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Jiří Kuliš, Generaldirektor der BVV/Messe Brünn

Messen sind wie Einkaufszentren

07.05.2020

Die Messe Brünn (BVV) will die unterbrochene Saison im September neu starten.

Optimismus für den Brünner Messeherbst: „Wir sehen uns ohne Maske!“

„Ich hoffe, dass sich die Lage in der Tschechischen Republik und in Europa allgemein in den kommenden Monaten beruhigen wird und wir die Messesaison ab Ende August starten können. Wir haben den Vorbereitungsplan der für uns wichtigsten Industriemesse MSV angepasst, damit Austeller mehr Sicherheit über die Machbarkeit der Messe haben. Wir intervenieren so viel wie möglich bei der tschechischen Regierung“, sagt Jiří Kuliš, General Manager, über die aktuelle Situation der BVV/Messe Brünn AG.

Was hat Corona bei Ihnen verursacht?

Jiří Kuliš: Zwar wurde niemand im Unternehmen krank, aber die Gesundheit des Unternehmens wurde durch das Virus stark beeinträchtigt. Damit sind wir nicht allein. Die gesamte Messewelt war der Pandemie völlig unterworfen. Der etablierte europäische Messekalender ist gestört, was viele Änderungen bringen wird, auch in unserem Kalender. Ich glaube, dass die Aussteller die Situation als außergewöhnlich betrachten, aber diese Plattform weiterhin brauchen.

Wie ist die Situation in der Tschechischen Republik?

Kuliš: Die Regierung ergriff bald drastische Maßnahmen, einschließlich der Schließung von Grenzen. Die Epidemie ist dadurch unter Kontrolle und die Zahlen sind ermutigend. Auf der anderen Seite hat die Wirtschaft, einschließlich uns, gelitten. Messen wurden ebenso verboten wie Festivals, Konzerte oder Sportevents. Wir lehnen es ab, in denselben Korb mit Festivals und Fußball unter der undefinierten Kategorie von „Massenveranstaltungen“ subsumiert zu werden. Messen sind logistisch wie Einkaufszentren, sie sind in erster Linie B2B-Plattformen, auf der sich Händler treffen, und nicht die breite Öffentlichkeit. Das müssen die Regierungen in Betracht ziehen.

Aber einige Messen sind sehr gut besucht?

Kuliš: In einigen Fällen besuchen bei uns fünfzig- bis hunderttausend Menschen eine Messe innerhalb weniger Tage. Die Besucherzahlen werden tagsüber auf einem großen Bereich des Brünner Messegeländes verteilt. Das ist unser Hauptargument. Dies ist kein Stadion, in dem 20.000 Menschen gleichzeitig anwesend sind. Messeverwaltungen haben Erfahrung in der Regulierung des Personenverkehrs. Ich sehe keinen Grund, warum Regierungen Messen verbieten sollten, wenn Einkaufszentren eröffnet werden. Es wäre diskriminierend.

Hat die tschechische Regierung einen Zeitplan für die Lockerung der Maßnahmen?

Kuliš: Ein Zeitplan ist vorhanden. Es hängt vom Rückgang der Epidemie ab. Sommermassenfestivals wurden verboten, aber die Eröffnung von Einkaufszentren wird für Anfang Juni erwartet. Die unterbrochene Messesaison wollen wir Ende August mit der Messe „Styl / Kabo“ beginnen. Die Messe ist eigentlich ein B2B-Supermarkt. Wir sagen der Regierung, dass sie uns auch öffnen muss.

Was sind die anderen Hindernisse neben dem aktuellen Messeverbot?

Kuliš: Das größte Hindernis sind geschlossene Landesgrenzen im Schengen-Raum. Die EU hat in diesem Sinne aufgehört zu existieren. Reisende aus anderen Ländern können nicht nach Europa reisen. Dies ist ein großes Problem für Messen, insbesondere für solche, die wirklich international sind. So nehmen beispielsweise die Hälfte der Aussteller und ein Fünftel der Besucher aus dem Ausland an der Internationalen Maschinenbaumesse in Brünn teil. Aussteller aus Deutschland, Italien, Österreich, der Slowakei und der Schweiz sind wichtig. Ausländische Aussteller erwarten auch ausländische Besucher aus Nachbarländern. Das Reisen muss entspannt sein, sonst kann keine internationale Messe funktionieren.

Welche weiteren Hindernisse gibt es?

Kuliš: Die Massenverschiebung der Messetermine findet europaweit statt. Der Kalender wird im Herbst 2020 und im Frühjahr 2021 immer dichter werden. Da wird es dann viele branchenähnliche Messen gleichzeitig geben, und wir werden in unnötige Konkurrenz treten. Paradoxerweise kann dies regionale Messen stärken.

Welche Messen wurden in Brünn storniert?

Kuliš: Die Frühlingsmonate März und April bilden normalerweise den Höhepunkt der Aktivitäten des Ausstellungszentrums. Es war schmerzhaft, die „Techagro“, die drittgrößte Agrartechnikmesse in Europa, die Elektromesse „Amper“ und die Fachmesse „Salima“ für Lebensmittel und Lebensmitteltechnologie abzusagen. Die Winzer freuten sich auf die Weltweinausstellung mit Tausenden von Experten aus aller Welt. Wir haben mit den Verbänden vereinbart, die „Techagro“ auf April 2021 zu verlegen, und im November einen alternativen Termin für die „Salima“ gefunden. Dieser Termin scheint sogar noch passender zu sein.

Wie ist die Aussicht für die diesjährige MSV?

Kuliš: Als Optimist würde ich die diesjährige Industriemesse MSV als Plattform sehen, um die gestörte Wirtschaft und Industrie neu zu starten. Die Hauptvision von MSV ist für mich, dass die Leute keine Masken mehr tragen und dass die Hände geschüttelt werden. 

Wird die Bedeutung persönlicher Bindungen stärker oder werden digitale Plattformen wettbewerbsfähiger?

Kuliš: In vielerlei Hinsicht erinnert mich die Gegenwart sehr an die Zeit nach dem Angriff auf das World Trade Center in New York, den ich in Amerika erlebt habe. Schon damals war die Rede vom Beginn virtueller Messen im Internet, von Videokonferenzen und dem Ende von Messen. Es ist nicht passiert. Die digitalen Konferenzen sind nur ein Ersatz. Außerdem sehen die Leute auf den Monitoren nicht sehr gut aus, was hauptsächlich für mich persönlich gilt, sodass ich Videokonferenzen vermeide. In allen jetzigen Interviews mit Firmenchefs steht es, dass ihnen der persönliche Kontakt zu Geschäftspartnern oder Mitarbeitern fehlt.

Was machen Ihre Mitarbeiter?

Kuliš: In der Tschechischen Republik wird der Begriff „Unangestellter“ verwendet, also Menschen, die staatliche Unterstützung in Form von Kurzarbeit erhalten. Das Management und ein Teil des mittleren Managements befassen sich mit täglichen Krisenmaßnahmen. Teams, die MSV und andere Veranstaltungen vorbereiten, einschließlich Jahr 2021, arbeiten von Zuhause aus. Ich habe das Gefühl, dass sie es nicht sehr genießen und gerne in die Büros zurückkehren würden. Home Office und Skype sind keine Lösung. Wichtige Entscheidungen erfordern lebhafte Diskussionen und kollektive Vernunft.

Bekommt die Messe Brünn Staatshilfe?

Kuliš: Ich fürchte, es wurde völlig vergessen, dass wir die ersten waren, die zu 100 Prozent betroffen waren. Die Hauptthemen sind nun Gaststätten, Tourismus, Hotels. Aber Hotels und andere sind generell auch sehr von Messen abhängig. Wenn wir leiden, leiden die auch. . Wir werden alle möglichen Steuererleichterungen, Unterstützungen oder Entschädigungen des Staates verwenden. Aber das alles wird uns nicht helfen. Wir brauchen die Freigabe unserer Aktivitäten, grenzüberschreitenden Reisen und ein Comeback zu normalem Leben so schnell wie möglich.

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