen sind ja alle aufgrund der ­Corona-Krise verschoben worden. In der Bundesinnung hoffe ich, dass man mich für meine nunmehr letzte Periode als Innungsmeister wiederwählen wird.

METALL: Wie lautet Ihr Appell an die österreichischen Metalltechnik-Betriebe?

Schinnerl: Mein Appell wäre, dass wir uns wirklich strikt an die Sicherheitsmaßnahmen für unsere Mitarbeiter halten. Und dass wir unsere Mitarbeiter vor allem dahingehend anleiten, dass sie diese Maßnahmen auch einhalten. Der Auftrag an die Branche lautet, darauf zu schauen, dass das Personal sich an die Sicherheitsvorschriften 
hält!

 

Autor/in:
Gerhard Rainer
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