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Mit „Effectuation“ lassen sich auch in schwierigen Zeiten mit wenigen Mitteln innovative Lösungen finden.

Die vorhandenen Ressourcen nutzen: Wie Innovation in Zeiten der Krise funktioniert

21.04.2020

Mit dem „Effectuation“-Ansatz lassen sich Innovationen und neue Lösungen auch dann entwickeln, wenn nur beschränkte Mittel zur Verfügung stehen. Diese Strategie lässt sich gerade in Krisenzeiten gut anwenden, sagt Innovationexperte Hans Lercher.

Hans Lercher ist Innovationsberater und Studiengangsleiter für Innovationsmanagement an der FH Graz.
Webtipp

Die Online-Ideen- und Innovationsplattform AnyIdea.ai hat ein besonderes Krisenservice parat – bis Ende Juni steht das Tool kostenlos zur Verfügung.

Auch in der Holzbranche spüren mittlerweile viele Unternehmen die Auswirkungen der Corona-Krise. Einige Betriebe arbeiten noch Auftragsbestände ab, andere haben auf Kurzarbeit umgestellt. Dazu kämpfen Tischlereien und Holzverarbeiter mit der Unsicherheit, wie sich die Auftragslage in den kommenden Monaten entwickeln wird.

Chance für neue Ideen

Dabei kann gerade eine Krisensituation wie die aktuelle auch die Chance bieten, die Zeit für die Entwicklung von Innovationen und neuen Ideen zu nutzen. Wie das funktionieren kann, war Thema eines Webinars, das der Holzcluster Steiermark und der Möbel- und Holzbau-Cluster OÖ gemeinsam Anfang April organisierten. Hans Lercher, Innovationsberater und Studiengangsleiter für Innovationsmanagement an der FH Graz, stellte in diesem Rahmen die Methode des „Effectuation“ vor. Diese eignet sich für Unternehmen gerade in Zeiten der Unsicherheit oder von Krisen besonders gut – weil sich damit Lösungen entwickeln lassen, auch wenn nur beschränkte Mittel zur Verfügung stehen.

Der von der US-amerikanischen Forscherin Saras Sarasvathy entwickelte Ansatz basiert auf der Idee, dass man in Krisenzeiten nicht mehr nach den Prinzipien der kausalen Logik arbeiten kann, wie sie meist bei der klassischen Projektplanung zur Anwendung kommen. Statt nach Mitteln und Wegen zu suchen, um ein festgesetztes Ziel zu erreichen, geht es bei Effectuation darum, die momentan verfügbaren Ressourcen dafür zu nutzen, um etwas Neues zu schaffen.

Effectuation: Vorhandene Ressourcen nützen

„Man beginnt dabei mit Fragen wie: Was kann ich? Was weiß ich? Welche Ressourcen habe ich und welche Ressourcen umgeben mich?“, erklärt Lercher die Idee dahinter. In einem zweiten Schritt wird dann analysiert, was sich daraus machen lässt. Danach gelte es, das eigene Vorhaben zu „exponieren“, mit anderen Leuten als „Sparringpartnern“ darüber zu reden und zu diskutieren, was daran funktioniere und was nicht. Auf diese Weise könne man letztlich auch neue Partnerschaften finden.

Prinzipien von Effectuation

Dieses Prinzip der Ressourcenorientierung sei gerade in Krisenzeiten sinnvoller und in der Regel auch günstiger, sagt Innovationsberater Lercher. Dazu kommt: Gerade unter schwierigen Rahmenbedingungen sind die Menschen oft kreativer. Nicht umsonst gebe es das Sprichwort „Not macht erfinderisch“ – was auch durch Studien bestätigt sei, wie Lercher erklärt.

Ein weiteres Grundprinzip von Effectuation ist, sich am leistbaren Verlust zu orientieren, anstatt an erwarteten Erträgen. „Dazu muss man sich die Frage stellen: Was bin ich maximal bereit zu opfern?“ Auf diese Weise stelle man auch nicht sämtliche verfügbaren Ressourcen auf einmal aufs Spiel.

Wichtig sei außerdem, unerwartete Umstände und Zufälle zu nutzen, anstatt zu versuchen, sie zu vermeiden. So können auch Dinge, die nicht im eigentlich geplanten Sinne funktionieren, einen Nutzen bringen, sagt Lercher und nennt als Beispiel die Entwicklung des „Post-it“: Dessen Erfinder arbeitete ursprünglich an einem neuen Superklebstoff, letztendlich wurden daraus die heute weltbekannten, wieder lösbaren Haftzettel.

Wirkungs- statt Lösungsorientiert

Neben dem „Grundmotto“ Partnerschaft statt Konkurrenz steht für Lercher noch das Prinzip „Wirkungsorientierung statt Lösungsorientierung“ im Vordergrund: „Ich stelle immer wieder fest, dass gerade Ingenieure oder sehr starke Führungspersönlichkeiten, felsenfest an einem Lösungsweg festhalten, wenn sie sich einmal dafür entschieden haben.“ Nach dem Motto: Es muss genau das herauskommen, was man sich vorgestellt hat. Diesem Prinzip der Lösungsorientierung stellt Lercher die Wirkungsorientierung entgegen: „Dabei geht es um die Frage, was man eigentlich erreichen will. Will ich etwa ein Regal aus Holz bauen oder will ich Stauraum schaffen?“ Ersteres entspricht der Lösungsorientierung – letzteres der Wirkungsorientierung.

Welche unterschiedlichen Ergebnisse die beiden Herangehensweisen hervorbringen können, erklärt der Innovationsexperte am Beispiel des „Space Pen“ – einem speziellen Kugelschreiber für Astronauten, der in den USA unter enormen Investitionskosten entwickelt wurde, um das Problem zu lösen, dass herkömmliche Kugelschreiber im Weltraum mangels Schwerkraft nicht funktionieren, weil die Tinte im Stift nicht in die Spitze hinunter rinnt. In Russland, wo im kalten Krieg wesentlich weniger Mittel zur Verfügung standen, fand man eine einfache, wesentlich günstigere Methode – und kam auf simple Wachsmalstifte als Schreibutensilien für den Weltraum.

Auch aus Österreich hat Lercher ein aktuelles Beispiel dafür parat, wie sich mit solchen Ansätzen neue Lösungen entwickeln lassen: So stehen in vielen Tourismusregionen die im Winter von Skiurlaubern genutzten Parkgaragen im Sommer leer. In Schladming hatte man die Idee, daraus in der warmen Jahreszeit eine E-Kart-Rennstrecke zu machen – und konnte damit auch beim steirischen Tourismus-Innovationspreis punkten. 

+++ Praxisumsetzung +++

Kreativitätstechniken

Eine Möglichkeit, um in einer Gruppe mit wenigen Mittel schnell neue Ideen zu entwickeln, ist die „Methode 635“. Bei dieser Kreativitätstechnik  erhalten sechs Teilnehmer jeweils ein Blatt Papier, das mit drei Spalten und sechs Zeilen in 18 Kästchen aufgeteilt ist. Jeder Teilnehmer muss dann in einer Zeile innerhalb von fünf Minuten drei Ideen zu einer Problemstellung aufzuschreiben. Danach wird das Blatt weitergereicht und die Ideen des Vorgängers ergänzt – so oft, bis jeder Teilnehmer jedes Blatt in der Hand hatte. Auf diese Weise können mit wenig Aufwand innerhalb von 30 Minuten bis zu 108 Ideen entstehen. Und das Verfahren lässt sich – wichtig in Zeiten wie diesen – auch einfach in Form einer Mail-Kette anwenden.

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Links:

Institut für Innovationsmanagement/FH Graz: www.campus02.at/innovationsmanagement/
Möbel- und Holzbaucluster OÖ: www.m-h-c.at
Holzcluster Steiermark: www.holzcluster-steiermark.at

Autor/in:
Thomas Prlic
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