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Vorzeigebetrieb in Sachen „Handwerk 4.0“:  Die Tischlerei Lidauer in Scharnstein.

Digital, nicht egal

17.09.2019

Produktion 4.0, multimediale Vertriebskanäle, vernetzte Planung: Die Digitalisierung wird in Zukunft auch für Handwerksbetriebe ein wesentliches Werkzeug sein, um nachhaltig Umsatz zu generieren.

Wolfgang Sparber, Geschäftsführer Tischlerei Lidauer
Bei der Digitalisierung will die Tischlerei Lidauer künftig auch das Marketing stärker mit einbeziehen.

Rechnungslegung, Planung, Fertigung, Marketingaktivitäten: Die digitale Welt ist auch im Handwerk angekommen. Nichtsdestotrotz setzen noch immer viele klein- und mittelständischen Betriebe auf analoge Tools im Arbeitsalltag, und das Thema Digitalisierung wird dabei zu oft als modernes und lästiges Anhängsel im Betrieb gesehen. Dabei schaffen schlaue Initiativen in Sachen Handwerk 4.0 einen Mehrwert für Unternehmer und Kunden – wenn man es richtig angeht. Einer, der schon früh den Schritt in die Zukunft gewagt hat, ist Tischlermeister Wolfgang Sparber von der Tischlerei Lidauer im oberösterreichischen Scharnstein. Neben dem Fokus auf traditionelles Handwerk war für ihn schon immer klar, dass stetiger Innovationsgeist Teil der Vision eines Unternehmens sein muss. Mit gut 40 Mitarbeitern ist der Traunviertler Betrieb seit mehr als 50 Jahren ein Ankerunternehmen und Vordenker der Region: „Digitalisierung muss beim Design beginnen und sich über die gesamte Wertschöpfungskette fortsetzen, nur so können Betrieb und Kunden maximalen Nutzen daraus ziehen. So ist bei uns zum Beispiel mit ‚Almm‘ ein Systemmöbel entstanden, das analoge Qualitäten, digitale Produktion, ökologische Optimierung und die Vermarktbarkeit über Internet miteinander verbindet“, erklärt der Firmen­chef. „Das Systemmöbel hat einfach das Digital-Gen und kommt meiner Überzeugung nach keinen Tag zu früh. Gerade für Betriebe, die sich auf Serienproduktion und auf Losgröße 1 ausrichten wollen, ist spätestens jetzt die Zeit für die Neuorientierung gekommen.“ 

Mensch & Maschine

In Sachen Produktion tut sich da schon einiges – viele Betriebe arbeiten mit modernen CNC- oder 3D-Anlagen, um bei der Realisierung von Möbelträumen effizient arbeiten zu können. „Wir haben die Prozesse in diese Richtung sehr aktiv forciert und uns durch die Entwicklung selbst in die Veränderung gezwungen“, erzählt Sparber im Gespräch mit dem Tischler Journal. Was sich nach viel Mühe und Tatkraft anhört, macht ihm aber auch viel Spaß: „Wir wollen als Leitbetrieb unseren Beitrag dazu leisten, dass das Thema vorangetrieben wird und gleichzeitig den Blick auf das traditionelle Handwerk nicht verlieren. Handwerk ist ja zunächst einmal eine qualitätsorientierte Haltung und damit Kern unserer Unternehmenskultur.“ Deshalb setzt Wolfgang Sparber auch auf den intensiven Austausch mit seinen Mitarbeitern. Derzeit wird ein „Kollege Roboter“ im Betrieb implementiert, der sich vor allem um besonders zeitaufwendige Arbeiten kümmern wird. Der Hightech-Mitarbeiter soll ab 2020 Fugen mit elastischem Material ausfüllen. Keine leichte Aufgabe, weil die zu bearbeitenden Formen sehr unterschiedlich sind. Die Angst, dass der Roboter in Zukunft im Betrieb den Menschen ersetzen könnte, ist für Wolfgang Sparber unbegründet: „Kein Mitarbeiter muss sich fürchten, dass sein Handwerk ersetzt wird. Schließlich kann der Roboter nur gewisse Aufgaben übernehmen. Und es braucht ja auch die Unterstützung eines Arbeiters, der den Roboter qualifiziert bedient.“ 

Perspektivenwechsel

„Die Grundvoraussetzung für einen nachhaltigen Erfolg im Handwerksbetrieb ist die manuelle Arbeit, also die Beherrschung des Handwerks“, so Sparber weiter. Aber dem Unternehmer ist klar: „Unsere Lebenswelten ändern sich und zwar deutlich schneller als früher“. In Sachen Produktion zukunftsfit kann sich der Betrieb schon mit digitalen Tools für die Planung auseinandersetzen. Seit Kurzem wird in Kooperation mit dem Holzwerkstoffhersteller Egger ein Möbelplaner angeboten, der es Kunden ermöglicht, per Mausklick Möbel nach Maß selbst zu entwerfen und im Anschluss in der Tischlerei Lidauer fertigen zu lassen. Für Sparber ist das auch ein Instrument der Kundenbindung: „Der Möbelplaner schafft großes Potenzial, weil dadurch der persönliche Kontakt mit potenziellen Neukunden möglich wird – eine perfekte Möglichkeit, die ich anderen Tischlerkollegen nur ans Herz legen kann.“  
Auch im Ladenbau, einem Bereich, in dem der Betrieb sehr stark ist, wird sich viel ändern: „Der Trend in Richtung papierloses Büro und neue Einkaufsgewohnheiten verändert auch die Bedürfnisse der Kunden – und dadurch auch die Anforderungen an eine Einrichtung, die verkaufen soll. Wir müssen auch hier neue Wege gehen.“ Bei Lidauer ist die Digitalisierung also längst kein Fremdwort mehr, aber auch das Marketing wird in Zukunft noch stärker einbezogen werden. „Aber all das ist nicht im Alleingang zu stemmen“ – deshalb ist für Sparber die Unterstützung vonseiten der Politik in Rahmen von Förderungen wesentlich. „Wir sind Profis in unserem Bereich. Bei der Digitalisierung brauchen wir alle tatkräftige Unterstützung.“

Digitaler Steigbügel

Viele Betriebe kennen das: Gerade, wenn die Geschäfte gut laufen und die Auftragsbücher voll sind, fehlt oft der richtige Impuls, um sich mit dem Thema ausei­nanderzusetzen. Hier setzen gut geplante Initiativen an, die die Betriebe im Umgang mit Digitalisierung unterstützen sollen. Einer, der sich seit geraumer Zeit intensiv mit der Unterstützung von Handwerksbetrieben im Bereich Digitalisierung beschäftigt, ist Gabriel Gruber. Als Projektmanager beim Möbel- und Holzbaucluster hat er gemeinsam mit der Bundesinnung der Tischler und Holzgestalter und der Digitalisierungsagentur eine Initiative auf die Beine gestellt, die den Betrieben ganz konkrete Inhalte und Tipps zur Umsetzung liefern soll, wenn es um das Thema Digitalisierung geht. Die geplante Fortbildungsreihe „KMU Accelerator“, auf Deutsch: Beschleuniger, soll als praxisnaher, digitaler und kompakter Digitalisierungslehrgang im Rahmen von kurzen Einheiten und Online-Seminaren digitalnahe Themen vermitteln.
Zielgruppe sind Betriebe, die in den Bereichen Planung, Produktion und Vertrieb von nationalen Best-Practice-Beispielen lernen wollen, um ihr Geschäft zukunftsfit zu machen. Und das von Profis aus dem Tischlerhandwerk: Die Vortragenden haben einen starken Bezug zur Tischlerbranche und liefern konkrete Umsetzungsbeispiele für den digitalen Wandel im Handwerk. Um wirklich herauszufinden, was den Betrieben in Sachen Handwerk 4.0 unter den Nägeln brennt, wurde eine umfassende Umfrage unter allen oberösterreichischen Tischlereibetrieben durchgeführt. „Wir wollten ganz konkret herausfinden, was die Betriebe beschäftigt, wo sie denken, gut aufgestellt zu sein, und wo noch Entwicklungsbedarf besteht und in welche Richtung sich die Unternehmen entwickeln wollen“, skizziert ­Gruber. Der Rücklauf war enorm – offenbar ist das Thema für viele Betriebe wichtig. Dabei zeigt sich: In den Bereichen Produktion und Planung fühlen sich die Tischler schon recht wohl, wenn es um Digitalisierung geht – einzig der digitale Vertrieb ist für viele noch nicht greifbar. „Hier wollen wir mit dem KMU Accelerator konkret ansetzen und an den Schnittstellen Planung, Produktion und Vertrieb Berührungspunkte kreieren und Ergänzungen anbieten“. 

Gut vernetzt

Geholfen hat dabei auch der digital furniture cluster – ein Projekt des Möbel- und Holzbau-Clusters, das zum Ziel hat, ganzheitliche Lösungsansätze für die Digitalisierung der Möbel- und Tischlerbranche zu bieten. Gemeinsam mit dem Linzer Planungs-Plattform-Anbieter Roomle und der Abteilung Industrial Design an der Linzer Kunstuniversität wurden im Zuge des Projekts sechs Prototypen realisiert, die zeigen sollen, dass individuelle Möbel in kurzer Zeit entworfen und produziert werden können. Ziel ist, vom Erstentwurf bis zum fertigen Möbel nicht länger als sechs Monate zu benötigen. Derzeit sind Möbel bereits konfigurierbar, zu kaufen sind sie aber (noch) nicht – bis 2020 soll aber eine Web-Plattform entstehen, auf der das Tool von Roomle integriert wird. Lokale Tischler können dann Produktionspartner werden. „Wir haben mit dem Projekt digital furniture cluster enorm viel gelernt und können zahlreiche Inputs und Erfahrungen für den KMU Accelerator mitnehmen“, ergänzt Gruber. „Handlungsfelder, die wir dort schon definiert haben, können so für die drei wesentlichen Bereiche Planung, Produktion und Vertrieb optimal umgesetzt werden.“

Höchst effizient

Die Mischung aus On- und Offline-Angeboten soll beim KMU Accelerator dafür sorgen, dass Tischlerbetriebe Input und Austausch zum Thema Digitalisierung gewinnen, ohne zu viel Zeit vom Betriebs­alltag abzwacken zu müssen. Welche Relevanz das Thema für KMU hat, bringt auch Rainhard Fuchs von der Digitalisierungsagentur auf den Punkt: „Es geht uns darum, Unterstützungsformate zu entwickeln und zu testen, um traditionelle Betriebe, vor allem KMU, zu unterstützen. In heimischen KMU, die in den Regionen für mehr Wertschöpfung und Mitarbeiterbeschäftigung sorgen, geht es auch darum, Wissen transparent und rasch zur Verfügung zu stellen.“ Die Zusammenarbeit mit dem Möbel- und ­Holzbaucluster und der Bundesinnung der Tischler ist für Fuchs ein wunderbares Pilotprojekt. „Ohne das Engagement aller Beteiligten wäre die Umsetzung kaum möglich gewesen – bei dieser Art der Kooperation auf Augenhöhe trifft enorm viel Expertise aufeinander.“ Als Umsetzungspartner der Betriebe ist es für die Digitalisierungsagentur klares Ziel, konkrete Praxisbeispiele sowie einen möglichen Weg in die digitale Zukunft des Handwerks aufzuzeigen.“ Die Pilotinitiative ist derzeit eine von drei, die auf ihre Wirkung geprüft werden. Für den Tischler-Piloten sind insgesamt zölf Unternehmen als Fixstarter geplant: „Wenn der erste Durchgang gut läuft, freuen wir uns natürlich über die Weiterführung des KMU Accelerators für zusätzliche Betriebe“, ergänzt Gruber.

Autor/in:
Christina Mothwurf
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