Direkt zum Inhalt

Was ist die Leistung?

13.05.2014

Mangelnde Präzisierungen vonseiten der zuständigen EU-Behörden bescheren den Stahlbauern eine drohende Rechtunsicherheit bei der Anwendung der europäischen Stahlbaunorm.

Von den Mitgliedsbetrieben des Österreichischen Stahlbauverbandes (ÖSTV) geht man davon aus, dass sie die Stahlbaunorm EN 1090-2 in allen Einzelheiten kennen. In allen Einzelheiten? Viele wichtige Details im Vollzug der EN 1090-1 seien noch gar nicht ausreichend definiert, kritisiert der ÖSTV. Besonders die großen Stahlbauer, die national und international beachtete, hochkomplexe Projekte realisieren, klagen über eine drohende Rechtsunsicherheit in der Auslegung der in der EN 1090-1 festgeschriebenen Bestimmungen.

 

Produkt oder Werk?

Es dreht sich um die zentrale Frage, ob eine Stahlkonstruktion als „Bauprodukt“ oder als „Bauwerk“ einzustufen ist. Komplexe Projekte wie Brücken – oder etwa die Überdachung des neuen Wiener Hauptbahnhofs – sind ja viel mehr als die Summe aller Einzelteile (Schrauben, Träger, Stützen, Bleche, Binder, Pfetten, etc.). Erst im vom Stahlbauer konzertierten Zusammenspiel werden diese Einzelteile zum höchst individuellen Bauwerk. Manchmal sind das bis zu zigtausend Teile. Werkszeugnisse, Prüfbescheinigungen, Protokolle usw. für dieses Bauwerk werden ohnehin beim Projektstart mit dem Bauherrn vereinbart und spätestens bei der Abnahme des Bauwerks mit übergeben.

In dieser Vereinbarung ist üblicherweise festgelegt, was und in welchem Ausmaß zu dokumentieren (= die Projektdokumentation) ist, und wie der Prüf- und Inspektionsplan (QT-Plan) bzw. die nach EN 1090-2 verpflichtende Qualitätsdokumentation aussieht. Der ÖSTV hat in diesem Zusammenhang auch Muster-QT-Pläne für Stahlkonstruktionen der Ausführungsklassen 2 und 3 erstellt.

Was ist nun aber laut EN 1090-1 die „Leistung“ einer Brücke, einer Bahnsteigüberdachung oder einer Stahl-Glas-Architektur? Wie zum Beispiel wird die Leistung am Hauptbahnhof Wien bescheinigt, mit zigtausend einzelnen Leistungsbeschreibungen, oder – für alle sinnvoller – durch die Projektdokumentation? Schließlich können die relevanten, wesentlichen Merkmale einer solchen Konstruktion ja erst nach der Fertigstellung beurteilt werden. Aber eine Leistungserklärung für die Gesamtkonstruktion ist nach der gegenwärtigen Normenauslegung nicht vorgesehen. Und was noch schlimmer sei: Die EU-Kommission als gesetzgebendes Organ trage nichts zur Klärung der noch offenen Fragen bei. „Die Kommission entzieht sich eigentlich ihrer Verantwortung, das muss man so brutal sagen“, kritisiert ÖSTV-Geschäftsführer Georg Matzner. Es sei inakzeptabel, dass drei Monate vor Ende der Übergangsfrist noch immer nicht klar definiert sei, welche Stahlbau“produkte“ genau von der EN 1090-1 erfasst sind. Die Lösungsaufgabe werde zwischen den europäischen Institutionen und Expertengremien (zwischen dem Normungsausschuss CEN und der EU-Kommission) wie eine heiße Kartoffel weitergereicht. „Am 9. Mai sitzen wir wieder zusammen, um zu beraten, wie man das Ganze nun vielleicht doch noch ein bisschen präzisiert“, so Matzner.

 

Ein gangbarer (Aus)Weg

In der Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma hat der ÖSTV einen Lösungsweg erarbeitet. Aus den wesentlichen, vom Auftraggeber vorgegebenen Anforderungen für ein Stahltragwerk (wie etwa Ausführungsklasse, Nutzlasten etc.) errechnet normalerweise der Stahlbauer dann die notwendigen Werte, wie beispielsweise für die Statik, fertigt dann den Auftrag und übergibt dem Auftraggeber am Schluss u.a. die Projektdokumentation, wo viel mehr relevante Angaben drinnen stehen, als in einer Leistungserklärung jemals stehen können.

Die Stahlbauunternehmen sind der Ansicht, dass das Zusammenkopieren der „Leistung“ für jede einzelne Pfette oder Stütze – in Summe sind dies zum Beispiel für eine Halle oft tausende von Leistungserklärungen – keine Informationen über die „Leistung“ des Gesamtproduktes liefert, und deshalb auch für die Marktaufsicht wenig aufschlussreich ist. Außerdem ist die WPK, die regelmäßig durch notifizierte Überwachungsstellen überprüft wird, sowieso notwendige Voraussetzung zur Ausstellung einer Leistungserklärung und zur CE-Kennzeichnung des gelieferten Tragwerks.

Dank der Hinweise des ÖSTV und der Bemühungen des OIB (Österreichisches Institut für Bauforschung) ist in der Überarbeitung des Anhang 3 der Bauproduktenverordnung (Muster zur Erstellung von Leistungserklärungen) auch explizit aufgenommen worden, dass die „Leistung insbesondere auch das Tragverhalten eines Bauproduktes … auch in Bezugnahme auf entsprechende Produktionsunterlagen oder Unterlagen über statische Berechnungen angegeben werden [darf].“

„Hier ist zum Glück gute Arbeit passiert“, lobt Matzner das OIB. Für komplexe Stahlbauprojekte sei genau das der Weg, die Leistungserklärung abzugeben. Denn überall dort, wo gemäß EN 1090-2 eine Projektdokumentation zu übergeben ist, mache der Verweis auf diese (inkl. deren Beilegung) mehr Sinn, als die Sammlung/Lieferung aller einzelnen Leistungserklärungen. Im Vorblatt zur Leistungserklärung findet sich dann lediglich der Hinweis auf die Produktionsunterlagen. „Mit dem könnte ein Stahlbauer leben. Die Produktionsdokumentation muss er ohnehin erstellen, und ein Deckblatt mit ein paar zusätzlichen Angaben und Verweisen ist ein vertretbarer Zusatzaufwand“,

sagt Matzner.

 

Stahlbau ist individuell

Ein weiterer ungeklärter Punkt heißt „Ausnahmeparagraf 5“ (*) der Bauprodukteverordnung. Nicht wenige Experten sind der Meinung, dass jedes komplexe Bauwerk aus Metall die darin genannten Ausnahmekriterien erfüllt, weil es sich ja beim Stahlbau nicht um Serienprodukte handelt. „Es gibt aber keine Donaubrücke in Serie“, merkt Georg Matzner an. „Stahlbau funktioniert nicht wie ein Fischertechnik-Baukasten. Die Teile alleine können nichts! Ein einzelner Träger erfüllt seine Funktion ja erst im Verbund mit dem restlichen Tragwerk“, so der ÖSTV-Geschäftsführer. Warum das so wichtig ist: Weil wenn es für diesen Paragraphen eine europaweit verbindliche Auslegung für Europa gäbe, wäre klar ob es für viele Stahlbauprojekte keine Notwendigkeit zur Leistungserklärung und damit der CE-Kennzeichnung gäbe. Der ÖSTV glaubt, dass das gerade für den komplexen Stahlbau zutrifft, erklärt Matzner. Aber leider lässt die Europäische Kommission die Branche im Regen stehen, weil auch hier keine klare Aussage zu bekommen ist. Und wenn hier stattdessen wieder nationale Regelungen mit je nach Land unterschiedlichen Ausnahmen einspringen (müssten), würde das den Sinn der Norm völlig untergraben.

„Jedenfalls sind wir der Meinung, dass unser Vorschlag für die Erfüllung der EN 1090-1 und der Leistungserklärung für die Stahlbaubranche umsetzbar ist“, erklärt Georg Matzner. Es sei der einzig mögliche und sinnvolle Weg, den die ÖSTV-Mitglieder als gangbar erachten und einschlagen. Für die Branche ist es nun vordringlich, dass auch die Auftraggeber diese Option verbindlich akzeptieren, und sie auch europaweit als rechtsverbindlich akzeptierter Weg anerkannt wird. Die Alternative lautet: kistenweise Ordner mit bedeutungslosen Einzelteil-Leistungsdaten übergeben. Das wäre ein Bürokratiemonster der Sonderklasse. [red]
 

*) Verordnung (EU) Nr. 305/2011 des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 9.März 2011.

Artikel 5 – Ausnahmen von der Pflicht zur Erstellung einer Leistungserklärung … a) das Bauprodukt individuell gefertigt wurde oder als Sonderanfertigung nicht im Rahmen einer Serienfertigung sondern auf einen besonderen Auftrag hin gefertigt wurde und es in einem bestimmten einzelnen Bauwerk von einem Hersteller eingebaut wird, … .

 

Autor/in:
Redaktion Metall
Werbung

Weiterführende Themen

Der Geschäftsbereich Brückenkonstruktionen soll 2018 weiter forciert werden.
Aktuelles
10.02.2018

Nach einem erfolgreichen Geschäftsjahr 2017 will Hartl Metall den Aufschwung heuer weiter fortsetzen.

Österreichisches Know-how für den Wiederaufbau im Nordirak.
Aktuelles
01.02.2018

Stahlbau. Mit modularen Paneelbrücken und technischer Unterstützung via Internet ermöglicht Waagner Biro den Wiederaufbau der wichtigen Verkehrsverbindung in Mossul.

Für das futuristische Stadiondach der Generali Arena der Austria Wien wurden bisher 500 Tonnen Stahl verarbeitet.
Aktuelles
28.11.2017

Der Bau des Tribünendachs der Austria Wien Arena ist in vollem Gang und soll im Sommer 2018 abgeschlossen sein.

Innovation, Hightech und Handwerkskunst in perfekter Kombination.
Metallbau
10.11.2017

Riegler Metallbau aus Steyr erhält für die spektakuläre Verbindungsbrücke an der Linzer Donaulände den OÖ Handwerkspreis 2017.

FDM-Inhaber Fritz Danner (li.) und Michael Danner bürgen für qualifizierte und normgerechte Schweißungen.
Aktuelles
19.09.2017

Der Laakirchner Stahlbauer FDM liefert 70 Tonnen hochpräzise Komponenten für ein Umspannwerk in Indien.

Werbung