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Möbeldesign zwischen Originalität und Funktionalität

07.06.2011

Der zu Ende gegangene Salone del Mobile in Mailand war eine Bestandsaufnahme im europäischen Möbeldesign.

Manches, was dort gezeigt wurde, wirkte einigermaßen verwirrend – etwa Möbel aus Alttextilien. Angesichts solcher Schaustücke drängt sich die Frage auf, ob es noch sinnvolles Möbeldesign gibt oder ob nur noch der Versuch vorherrscht, um jeden Preis originell zu sein.

Experimente
„Mailand ist kreativ und macht Experimente“, kann der Vorarlberger Hubert Feldkircher dem in Mailand Gezeigten durchaus positive Seiten abgewinnen, „nur so entstehen Neuerungen, die sich vom Bestand abheben“. Etwas skeptischer zeigt sich der stellvertretende steirische Landesinnungsmeis­ter Anton Ulrich: „Alttextilien, Altholz oder sonstiges altes Material finde ich sehr gut. Diese Dinge ergeben, mit neuen Materialien gemixt, ein anderes, oft sehr tolles Erscheinungsbild. Es muss dadurch aber nicht unbedingt originell um jeden Preis sein.“ Der für sein Design bekannte Tiroler Peter Hussl setzt den Akzent auf Qualität: „Ich denke schon, dass immer wieder neue Produkte von zeitloser Qualität übrigbleiben, die sich auf Dauer behaupten werden. Originalität ist wichtig, noch wichtiger aber finde ich eine klare, nachvollziehbare und möglichst in irgendeiner Form wiedererkennbare Designstrategie. Die Stühle aus Altkleidern habe ich vom Prinzip her recht interessant gefunden, ich nehme an, dass hier das Thema Nachhaltigkeit ausschlaggebend war – dass diese Stühle großen Absatz finden, bezweifle ich allerdings auch.“ Der burgenländische Landesinnungsmeister Peter Pauschenwein äußert sich gelassen: „Diese Ausreißer wird es immer geben. Auch sehr unbequeme und nicht benutzbare Möbel wird es immer geben. Aber es wird auch die Weiterentwicklung eines benutzbaren Möbeldesigns geben. Die schlichten, klaren Linien, die seit einiger Zeit das Möbeldesign dominieren, werden sich fortsetzen; aber es werden vermehrt auch Rundungen kommen. Man hat erkannt, dass die Welt nicht nur aus Ecken und Kanten besteht.“

Wohnen mit Stil
Womit Pauschenwein schon die Frage anschneidet, wohin die Trends im Möbeldesign gehen. Er verweist auf die Trends, die im Kleinen schon sichtbar werden und sich bei größeren Objekten – wie etwa Möbel – fortsetzen werden: „Derzeit kommen Rundungen nur dezent zum Einsatz und nur dort vor, wo sie als notwendig angesehen werden. Weil es aber wieder vermehrt nicht nur um Funktionalität, sondern auch um Stil geht, wird die Rundung als stilistisches Element stärker eingesetzt werden. Vorreiter bei Farben und Formen im Design sind immer die kleinen Accessoires – ob es nun ein Messergriff ist oder ein iPod. An diesen kleinen Dingen sieht man früh, wo die Reise im Design hingeht.“ Ähnlich sieht die Trends Anton Ulrich, wenn er knapp formuliert: „Geradlinig, echtes Holz mit modernen Kunststoffen, Metall und Glas kombiniert. Im Moment ändert sich nach meiner Meinung nicht sehr viel.“

Farben gefragt
Die beiden Westösterreicher legen den Schwerpunkt in der Trendentwicklung weniger auf Farben, Formen und Materialien: Sie beobachten eher einen Trend, den man ökologisch nennen könnte. So verspürt Hubert Feldkircher „einen Trend zur Nachhaltigkeit und Wertigkeit“. Und Peter Hussl findet: „Einen großen Trend kann ich nicht erkennen. Ich finde, dass immer mehr Unternehmen auf Nachhaltigkeit auch in der Produktentwicklung setzen. Wenn dieser Trend sich so weiterentwickelt, freut uns das, da wir als Hersteller von Holzmöbeln von dieser Entwicklung profitieren.“ Durchaus unterschiedlich sind die Meinungen darüber, was sich der Kunde vom Möbeldesigner erwartet. „Qualität!“, äußert Hubert Feldkircher lapidar. Dagegen verspürt Anton Ulrich mehr die Forderung nach Individualität: „Jeder Kunde erwartet ein Design, das zu ihm und zu seiner Persönlichkeit passt. Design soll beim privaten Kunden auch Wärme und Gemütlichkeit erzeugen.“ Peter Hussl sieht die Erwartungen an den Designer ähnlich, aber noch etwas umfangreicher. „Hersteller erwarten, dass der Designer ausgehend von den Fertigungsmöglichkeiten und passend zur Marke Produkte entwickelt, die funktionieren, adäquate Produktionskosten haben, der Marke entsprechen und sich gut verkaufen und möglichst eigenständig und unverwechselbar sind.

Individuelle Wünsche
Endkunden wollen Lösungen, die ihren individuellen Wünschen in allen Belangen entsprechen und dann noch Freude bereiten.“ Für Peter Pauschenwein liegt die Stärke des Tischlers in der Fähigkeit, aus dem Einsatz verschiedener Materialien eine Ästhetik zu entwickeln: „Früher war es so, dass der Tischler in erster Linie ein schönes Möbel liefern sollte. Dann gab es eine Zeit, in der es nur um Funktionalität ging. Aber die Zeit hat sich wieder gewandelt. Der Kunde erwartet vom Tischler heute, dass er ein Ambiente schafft, dass er Ästhetik schafft. Wir Tischler sind diejenigen, die mit allen Materialien arbeiten. Wir sind die Vermittler zwischen den Branchen und sind imstande, alle Materialien zu einem ästhetischen Ganzen zusammenzufügen.“ Mängel sieht der Vorarlberger Hubert Feldkircher indes bei der designerischen Ausbildung des Tischlernachwuchses: „Hier gibt es im Westen so gut wie keine Infrastruktur – es wird dem Einzelnen überlassen, sich Wissen abzuholen.“ Peter Hussl ist da schon optimistischer: „Innenarchitektonische Ausbildungen werden, so denke ich, in einigen Schulen angeboten, die sehr fundiert und gut sind. Produktdesign für Serienmöbel wird von Tischlern kaum benötigt, weshalb hier für Tischler, meines Wissens, kaum Ausbildungsmöglichkeiten bestehen.“ Anton Ulrich sieht in diesem Bereich auch den Ausbildungsbetrieb gefordert: „Durch die vierjährige Lehre ist die Ausbildung recht gut. In der Meisterschule ist sie sehr in Ordnung und außerdem wird jeder Lehrling in der Lehrzeit durch die ausbildende Firma geprägt.“ Auch Peter Pauschenwein beurteilt die Voraussetzungen während der Ausbildung als gut: „Die Grundlagen sind da. Auch an den Lehranstalten ist die Erkenntnis da, dass Design ein sehr wichtiger Teil der Ausbildung ist. Und auch in den Köpfen der Schüler ist großteils der Wille vorhanden, etwas Schönes, nicht notwendigerweise Funktionelles zu entwerfen.“ Doch für Pauschenwein erschöpft sich die Ausbildung zum Designer nicht mit der Berufsausbildung: „Gutes Design lernt man aber nicht nur durch Ausbildung, sondern wesentlich durch Weiterbildung. Die Fähigkeiten, die ein junger Meister mitbringt, sollten weiter geschult werden – etwa in Farbkursen oder in Zeichenkursen, aber auch durch Reisen. Es kommt darauf an, die Ästhetik zu schulen.“

Nachhaltigkeit im Denken und Handeln
Womit sich noch die Frage stellt, wohin sich das Möbeldesign in den kommenden Jahren entwickeln sollte. „Auf diese Frage weiß ich pauschal keine Antwort“, bekennt der Tiroler Peter Hussl. „Wir werden jedenfalls weiterhin auf unsere Kompetenzen setzen und unser Profil schärfen. Wie oben schon erwähnt, wird nachhaltiges Wirtschaften schon alleine aus Kostengründen immer wichtiger – das wird Auswirkungen auf die Produkte haben, einmal mehr, ein anderes Mal weniger.“ Die Nachhaltigkeit ist auch für Hubert Feldkircher das entscheidende Thema in der Weiterentwicklung des Möbeldesigns, während Anton Ulrich einen mehr utilitaristischen Ansatz wählt: „Wir wollen die Tischlerkunden erhalten – das erfordert beste Qualität, besten persönlichen Service und Design, das auf den Kunden zugeschnitten ist.“ Und Peter Pauschenwein nimmt einmal mehr Maß an den Designern kleinerer Objekte und bricht eine Lanze für die Universalkompetenz des Tischlers in der Raumgestaltung: „Das Möbeldesign entwickelt sich dorthin, wo die Vorreiter des Designs schon sind. Schauen wir uns das Design bei Accessoires, aber etwa auch bei Autos an: Dann sehen wir, dass Schlichtheit angesagt ist, und wir sehen, wohin sich die Farbgebung entwickelt. Wir österreichischen Tischler werden kein eigenes Design entwickeln. Aber wir entwickeln uns weiter auf dem Weg, Vermittler zwischen den Materialien zu sein. Neulich haben wir Geschäftsräume für ein Unternehmen eingerichtet, in denen es kein sichtbares Holz gab. Vorne hat man nur Stoff, Glas und Metall gesehen. Wer sonst hätte einen solchen Raum entwerfen sollen als der Tischler? Der Tapezierer, der Glaser, der Schlosser arbeiten nur mit ihrem jeweiligen Werkstoff. Der Tischler ist es, der alles verbindet und daraus ein Ganzes macht!“

(Redaktion: Ralf Siebenbürger)

Autor/in:
Redaktion Tischler Journal
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