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Erotik statt Porno

30.08.2012

Die Bootsbauerfamilie Frauscher vom Traunsee in Oberösterreich gibt gehörig Gas mit ihren handgefertigten Jachten und lässt jedes Prolo-Schinakl daneben alt aussehen.

Interview: Cecile M. Lederer

Die Werft der Familie Frauscher am alten Produktionsstandort in Gmunden platzt bereits aus allen Nähten und die engen Räumlichkeiten stehen momentan in argem Kontrast zu den schnittigen Jachten, die dort geplant und gefertigt werden.

Umso größer ist die Spannung, mit der die Fertigstellung der neuen Werft nahe der Autobahn A1 bei Laakirchen erwartet wird. Auf 35.000 m2 Grund werden 3000 m2 Fläche verbaut mit dem Ziel, künftig mit mehr Mitarbeitern eine höhere Stückzahl und größere Jachten zu fertigen. Die Zusammenlegung von Produktion, Verkauf, Marketing und Controlling an einen einzigen Standort ist keine reine Prestigesache, sondern verbessert wesentlich die Prozesse und interne Kommunikation.

Tischler Journal: Wo liegen die Wurzeln des heutigen Betriebs?
Michael Frauscher: Uns gibt es seit 1927 als Familienbetrieb. Der erste Standort befand sich noch in Wien. Der Großvater Engelbert Frauscher wurde nach dem Krieg von den Amerikanern zwangsverpflichtet, weil sie einen Bootsbauer brauchten. Seit dem sind wir am Traunsee zu Hause.

Wie kam es zu der Idee, nicht einfach nur Boote, sondern so aufsehenerregende Boote zu bauen?
Wir haben ja bisher auch schöne Segelboote und Elektroboote gemacht. Trotz Krise geht der Trend vor allem zu teuren, kräftigen Motorbooten. Diesem Ruf sind wir gefolgt und bauen unsere Boote mit erotischer Ausstrahlung, die zwar luxuriös, aber nur mit dem Nötigsten ausgestattet sind. Erotik statt Porno, sagen wir bei uns intern.

Und was will der Kunde?
Gewünscht sind vor allem schnittige, starke Männerspielzeuge, die einwandfrei funktionieren müssen. Darin liegt der wahre Wert. Der Worst Case wäre „Stillstand“.

Folgen Sie aktuellen Trends beim Design?
Vom klassischen Stil im Bootsbau sind wir sehr weit entfernt, weil wir kaum Schnickschnack verbauen. Hauptsächlich machen wir, was uns gefällt, und das ist klares, puristisches Design.

Aber wir orientieren uns auch an unseren Kunden. Wir schauen uns an, wie sich diese einrichten, was als Mode getragen wird und welches Auto gefahren wird. Vereinzelt fließen solche Details auch in die Ausstattung mit ein. Zum Beispiel als Chanel-Steppung bei den Polsterbezügen. Sonderwünsche sind natürlich auch möglich. Für einen  europäischen Kunden haben wir ein rosa Boot gebaut und der Scheich hat seinen Fernseher und eine feine orientalische Tapezierung bekommen. Aber unsere Philosophie ist es, zu garantieren, dass das Ding funktioniert und gut aussieht.

Bemerkenswert: Ihre Kunden stammen mittlerweile aus ganz Europa, USA, Asien und Australien …
Wir werden oft gefragt: „Wie könnt ihr zwischen den Bergen Boote bauen. Das ist ja so, als würde man in Holland skifahren.“ Es sind aber alle guten Marken auf den kleinen Seen in Österreich, der Schweiz, Nord­italien und Amerika entstanden, weil man da Boote als Luxusspielzeug sieht.

Wir haben schon vor dem schwierigen Jahr 2009 und besonders während der Wirtschaftskrise auf den internationalen Markt gedrängt. Auch wenn die Mentalitäten verschieden sind – wir sind unserer Kundschaft sehr ähnlich und sprechen dieselbe Sprache: Wir wollen Spaß und Stil. Wir fürchten uns nicht, etwas Neues anzupacken – wir machen es einfach. Als Österreicher müssen wir uns halt beweisen.

Welche Marken stehen zu Frauscher in Konkurrenz?
Das ist schwierig zu beurteilen, weil es sich in letzter Zeit ununterbrochen ändert. Werften verschwinden, werden verkauft, tauchen wieder auf. Momentan ist ein Hauen und Stechen am Markt. Im Großen und Ganzen sind es die italienischen Motorboote von Riva, die Klassiker von Chris Craft, dem amerikanischen Bootsbauer, und die reinen Holzboote für Liebhaber von den zwei Schweizer Firmen Bösch und Pedrazzini. Die tatsächliche Konkurrenz ist aber der Swimmingpool und die neue Designerküche. Wenn das Freizeitbudget erschöpft ist, dann kauft man sich kein Boot.

Produzieren Sie ihre Jachten ausschließlich in Handarbeit?
Wir fertigen 100 Prozent mit der Hand. Es gibt für uns keine Fertigteilzulieferer, weil wir auch die Details selbst entwerfen und bei Betrieben in der Umgebung bauen lassen. Sogar Computer kommen bei uns im Wesentlichen nur im Controlling vor. Thomas Gerzer ist unser eigentliches Genie. Er ist der Entwicklungsleiter, zeichnet alles per Hand und baut die Modelle. Die Initiale „GT“ in einer unserer Produktreihen steht für seine Handschrift und nicht, wie landläufig behauptet wird, für „Gran Tourismo“.

Welche Rolle spielen Holz und der Beruf des Tischlers bei der Herstellung?
Holz spielt insofern eine Rolle, weil es für Luxus und Komfort steht. Es dient vor allem  als Dekoration und hat gute Eigenschaften in der Rutschfestigkeit. Wir verbauen hauptsächlich Teakholz. Allerdings haben unsere Boote in der Regel mehr Metallwert als Holzwert. Ein Bootsbauer ist eigentlich kein guter Tischler, weil ja alles an einem Boot gebogen ist. Allerdings muss man als Bootsbauer den Instinkt eines Tischlers besitzen, weil der Tischler gewohnt ist, immer auch das fertige Produkt zu sehen.

War die Krise bei Ihnen spürbar? Was hat sich in Ihrem Unternehmen geändert?
Wir haben unseren Betrieb brutal ändern müssen. Jetzt arbeiten wir nach dem Toyota-Prinzip (Anm.: Es verbindet die Produktivität der Massenproduktion mit der Qualität der Werkstattfertigung). Zunächst stand eine neue Ordnung im Fokus.

Die unübersichtliche Vorratslagerhaltung ist weggefallen und dazu wird das „First in – First out“-Prinzip angewandt. Zum Leidwesen meiner Frau mache ich das sogar schon im eigenen Haushalt, weil mir dieses Prinzip schon so in Fleisch und Blut übergegangen ist. Die Prozesse haben wir synchronisiert und standardisiert. Wir haben die Anzahl der Lieferanten halbiert, auch wenn es zum Teil teurer ist, dafür kaufen wir paketweise ein und haben weniger Papierkram. Die Mitarbeiter bekamen eine Stimme in Form von Plakaten, auf denen Einfälle und Ideen notiert werden können. Zudem kann man an jeder Stelle direkt in die Produktion eingreifen, somit werden gleich die Fehler vermieden, die sonst erst bei der Qualitätskontrolle aufscheinen und zu Zeitverzögerungen führen würden. Durch die Summe aller Maßnahmen haben  wir jetzt einen schlanken Betrieb. Sie haben Ihre Werft nun vergrößert und die unterschiedlichen Standorte zusammengeführt.

Unser neues Produktionssystem passt auch perfekt in die neue Werft. Die vielen Glasflächen schaffen Transparenz. Es gibt genug Licht, einen Kran, ein großes Testbecken und viel Platz.

Und was wird die Zukunft bringen?
Oft sitzen wir mit den tüchtigsten Leuten Europas zusammen, die von unseren Booten begeistert sind, am Traunsee bei einem weißen Spritzer. In solchen Gesprächen bekommen wir eine Menge an guten Ratschlägen und Ideen. Das bringt viel. Wir sind vor allem offen für neue Konzepte. Der Vater gilt ja schon als ein weltweiter Pionier auf der Elektrobootschiene. Und vor drei Jahren haben wir mit Fronius gemeinsam das erste TÜV-geprüfte, serienmäßige Brennstoffzellenfahrzeug der Welt gebaut. Erst kürzlich haben wir zum Beispiel das erste serienmäßige Hybridboot der Welt gebaut, gemeinsam mit Steyr Motors.

Allerdings sind die Einsatzbereiche dafür begrenzt, weil die Motoren sehr teuer sind. Wir sind einfach leicht zu begeistern. Solche Dinge machen uns Spaß. Nicht umsonst betiteln wir uns als „Engineers of Emotions“. Allerdings werden wir uns in nächster Zeit ein bisserl mehr mit Standards befassen müssen.

www.frauscherboats.com

Autor/in:
Redaktion Tischler Journal
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