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Der Werksalon Wien ist auch Standort für gewerblich tätige Tischler, die ihren Firmensitz hier anmelden können. 

Wie Tischler in Comaking Spaces zusammenarbeiten

12.10.2020

Eine Werkstatt, viele Möglichkeiten: Durch das gemeinsame Arbeiten in Comaking Spaces sparen Tischler Zeit und Geld, sie bleiben flexibel und profitieren von dem Wissen und der Erfahrung der anderen. 

Der Comaking Space Dornbirn bietet bis zu zehn Tischlern Platz, die sich den modern ausgestatteten Maschinenraum teilen.
Makerspaces

Quer durch Österreich

Natürlich sind Wien und Dornbirn nicht die einzigen Standorte geteilter Werkstätten im Land. Der Makerspace Carinthia in Klagenfurt z. B., gegründet von der Wirtschaftskammer Kärnten und von der Österreichischen Forschungsförderungs- gesellschaft (FFG) unterstützt, richtet sich aktuell vor allem an Start-ups und Handwerker, die sich dank des Maschinenparks und des Supports vor Ort Unterstützung bei Projekten holen möchten. 
Ein ähnliches Konzept bietet die Grand Garage: Der in der Tabakfabrik in Linz ansässige Makerspace bietet Mitgliedern den Zugriff auf über 90 professionelle Maschinen. 

Comaking Spaces: 
Dornbirn: www.comaking-space.com, 
www.timberline.at/tischlercampus
Klagenfurt: www.makerspace-carinthia.com
Linz: www.grandgarage.eu
Wien: www.werksalon.at/werkstatt

Comaking Spaces – gemeinsam genutzte Werkstätten – sind schon lange kein Einzelphänomen mehr. Sie machen für Profi-Handwerker vieles möglich, was vor allem am Anfang einer beruflichen Karriere alleine schwer zu bewältigen ist: Das Arbeiten in einer mit professionellen Maschinen ausgestatteten Werkstatt, je nach Auftragslage alleine oder zusammen mit Kollegen, den Erfahrungsaustausch untereinander und mit anderen Gewerken. Zudem einfacher sind Netzwerken und Weiterbildung, es gibt Raum und Zeit für Kreativität und für das Ausprobieren von Neuem.

Geteilte Arbeitsstätte: Ein weltweiter Trend

Der Trend, Maschinen, Güter und Fachwissen zu teilen und damit das Finanz- und Auslastungsrisiko zu minimieren, ist ein internationaler: „Auf der ganzen Welt, in der Stadt ebenso wie am Land, und in vielen Branchen gibt es den Ansatz, sich die Kosten für Betriebsstätten zu teilen und zusätzlich von einem gemeinsamen Arbeiten zu profitieren“, sagt Tischlermeister Martin Papouschek, der mit seinem Werksalon Wien seit sieben Jahren ein Vorreiter in Sachen offene Werkstatt ist. Das Motto: Nutzen statt Besitzen und Teilen von Wissen, Erfahrung, Werkstatt und Maschinen. Denn, „es ist schade, wenn teure Maschinen stillstehen, obwohl sie das nicht müssten.“

Der ursprünglich als Laborassistent tätige Wiener baute schon lange in seiner Freizeit Möbel, als er sich mit 28 Jahren entschloss, das Hobby zum Beruf zu machen und eine Tischlerlehre in einem Zwei-Mann-Betrieb in Bad Vöslau startete. Während der Ausbildung lernte er auch die Grenzen kennen, an die vor allem kleine Tischlereien oft stoßen, und es keimte 2011 die erste Idee eines Arbeitens im geteilten Raum. Die Erfahrungen einer Weltreise gemeinsam mit Betriebswirtin und Co-Gründerin ­Antoinette Rhomberg – während der man sich viele spannende Projekte rund um den Globus anschaute – überzeugten ihn endgültig davon, es mit einem Co­making Space in Wien zu versuchen. Man mietete eine Halle in Stadlau und gründete den Werksalon 2013, in diesem Jahr schloss der Wiener auch die Meisterprüfung ab. Das Angebot wurde Schritt für Schritt weiterentwickelt: Papouschek arbeitete an dem Standort als Tischler, parallel startete man mit der Do-it-yourself-Schiene (DIY), der Maschinenpark wuchs ebenso wie das Handwerker-Netzwerk. Seit Erlangen der Generalbetriebsgenehmigung 2016 ist der Werksalon auch Standort für gewerblich tätige Tischler, die ihren Firmensitz hier anmelden können. 

Werksalon Wien: Alles da, was ein Tischler braucht

Über den Sommer wurde weiter ausgebaut, nun gibt es in Summe eine Werkstattfläche von 400 Quadratmetern mit zusätzlichen Studios und Flächen, die für zwei Monate bis zu einem Jahr ab einem Preis von 400 Euro gemietet werden können. Zielgruppe sind u. a. EPU, mobile Tischler und Restauratoren, Drechsler, Meisterschüler, die Platz zum Bauen ihres Meisterstücks brauchen bzw. Gründer, die ohne große Investitionen die Selbstständigkeit ausprobieren möchten. „Im Comaking Space kann man für sich herausfinden, was man gut kann und welche Spezialisierung zu einem passt“, so Papouschek.

In Sachen Maschinen steht als nächstes die Anschaffung einer Breitbandschleifmaschine am Plan. Die Kosten, Versicherungen und die Verantwortung für nötige Wartungsarbeiten und die Abfallentsorgung übernimmt der Werksalon, all das ist im Mietvertrag geregelt.

Zudem gibt es Atelierarbeitsplätze für alle Nicht-Tischler z. B. aus den Bereichen Schneiderei, Produktdesign, Architektur, Marketing etc., und es werden Workshops zu Themen wie Möbelrestauration, Holzbrillenbau und Polsterei angeboten. Durch den regen Kundenkontakt und die ansässigen Handwerker anderer Gewerke profitieren die Mieter zusätzlich. Mit Betriebswirtin Antoinette Rhomberg können auch alle Themen, die mit Gründung und unternehmerischer Führung zu tun haben, besprochen werden.

» Comaking ist für mich gemeinsames Arbeiten in einem fachlich kompetenten, perfekt ausgestatteten Umfeld. « 
Martin Papouschek, ­Tischlermeister und GF Werksalon Wien

Coworker: Arbeiten im Netzwerk

Ein Comaking Space kann also dauerhafte Unterkunft für einen Tischler bleiben, eine Ergänzung zu einem anderen Arbeitsplatz sein oder als Sprungbrett in die Selbstständigkeit dienen. „Wir haben sehr unterschiedliche Entwicklungen erlebt“, berichtet Martin Papouschek. So haben Tischlermeister ihr Unternehmen im Werksalon gegründet und sind dann ausgezogen, weil sie sich vergrößern und eigene Mitarbeiter anstellen wollten. Sie bleiben allerdings im Netzwerk und holen sich bei großen Aufträgen Unterstützung von den Werksalon-Spezialisten. 

Comaking Space in Dornbirn

Andere wiederum möchten weiter als Einzelperson arbeiten, dabei kreativ bleiben und auch die Zeit haben, Neues auszuprobieren und sich weiterzubilden. Für diese Variante entschied sich Björn ­Weratschnig, der am anderen Ende Österreichs im neuen Comaking Space in Dornbirn eingemietet ist und „klar gekommen ist, um zu bleiben“. Der seit 2001 selbstständige Tischlermeister, der auf den Bau und die Restaurierung von Massivholzmöbeln mit traditionellen Methoden spezialisiert ist, sieht „eine große Zukunft für dieses Konzept. Alle können ihr Ding machen und ziehen dennoch an einem Strang“. Denn als Einzelunternehmer sei es schwer, die Selbstständigkeit zu finanzieren. Daher sei das Teilen von Infrastruktur und Arbeitskraft die richtige Möglichkeit, das traditionelle Handwerk noch lange zu erhalten. „Mir macht das Arbeiten hier Spaß, und ich kann durch die geteilten Kosten meinem Anspruch treu bleiben“, so ­Weratschnig. Die Vorteile liegen auf der Hand: Kleinere Aufträge arbeitet man alleine ab, größere teilt man sich mit den ansässigen Coworkern, und braucht man kurzfristig Hilfe, „muss man nicht weit rennen für eine zweite Hand.“ Auch die Kostenersparnis beim gemeinsamen Materialeinkauf ist relevant. Aktuell restauriert man übrigens ein Boot – eine ganz neue Richtung, die sich der Tischlermeister alleine nicht getraut hätte einzuschlagen. 

» Es fördert die Kreativität des Einzelnen, wenn Tischler mit unterschiedlicher Spezialisierung gemeinsam an einem Ort arbeiten. « 
Björn Weratschnig, Tischlermeister und Coworker

Tischlercampus mit modernem Maschinenpark

Der Comaking Space mit Tischlercampus, in dem Björn Weratschnig Mieter ist, wurde von Tischlermeister Werner Tauscher gegründet. Die Werkstatt beherbergt Tauschers Firma Timberline Woodworks mit sechs Mitarbeitern. Zusätzlich haben bis zu zehn Tischler Platz, die sich den modern ausgestatteten Maschinenraum teilen. Die Zielgruppen sind ähnlich wie in Wien: Unternehmen mit zwei bis vier Mitarbeitern, EPUs und Kreative mit handwerklichen Schwerpunkt Holz. 

Aktuell sind noch freie Plätze zu vergeben. Jeder selbstständige Comaker kann ungestört im eigenen Bankraum arbeiten und verfügt über eine Lagerfläche für den Waren­ein- und -ausgang.
Tauscher bietet zusätzlich eine Reihe von Serviceleistungen, wie zum Beispiel Kalkulation, Arbeitsvorbereitung, CNC-Fräsungen oder die Buchhaltung, an. Unter dem gleichen Dach befinden sich außerdem noch 20 Büroarbeitsplätze für Architekten, Planer und Kreative sowie ein Raum für Workshops. Im Sommer sind auch noch die Bregenzer Festspiele mit einer großen Fräse eingezogen. Die Möglichkeit zur Mitbenutzung öffnet die Türe zum Formenbau in breiter Dimension, beispielsweise für den Betonguss und die Herstellung von Teilen für den Eisenbahn- und Flugzeugbau. Die Miete inklusive Maschinennutzung beträgt 1500 Euro pro Monat – eine Summe, mit der man für eine eigene, vergleichbar ausgestattete Werkstatt wohl nicht durch-
käme. 
Damit alle Coworker immer informiert bleiben, gibt es in Dornbirn eine monatliche Besprechung für alle. Die Tischler präsentieren ihren Stand der Dinge, so kann man Großaufträge splitten bzw. Lücken füllen. „Das macht uns alle flexibler, auch innerhalb kurzer Zeit große Aufträge anzunehmen, die jeder für sich nicht stemmen könnte. So kann ein Betrieb sein Volumen steigern, ohne zusätzliche Mitarbeiter einzustellen“, beschreibt Werner Tauscher einen weiteren Vorteil.

» Comaking bietet Tischlern die Möglichkeit, finanziell gesichert in die Selbstständigkeit zu gehen. « 
Werner Tauscher, Tischlermeister, GF Timberline und Comaking Dornbirn

Gemeinsam statt einsam: Win-win-Situation

Wie Martin Papouschek trug auch ­Werner Tauscher die Pläne zu seiner geteilten Werkstatt lange vor der Umsetzung mit sich herum: Er sammelte nach der Tischlerlehre und der Meisterprüfung viel Berufserfahrung in der Schweiz. Während dieser Zeit reifte der Gedanke, sich selbstständig zu machen und dafür den Teamspirit anderer einzubinden. Nach seiner Rückkehr nach Österreich gründete er die Tischlerei Timberline Woodworks, u. a. auf den Bau innovativer Betonküchen spezialisiert, und verwirklichte Schritt für Schritt seine Idee: „Ich bin von dem Konzept schon lange überzeugt. Es ist nicht leicht, sich in unserer Branche selbstständig zu machen und sich innerhalb weniger Jahre ein Polster zu schaffen. Die Kosten hat man einfach immer im Hinterkopf“, sagt Tauscher, den genau diese Themen auch in den Anfängen von Timberline beschäftigten. Heute profitieren sowohl die Mieter als auch er als Betreiber: „Meine Maschinen sind ausgelastet, und durch die Mieteinnahmen muss ich nicht jeden Auftrag um jeden Preis annehmen. Ich habe Luft und Zeit für Neues und kann das Angebot für die Mit-Nutzer laufend ausbauen. Das ist für alle eine Win-win-Situation und viel besser, als Alleinstreiter zu sein“, so der 47-Jährige, der aktuell mit seinem Teilhaber Andy Keel auch an einer Ausweitung des Konzeptes auf andere Städte arbeitet.

Das Handwerk sichern – Tischlernachwuchs fördern

Ein weiteres großes Anliegen von ­Werner Tauscher ist die Förderung des Tischlernachwuchses. So möchte er u. a. in Zukunft mit der Berufsschule in Dornbirn kooperieren, indem angehende Tischler das Co­making kennenlernen und die Werkstätte auch für ihre Abschlussarbeit nützen können. Denn obwohl das Tischlerhandwerk in Vorarlberg gut aufgestellt ist, ist die Struktur – es handelt sich zu einem großen Teil um Familienbetriebe – nicht für alle ideal. „Die „jungen Wilden“ können sich oft in einem Betrieb nicht kreativ entfalten, und es fehlen Aufstiegsmöglichkeiten. Dadurch wandern gut ausgebildete Tischler ab – in andere Berufe oder ins Ausland“, so der Tischlermeister. Entgegenwirken möchte er, indem er dem Nachwuchs Entfaltungsmöglichkeiten und das Hineinschnuppern in das breite Spek­trum der Tischlerei ermöglicht – von traditionell bis Hightech. 

Autor/in:
Gudrun Haigermoser
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